Bundesforum 2017 - Teil III - Vom Einholen der Wirklichkeit (3)

Theaterpolitische Überlegungen anlässlich des Bundesforums der Freien Darstellenden Künste 2017
Von Thilo Grawe


Es gibt Austauschbedarf zwischen den Akteur*innen der Freien Darstellenden Künste, ihren Förderern und Institutionen, den Netzwerken und Festivals. Beim gemeinsamen Bundesforum trafen sie aufeinander und stellten sich der Herausforderung innerhalb weniger Stunden konkrete Handlungsempfehlungen zu formulieren. Die Frage, die Janina Benduski, Vorsitzende des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste, gleich zu Beginn der völlig überbuchten Veranstaltung so zurückhaltend stellte, ob es ein solches Forum in regelmäßiger Form brauche, scheint angesichts der Nachfrage nur eine rhetorische Frage zu sein. Wenn der Prozess der Umstrukturierung, von dem hier so oft die Rede war, in diesem Bündnis gestaltet werden soll, dann sind solche Treffen die Mindestvoraussetzung, um die gemeinsame Arbeit zu organisieren.

 

 

Martin Eifler: „Die Kulturpolitik ist under construction – aber es braucht Zeit“

Aber worum geht es eigentlich? Viele Akteure verweisen auf die prekären Bedingungen und Leerstellen der Förderstrukturen in Deutschland. Intransparente Juryprozesse, disharmonische Antragsfristen und Förderrichtlinien, die bestimmte Kooperationen, Wiederaufnahmen und Rechercheräume  strukturell unmöglich machen. Die diskontinuierliche Erwerbsbiografie, unmögliche Altersvorsorge und Pflegevoraussetzungen für Künstler*innen der Freien Szene, sowie die Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie, Innovations-, Legitimations- und Rechtfertigungszwänge sind die wesentlichen Symptome einer strukturellen Unterfinanzierung der Freien Szene. Denn neben konstruktiven Vorschlägen, wie einer Verdopplung der Antragsfristen, einer Vielfalt der Fördertöpfe und –instrumente, Anlässe und Programme für Kooperationen zwischen Kommunen, Land und Bund – die als konkrete Ideen bereits länger auf dem Tisch liegen - braucht es für deren Umsetzung vor allem eins: „Mehr Geld!“, so der Vorsitzende des Fonds Darstellende Künste Wolfgang Schneider.

 

Hans Heinrich Bethge: „Es gibt kein großes Erkenntnisproblem, aber wie wollen wir das finanzieren?“

Die Finanzpolitik hält dagegen: Um soziale Mindeststandards und kreative Freiräume zu schaffen, brauche es vor allem Zeit, so Martin Eifler aus dem Hause der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM). Sind die Künstler*innen der Freien Darstellenden Künste also einfach zu ungeduldig? Auch Günter Winands vom BKM schließt seinen Vortrag mit: „Bitte, sehen Sie uns nach, dass wir nicht immer so können wie wir wollen.“ Und schiebt nach einem Auflachen im Auditorium nach: „Aber ich will Sie auch ermutigen.“ Trotzdem beruft er sich mehrfach auf die Kernkompetenz und -verantwortung der BKM, und macht deutlich, dass der Bund nur im Falle von Projekten von „nationaler Bedeutung“ zuständig sein kann. Was auch immer „national“ heißt.

 

Wolfgang Schneider: „Die Projektförderung ist mal gemacht worden für die jungen Wilden ohne Bandscheibenvorfall und ohne Familienplanung.“

Was es brauche seien konzeptbezogene Förderungen, die ein eigenes Kulturprofil entwickeln. Dabei seien insbesondere die Städte und Kommunen gefordert, so Schneider, „Theaterentwicklungsplanungen“ zu entwerfen. Denn während sich die Freien Darstellenden Künste weiterentwickelt haben und die Künstler*innen und ihre sozioökonomischen Wirklichkeiten erwachsen sind, ist in der Förderpolitik „etwas stehengeblieben“, mahnt der Kulturpolitikprofessor aus Hildesheim. Es sei „immer gut, wenn die Interessen gemeinsam artikuliert werden.“, schlägt auch Günter Winands vor. Aber dafür brauche es aktive Interessenverbände, eine solidarische Kollektivierung statt Kannibalisierung der Freien Darstellenden Künste, und progressive Lobbyarbeit durch die Künstler*innenschaft.

 

Thomas Oberender: „Wir bewegen uns 20 Jahre hinterher: Der erste Schritt ist das Einholen der Wirklichkeit […], um dann über die Zukunft zu sprechen“

Aber wie können „Wir“ die Wirklichkeit einholen? Auf dem Weg Antworten zu finden, waren unter anderen folgende theaterpolitische Überlegungen in Berlin zu identifizieren:

 

Erstens: Arbeit an der eigenen Struktur
Professorin und Performerin Mieke Matzke beschreibt einen wesentlichen Anteil ihrer Arbeit als die „Arbeit an dem Nicht-Vorhandenen“ und damit sei die Arbeit selbst „eine politische Arbeit an der Gesellschaft.“ Die eigenen Arbeitszusammenhänge und -strukturen werden dabei, so Matzke, immer wieder neu hervorgebracht, hinterfragt und erforscht. Diese interne Umstrukturierung und Befragung der eigenen Strukturen und Produktionsbedingungen als kritische Praxis könnte am Anfang der politischen Lobbyarbeit der Künstler*innen der Freien Darstellenden Künste stehen. 

 

Zweitens: Anerkennung des eigenen Berufsbildes einfordern
Wenn auf Bundesebene Arbeiten und Projekte mit „nationaler Bedeutung“ gefordert werden sollen, so müssen die globalisierten Strukturen der Freien Szene transparenter gemacht werden, um den Legitimationsdiskurs endlich über die Bühne zu bringen. In den Freien Darstellenden Künsten geht es nicht um zivilgesellschaftliches Engagement, sondern um ein bedeutungsvolles Berufsbild, das entsprechende Anerkennung für die Arbeit, die die Akteur*innen auch jenseits ihrer einzelnen Projekte leisten, braucht. Die Freien Darstellenden Künste sind nicht nur der Spielplatz der Nachwuchskünstler*innen und Gruppen, sondern ein komplexes, diverses und polyphonisches Arbeitsfeld. Was es braucht ist ein weitreichendes Artist Empowerment auch jenseits der Nachwuchs- und bloßen Spitzenförderung - denn, „es ist ein Irrglaube, wenn man glaubt, es gebe in der Freien Szene irgendjemand, der es geschafft hätte.“, so Veit Sprenger, selbst nach 20-Jähriger gemeinsamer Arbeit von Showcase Beat Le Mot.

 

Drittens: Soziale und künstlerische Mindestanforderungen formulieren
Produktionshäuser und Künstler*innen haben Tricks und Wege gefunden, um die Leerstellen in der Förderpolitik auf kreative Weise zu umgehen, doch das befördert sie nur weiter. „Wir bezahlen unsere Künstler*innen nur noch so, dass sie sozialversichert sind“, so Wolfgang Stüssel vom Theater Strahl. Die eigenen fairen Standards als Selbstverpflichtung auf der einen und als Argumentationsgrundlage für eine progressive Kommunikation mit den Förderern auf Kommunaler und Landesebene auf der anderen Seite zu nutzen, wird hier als wesentliche Strategie beschrieben, um nicht nur irgendwie mit den strukturellen Defiziten und Herausforderungen umzugehen, sondern solidarisch gegen sie anzugehen.

 

Viertens: Netzwerke, Kooperationen und Arbeitskreise schaffen
Die Politische Lobbyarbeit funktioniert am besten, indem gemeinsame Interessen und Forderungen formuliert werden. Welche überregionalen, auch internationalen Partnerschaften können geschlossen werden? Wie können gemeinsam Fördersysteme für eine kontinuierliche, künstlerische Arbeit etabliert werden? 

 

Fünftens: Labore und Freiräume sowohl für Nachwuchs, als auch für etablierte Künstler*innen schaffen
Auch Recherche ist gemeinsame Arbeitszeit. Die bleibt bisher, zwischen den Projekten, jedoch meist unbezahlt. Die kontinuierliche Erwerbsbiografie brauche feste Strukturen und Bezahlung jenseits der Projektarbeit – auch für die Recherche, sowie die Möglichkeit Forschungsstipendien auch als Gruppe bzw. Kollektiv zu bekommen, um an einer gemeinsamen Produktions- und Arbeitsweise zu forschen. Denn, so Viet Sprenger, „wir müssen selber wieder lernen nicht produktionsorientiert zu arbeiten.“ Nur so könne sich auch etwas entwickeln, könne man sich von den Produktions- und Innovationszwängen der fristgerechten Projektarbeit lösen. Dabei muss „Künstlerische Forschung […] zu 100% gefördert werden“, betont Siegmar Schröder vom Theaterlabor Bielefeld. Dies werde oft von Förderern vergessen, sei aber Grundvoraussetzung für die Freiräume, die die Künstler*innen sich von den Laboren und Stipendien erhoffen. Dennoch sei die blinde Trennung von Labor und Produktion gefährlich – da die Forschung ein integraler Bestandteil jeder Produktion sei. Zusätzlich zu den Freiräumen der Labore außerhalb von Produktionen, bräuchte es daher auch eine Anerkennung der Recherche- und Forschungszeiten innerhalb der Projekte.

 

Sechstens: Eigene Impulse setzen
„Muss Kulturpolitik nicht auch selbst Impulse setzen?“, fragt Wolfgang Schneider. Und wenig später erwägt Daniele Koß von der Stiftung Niedersachsen, „Will ich Impulse setzen oder nehme ich Impulse auf?“ Während sich Kulturpolitik und Förderstruktur uneinig zu sein schein, wer von Beiden hier die Verantwortung trägt, inhaltliche und strukturelle Anregungen anzuregen, sollten die Künstler*innen die Leerstelle initiativ nutzen, um eigene Anliegen, Interessen, Bedürfnisse und Vorschläge im Rahmen ihrer Interessenverbände, Netzwerke und Kooperationen zu formulieren.

 

Siebtens: Den Diskurs zu den Darstellenden Künsten zur permanenten Positionierung nutzen
Nach dem Forum ist vor dem nächsten. Weiter machen!

 



Thilo Grawe studiert Inszenierung der Künste und der Medien an der Universität Hildesheim und ist Redakteur bei theaterpolitik.de