Bundesforum 2017 - Teil I - Erfordernisse von Theaterarbeit benennen und dafür Förderung fordern (1)

Zur Eröffnung des Bundesforums Freie Darstellende Künste
Von Wolfgang Schneider

„Wenn wir (also: die hier anwesenden professionellen freien Theatermacher) von „Freiem Theater“ sprechen, dann meinen wir Projekte und Ensembles aus den Sparten Sprechtheater, Musiktheater, Tanz und Performance, Objekt- und Figurentheater - und darüber hinaus eine Vielzahl von Konzepten, die über die Genregrenzen hinweg, jenseits von ihnen und irgendwo mitten zwischendrin anzusiedeln wären.“, schreibt Zeha Schröder als Zusammenfassung der Arbeitsgruppen Künstler_innen in der Dokumentation von 2007 zu einem Symposium des Fonds Darstellende Künste. Und weiter listet er auf, was Freie Theater „bei aller Unterschiedlichkeit“ verbindet: „ein grundlegend anderes Organisationssystem“, aber auch „die immer gleichen strukturellen Schwierigkeiten“ und er wagt die Prognose: „Wir haben heute die Produktionsmodelle, die morgen sowieso gebraucht werden“.


Kirsten Haß konkretisiert die sich daraus ergebenden Forderungen: „Gegenwärtig wird in der Regel durch reine Projektförderung ausschließlich das Spielbein der Theater gefördert. Wir brauchen jedoch auch eine Standbeinförderung – unabhängig davon, ob wir mit oder ohne eigene Spielstätte produzieren“, und plädiert für eine „Vielfalt der Fördertöpfe und Förderer“, aber im sinnvollen „Zusammenspiel“.
Zehn Jahre später hat sich einiges in der Theaterlandschaft entwickelt, ja man kann sogar sagen, es habe sich etwas verändert. Aus Sicht des Fonds als eingetragener Verein von Mitgliedsverbänden wie dem Bundesverband Freier Darstellender Künste, den Verbänden von Tanz, Puppenbühnen und Kindertheatern, aber auch des Amateurtheaters sowie der Volksbühnen und Theatergemeinden als Publikumsorganisationen gilt es festzuhalten: Die Förderpolitik sind „under construction“: der Prozess der Umstrukturierung  zeigt sich auch in der Ausdifferenzierung der Instrumente . Neben der klassischen Projektförderung hat sich die Konzeptionsförderung hinzugesellt, um mittelfristige Planungssicherheiten zu gewähren. Das jüngste Modell, die Initialförderung, soll den Laborcharakter des Feien Theaters gerecht werden. Das ist aber erst der Anfang. Der Fonds sieht sich zunehmend auch als kulturpolitischer Seismograf in der Theaterlandschaft, um auf Bundesebene die Förderung des Freien Theaters weiter zu entwickeln. Dies geschieht aus den Erkenntnissen der Praxis heraus, dies wird in den Sitzungen unseres Kuratoriums auf der Basis der Anträge reflektiert und dies soll heute und auch in Zukunft bei einem Bundesforum der Positionierung von Theaterkünstlerinnen und Theaterkünstlern dienen.
Mehr Flexibilität bei der Projektentwicklung brachte zum Beispiel die Verdoppelung der Antragsfristen, mehr Koordination der Förderprogramme ist auf dem Weg, besser wär selbstverständlich mehr Kooperation von Kommunen, Ländern und dem Bund. Und was vor zehn Jahren immer wieder ausgeklammert wurde, wohlweislich um die erstmals versammelten politisch und administrativ Verantwortlichen nicht von vornherein zu verschrecken, das muss heute auch auf die Agenda: Mehr Geld! Doch davon später mehr...
Zunächst einmal bedarf es aber noch weiterer konzeptioneller Überlegungen. Erlauben Sie mir deshalb noch einige Hinweise.


Erstens
Die Krise der Theaterpolitik ist die Krise der Theaterfinanzierung ist die Krise der Kulturpolitik. Kulturpolitik wird irrigerweise immer wieder als freiwillige Aufgabe deklariert, Theaterpolitik versteht sich allzu sehr als Theaterförderung und es fehlen kulturpolitische Konzepte für die Darstellenden Künste. Gefördert wird, was institutionalisiert ist, im Mittelpunkt steht die Produktion, eher selten Distribution und Rezeption. Investiert wird in Immobilien, nicht auskömmlich in das künstlerische Personal.


Zweitens
Es war die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages, die in ihrem Schlussbericht von 2007 erstmals den Begriff der Theaterlandschaft kulturpolitisch definierte, in dem sie Bund, Länder und Kommunen empfiehlt, „die deutsche Theaterlandschaft insbesondere in ihrer Vielfalt an Kooperationen, Netzwerken und Modellen zu stärken“ und „regionale Theaterentwicklungsplanungen zu erstellen, mittelfristig umzusetzen und langfristig die Förderung auch darauf auszurichten, inwiefern die Theater, Kulturorchester und Opern auch Kulturvermittlung betreiben, um möglichst breite Schichten der Bevölkerung zu erreichen“. Ein solches kulturpolitisches Instrument muss berücksichtigen, dass neben deren beiden Säulen, dem Stadt- und Staatstheater sowie dem Freien Theater, auch das weitverbreitete Amateurtheater zum selbstverständlichen Bestandteil der Theaterlandschaft zählt.


