Ein freies Produktionshaus für Thüringen?

Was ist ein freies Produktionshaus?
Die deutsche Theaterszene ist vor allem durch Stadt- und Staatstheater als Institutionen,
die vielen freien Gruppen und Theaterschaffenden und wenigen freien Produktionshäuser,
die vor allem in großen Städten wie Hamburg (Kampnagel) und Berlin (Hebbel am Ufer)
geprägt sind. Da die Länder die Kultur- und Bildungshoheit besitzen, formen sie die
Theaterszene der Länder entscheidend mit. Freie Produktionshäuser bieten hierbei den
Vorteil, dass sie (relativ) freie Produktionsbedingungen mit der Professionalität eines
großen Hauses zusammenbringen. So können freie Gruppen unter professionellen
Bedingungen arbeiten. Nur wenn freien Theatergruppen ein sicherer Ort zum Proben und
Aufführen geboten wird, können sie langfristig weiterhin künstlerisch arbeiten. Durch das
professionelle Umfeld können die Künstler*innen einen Fokus auf die rein künstlerische
Arbeit legen und müssen nicht mehr gleichzeitig alle möglichen Arbeitspositionen für ihre
eigene Produktion erfüllen.

 

Potentiale eines freien Produktionshauses
Das Bündnis internationaler Produktionshäuser formuliert in ihrer Selbstbeschreibung die
konkreten Ziele und Potentiale, die freie Produktionshäuser bieten: Sie bilden einen Ort,
an dem Künstler*innen, Zuschauer*innen und diverse Stadtgesellschaften in einen
kontinuierlichen, offenen und vielfältigen Austausch kommen können. Dort können
mehrjährige künstlerische Vorhaben und Programme, auch in Kooperation der Häuser
untereinander, realisiert werden. „Diese befassen sich mit dem ökonomischen, sozialen,
kulturellen und ökologischen Wandel der Städte und der Welt im 21. Jahrhundert,
erforschen spielerisch die Zukunft von Gesellschaft, Theater, Tanz und Kunst und
erproben beispielhaft Szenarien des Zusammenlebens. Darüber hinaus verbinden die
Häuser ihre Kompetenzen bei der Weiterentwicklung avancierter Produktionsweisen im
Bereich der performativen Kunst sowie ihre weitreichenden lokalen und internationalen
Netzwerke enger als bisher miteinander.“1

Bewährte Praktiken der freien Produktionshäuser wie Künstler*innenresidenzen,
Auftragsarbeiten, Koproduktionen und ortsspezifische Projektentwicklungen sowie das
Sichtbarmachen von künstlerischen Positionen und lokalen Kontexten (und deren
Stärkung und Vermittlung) können in diesem dezentralen Modell zukunftsweisend
weiterentwickelt und erweitert werden. Ein besonderes Augenmerk liege hierbei auf dem
immer wichtiger werdenden Berufsfeld der/des freie*n Produzent*in, beschreibt das
Bündnis internationaler Produktionshäuser weiterhin.


Ein freies Produktionshaus für Thüringen?


Das Strategiepapier Thüringer Theaterverband 2018beyond formuliert inhaltliche und
kulturpolitische Ziele des Thüringer Theaterverbandes für die Jahre 2018 bis 2025. Als
nächstes großes Ziel wird hierbei die nachhaltige Etablierung eines freien
Produktionshauses der freien Darstellenden Künste formuliert. Dafür würden landesweit
Standorte geprüft werden.
Nach Analyse des Thüringer Theaterverbands ist Thüringen für die freie Szene unattraktiv.
Es gibt keine Ausbildungsstätten und kaum Infrastruktur, die freies Theaterschaffen
möglich oder gar attraktiv machen. Finanziell ist es freien Gruppen kaum möglich in
Thüringen zu produzieren, da die Förderstrukturen nicht ausreichen. Bestehende freie
Spielstätten können nur begrenzt genutzt werden, zum einen, weil es nur sehr wenige gibt,
zum anderen, weil kein Geld dafür da ist.
Die Etablierung eines freien Produktionshauses in Thüringen hätte als möglicher
Ausrichtungsort für Theaterfestivals das Potential ein bundesweit wirkender Akteur der
deutschen Theaterlandschaft zu werden. Des weiteren würde ein Produktionshaus einen
Innovationsschub für die Thüringer Theaterszene bedeuten.
Bis Ende 2019 soll eine Detailkonzeption und Standortbestimmung stattfinden, die unter
anderem die Entwicklung von Finanzierungsmodellen für Bau und Betrieb beinhaltet. Bis
2025 soll dann ein tatsächlichen Produktionshaus stehen: Mit Personal, ersten
Residenzen und einem Plan des Betriebs während der ersten Jahre.
Die Kosten für die Ausführungsplanung und bauliche Umsetzung sind noch nicht kalkuliert
- dies passiert in der vorgehenden detaillierten Konzeptionsphase, welche mit etwa
30000€ bis 70000€ beziffert wird. Diese Vorhaben seien mit der Thüringer Staatskanzlei
abgestimmt. Die Gelder sollen aus Förderungen des Freistaates Thüringen gewonnen
werden.2

Eisenach als Zentrum der freien Theaterszene
Im August 2018 brannten die Werkstattgebäude des Landestheaters Eisenach ab. Es
steht die Überlegung im Raum, ob man im Neubau dieser Spielstätten nicht auch das
geplante Produktionshaus etablieren könne. Die Werkstätten seien nach Aussage des
künstlerischen Leiters des Landestheaters nicht ausgelastet und eine Zusammenlegung
mit den Werkstätten des Theaters in Meiningen . Somit wäre das 3 Gebäude in Eisenach
frei für ein freies Produktionshaus in Thüringen.


1 Internetpräsenz des Bündnis internationaler Produktionshäuser. URL: https://
produktionshaeuser.de/produktionshaeuser/ (abgerufen am 21.2.2019).
2 Vgl. Baier, Mathias und Frank Grünert: „Strategiepapier Thüringer Theaterverband 2018beyond.
Ein Arbeits- und Diskussionspapier.“ URL: https://theatriumblogger.files.wordpress.com/2018/01/
theatrium1-2018-02.pdf (abgerufen am 21.2.2019).