Welche Impulse braucht die freie Szene?

Das muss sie schon selbst entscheiden, die freie Szene. Anders als die Stadttheater ist sie in den letzten Jahren Teil eines sehr internationalen Netzwerks und eines elaborierten Kunstdiskurses geworden. Das bringt neue Vergleichsmöglichkeiten, Kriterien, Finanzierungsstrukturen, Herausforderungen mit sich. Eigene lokale Süppchen zu kochen, das ist selten noch eine Option.

Eine solche freie Szene braucht keine pädagogisch sinnvollen Impulse als Motivation oder Schulterklopfen. Sie braucht keine Kategorisierung, keine Jurys, kein best of, kein Theatertreffen. Sie selbst gibt Impulse: Dadurch, dass sie ihre prinzipielle strukturelle Freiheit nutzt, die Freiheit des Theaters als Medium zu erweitern, zu testen, zu strapazieren, zu überstrapazieren. Die Freiheit, immer wieder von Null anzufangen, vielleicht auch mal vom Text ausgehend, aber immer im Wissen: Alles was zur Hand ist, ist zur Hand. Die Freiheit, Strukturen, Hierarchien, Rollenzuschreibungen, Abläufe, Kollaborationen so zu erfinden, wie sie das jeweilige künstlerische Unterfangen braucht – und nicht umgekehrt.

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Man müsste, man könnte, man sollte! - Dieter Buroch, dem Dach-Decker, Haus-Meister und Hand-Werker der Darstellenden Künste in Deutschland gewidmet

Man müsste, man könnte, man sollte! Der Mann, der fast jedes Gespräch mit diesen Worten beginnen lässt, ist ein Visionär, ein Manager, kurzum ein visionärer Manager der Darstellenden Künste: Dieter Buroch. Er hat ein Modell geschaffen, das kulturpolitisch nicht im Konjunktiv verharrte, sondern Realität wurde: Das Künstlerhaus Mousonturm. Insofern wird das eine mit dem anderen immer in Verbindung bleiben. Das Verbindende war gewissermaßen auch der rote Faden. Die Macher konnten sich vernetzen, die Künste ihre Interdisziplinarität leben, das Publikum war dazwischen, mittendrin und somit weit voraus. Deshalb war es „dem Dieter" auch immer ein Anliegen, das weiterzugeben, was er selbst sich autodidaktisch beigebracht hat. Lernen durch Erfahrung, vermitteln durch praktische Anschauung. Meine Studierenden, ob aus Hildesheim, aber auch aus Mainz oder Leipzig, waren von ihm begeistert.

Man müsste, man könnte, man sollte! Und er wusste, wie es gedacht, angepackt und umgesetzt wird. Im Nachhinein hat er sich sogar immer auch noch eine Theorie dazu gebastelt, Module des Kulturmanagements entwickelt, Strategien für ein Kulturmarketing abgeleitet und das Ganze dann kulturpolitisch grundiert. Sein Theater war anders. Nicht nur auf der Bühne. Das mögen andere würdigen. Sein Theater war auch ein innovatives Programm für die Strukturveränderungen im System. Theater ermöglichen, das hatte er von Hilmar Hoffmann gelernt, Theater möglichst stringent im Sinne der Künstler zu organisieren, das hat er erfunden und ist selbst zum Meister der Kulturpolitik avanciert.

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Kulturpolitischer HighNoon - Landesbühne, Theaterhaus und Universität im Gespräch

Zwölf Uhr mittags: Kulturschaffende, Kulturpolitiker und Studierende diskutierten „auf dem roten Teppich" des Instituts für Kulturpolitik über das Theater 2022 und die Perspektiven für die dramatischen Künste in Stadt und Land.

Das Institut für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim lud am 29. Juni 2011 ein zum Kulturpolitischen High Noon. Es diskutierten Andrea Fester, Künstlerische Leiterin des Theaterhauses Hildesheim, Jörg Gade, Intendant des Theaters für Niedersachsen (TfN) und Prof. Dr. Jens Roselt, Direktor des Instituts für Medien und Theater. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik, der zum Auftakt der Diskussion konstatierte: „In kulturpolitisch schwierigen Zeiten ist das Zusammenfinden wichtig!"

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Hochmobil, kinderlos und immer zur Stelle! - Zur Arbeits- und Lebensorganisation Freier Darstellender Künstler

Die Frage nach der Heimat. Dem Haus. Dem Standbein. Der konstanten Variablen. Wo ist sie? Wo gehöre ich hin? Und wie überlebe ich dort? Alexander Pinto (Freier Kulturmanager- Berater) stellt auf dem 1. Bundeskongress der Freien Darstellenden Künstler in Stuttgart Anfang Dezember 2010 die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation freier Künstler als ein Dilemma dar. Das Dilemma heißt Multilokalität. Es ist Konflikt und Chance zugleich.

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Entsolidarisierung in Krisenzeiten - 20 Jahre Bundesverband Freier Theater

Entsolidarisierung in Krisenzeiten

Wahrhaftig ein Grund zum Feiern: „20 Jahre Bundesverband
Freier Theater”!

Vom 9.-12. Dezember 2010 traten die Mitglieder des Bundesverbandes freier Theater im Theaterhaus Stuttgart zu ihrem 1. Bundeskongress zusammen. In einer Zeit der schwierigsten Lage aller Theater, der freien wie der von der öffentlichen Hand getragenen Stadt- und Staatstheater. Geht es den Theatern finanziell schlecht, wirkt sich das sowohl auf die künstlerische Produktion als auch auf das künstlerische und technische Personal aus. Die Problematik der haushaltsrechtlich als „freiwilliger Leistung“ ausgewiesenen Finanzierung des künstlerischen Bereichs ist nicht neu. In zyklischer Wiederkehr wiederholen sich die Angriffe auf die Theaterhaushalte. Neu aber sind dieses Mal die Reaktionen – wohl als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise – in Politik und Medien: Die Theater sehen sich geradezu feindseligen Attacken ausgesetzt, die ohne Beispiel sind. Während sich die Kulturpolitiker in besseren Zeiten ihrer Kultureinrichtungen rühmten, ergehen sie sich heute in Abbau- und Schließungsszenarien. Neu ist allerdings auch, dass sich unter den Theaterschaffenden eine Haltung der Entsolidarisierung breit macht, die es vorher so nicht gegeben hat. Während man in Notzeiten solidarisch zusammenrückte, steht heute die individuelle Selbstbehauptung im Vordergrund. Die Ursache dafür dürfte in den sozialen Folgen der qualitativen Veränderungen der Arbeitsverhältnisse liegen, insbesondere in der wachsenden Prekarisierung, von der nicht nur die darstellenden Künstler, sondern immer weitere Teile der Arbeitswelt erfasst werden. Auch die Organisationsbereitschaft hat sich gegenläufig entwickelt. An den Ergebnissen
gewerkschaftlicher Arbeit nimmt man teil, ohne Mitglied zu sein. Dass sich tarifvertragliche Regelungen nicht von selbst ergeben, wird ausgeblendet. So lange das mühsam genug erstrittene Tarifgebäude hält und sich Mitglieder finden, die sich dem Gedanken gewerkschaftlicher Solidarität verpflichtet fühlen, kann man sich mittragen lassen. Wer aber sorgt sich dann um die Schutzmechanismen der fragilen und verwundbaren Beschäftigungsverhältnisse der Kreativen, wenn die Entsolidarisierung weiter zunimmt? Soll dann dem Zuruf eines Kongressteilnehmers gefolgt werden: „Die Anarchie muss wieder rein“?

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