Drittens
Die soziale und ökonomische Lage der Darstellenden Künstler_innen ist überwiegend prekär. Sowohl die kürzlich vereinbarte Mindestgage des Deutschen Bühnenvereins oder die jüngst geforderte Honoraruntergrenze des Bundesverbandes Freier Darstellender Künste, sind erste Maßnahmen, um von Theaterarbeit gut leben zu können. Die jährlichen Statistiken der Künstlersozialkasse sind allerdings ernüchternd, ebenso wie die im „ensemble-netzwerk“ diskutierten Arbeitsbedingungen. Dort heißt es, dass die Freiheit der Kunst nicht die Knechtschaft der Künstler_innen bedeuten darf. Die Kriterien der Theaterförderung müssen sich deshalb in besonderer Weise auch den  sozialen und ökonomischen Bedingungen von Theaterarbeit widmen.


Viertens
Es sollen nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung sein, die regelmäßig die öffentlich geförderten Kultureinrichtungen besuchen. Diese Happy Few verstehen ihre Besuche bei den Darstellenden Künsten zudem häufig genug als soziales Distinktionsmerkmal und tragen zum traditionalistischen Verharren des institutionalisierten Theaters bei. Das sozialdemokratische Credo war und ist aber „Kultur für alle“ – und das wäre kulturpolitisch auch auf ein „Theater von allen“ zu erweitern. Jugendclubs und Bürgerbühnen sind unter anderem Formate der Partizipation und bedürfen der besonderen Förderung, ebenso wie die nicht-berufsmäßige Theaterarbeit vor allem im ländlichen Raum. Das „Bürgerrecht auf Kultur“ - eine andere Forderung kommunaler Kulturpolitik – ist nach wie vor noch zu verwirklichen.


Fünftens
Die Studie „Performing the Archive“, die in diesem Jahr im Auftrag der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und den Ländern Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Sachsen sowie der Niedersächsischen Kulturstiftung abgeschlossen wurde, macht erstmals auf den Reichtum der Bestände des kulturellen Gedächtnisses des Freien Theaters aufmerksam. Die Bewahrung der Archivalien ist aber außerordentlich gefährdet und sie bedürfen dringendst der Sicherung. Ein kulturpolitisches Programm zu den Darstellenden Künsten als immaterielles Kulturerbe ist deshalb überfällig. Analog zum Tanzfonds Erbe müssen dezentrale und digitale Sammlungen entstehen, vernetzt werden, auch mit bestehenden Archiven, um mittels künstlerischer und wissenschaftlicher Forschungen Erkenntnisse für die Gesellschaft zu generieren.

Eine Gesellschaft, die sich anschickt, ihre Theater- und Orchesterlandschaft durch die UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe küren zu lassen, muss dem zumeist als implizit museal kritisierten Ansatz eine Offenheit von Inhalten und eine Polyphonie der Formen hinzufügen. Ebenso gilt es, die gesellschaftliche Relevanz der Darstellenden Künste  was ihre Vielfalt betrifft immer wieder zu überprüfen, zumal andere Politikbereiche neben der Kulturpolitik, dies insbesondere in den letzten zehn Jahren eindrucksvoll bestätigt haben. Die Förderung theatraler Bildung in der Bundesjugendpolitik ist dabei ebenso hervorzuheben wie das Programm „Kultur macht stark“ des Bundesbildungsministeriums, das maßgeblich auch vom Freien Theater geprägt wird. Zu erwähnen wären die Programme „Heimspiel“, „Wanderlust“ und „Doppelpass“ sowie „Trafo“, „360 Grad“ und „Turn“ der Bundeskulturstiftung oder private Stiftungen wie die von Robert Bosch, die Projekte wie „Szenenwechsel“ - angesiedelt beim Deutschen Zentrum des Internationalen Theaterinstituts – möglich machen und allesamt den Finger in die Wunde legen, nämlich da, wo der Reformbedarf in der Theaterlandschaft besonders evident zu sein scheint.


Nutzen wir die öffentliche Debatte um die Darstellenden Künste, beteiligen wir uns auch am Diskurs der Deutschen UNESCO-Kommission in Sachen Kulturerbe. Im Text der Nominierung heißt es: „Durch eine enge Einbindung in die lokalen und regionalen Gesellschafts- und Kulturszenen wird die Kulturform auch in der Peripherie erhalten. Theater und Orchester dienen als lebendige Kulturräume in ihren Regionen, die sich intensiv mit aktuellen sozio-politischen Entwicklungen anhand unterschiedlichster Kunstformen und Genres auseinandersetzen und damit den Bürgern ein gemeinsames Verständnis des Zusammenlebens vermitteln. Indem sie klassische Werke und Stücke neu interpretieren und ein Labor für eine (manchmal utopische) Zukunft sind, reflektieren und verhandeln sie die Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Praktizierenden sind für Veränderung zugänglich. Theater- und Orchester-Ensembles in Deutschland verfolgen einen sehr partizipativen und integrativen Ansatz in der Arbeit mit ihrem Publikum und übernehmen gesellschaftliche Verantwortung.“


Das Freie Theater kann mit Selbstbewusstsein behaupten, diese Theaterlandschaft mitzugestalten, vorne dran und mitten drin. Und deshalb sind wir hier, um erneut die Erfordernisse von Theaterarbeit zu benennen und erstmals die dafür angemessene Förderung zu fordern. Vielen Dank für Ihr Kommen und schon mal vorab: vielen Dank für Ihre Interventionen!

Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Vorsitzender des Fonds Darstellende Künste e.V. und der ASSITEJ e.V., dem deutschen Zentrum der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche  sowie Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim