Bühnenprekariat spielt für die Reichen

Stuttgart - Es ist eine Sternstunde des Freien Theaters: Die Mitglieder des Performancekollektivs She She Pop haben ihre Väter zu Proben von Shakespeares "König Lear" gebeten und einen Abend entwickelt, der einen tiefen Eindruck hinterlässt. "Testament" ist eine künstlerische und persönliche Auseinandersetzung zwischen zwei Generationen. Die drei Herren, die an diesem Abend Anfang Dezember im Berliner HAU auftreten, sind an die siebzig und leben in Stuttgart. Drei Könige, die mit schweren Stiefeln die Bühne betreten. Mit ihren Kindern lesen sie Szenen aus dem Stück und sprechen über Erbe, Werte, über Vergebung und die Zukunft.

She She Pop werden dann genannt, wenn es um Performance als einer ästhetischen Handschrift des Freien Theaters geht. Im Freien Theater wurden in den vergangenen Jahren wichtige Ansätze entwickelt, die von Stadt- und Staatstheatern übernommen wurden. Dazu gehört die Renaissance des dokumentarischen Theaters genauso wie Arbeiten im Kollektiv oder mit Laien, Interventionen im öffentlichen Raum oder zeitintensive Recherchen.

Was das Kindertheater angeht, so sind die Freien Theater Marktführer. Alexander Opitz, der Bundesvorsitzende der Freien Theater, hatte diese Zahlen und die künstlerische Qualität der Freien im Blick, als er eine große, baden-württembergische Statistik für 2003 bis 2007 erstellte: Während das Land eine Theaterkarte in den Stadt- und Staatstheatern mit 104 Euro bezuschusste, lag die Förderung bei den Freien bei 79 Cent. Und da im kulturpolitischen Diskurs Zuschauerzahlen ausschlaggebend sind, ergänzte Opitz: Freie Theater wurden 2007 von rund 880.000 Zuschauern besucht, in die Stadt- und Staatstheater gingen zeitgleich 2.400.000 Menschen. Im Kinder- und Jugendtheater lag die Zahl der Besucher mit 563.000 hingegen doppelt so hoch wie bei den Stadt- und Staatstheatern. Nach viel Überzeugungsarbeit wurde der Etat für die Freien Theater in Baden-Württemberg 2009 um 1,1 Millionen Euro erhöht. "Wenn ich etwas fordern will, brauche ich Zahlen", so erklärt Alexander Opitz seinen Ansatz. In Berlin etwa, wo die Fördersituation landesweit am besten ist, sich aber zunehmend mehr Künstler und Spielstätten um die Gelder bewerben, wäre eine solche Aufstellung als kulturpolitisches Argument dringend notwendig.

Nach den Herausforderungen für die Zukunft befragt, sagt Opitz: "Es wird die Finanzierung sein. Die Anerkennung der Leistung durch die Politik. Und wir müssen sehen, dass die finanziellen Mittel in einem richtigen Verhältnis zu anderen kulturellen Institutionen stehen." Dabei ist das Freie Theater heute nicht mehr wie einst der ideologische Gegenentwurf zu den Institutionen. Die Grenzen zwischen fest und frei verwischen zunehmend: Es gibt Freie Theater, die wie kleine Stadttheater funktionieren. Und immer mehr feste Häuser, die sich der Freien Szene öffnen. Den Reiz von Kooperationen beschreibt Christian Holtzhauer, ein Dramaturg am Staatstheater Stuttgart: "Freie Künstler oder Kollektive bringen ein Knowhow mit, das die Stadttheater nicht unbedingt haben. Man bekommt Ergebnisse, die man selbst nicht produzieren könnte." Allerdings lasse sich beobachten, dass freie Künstler die Spielpläne der festen Häuser kostengünstig mit frischen Ästhetiken füllten. Sie seien es ohnehin gewohnt, "mit geringen Mitteln" zu arbeiten.

Denn wer frei arbeitet, lebt oft prekär: Das belegt eine Studie, die der Fonds Darstellende Künste gemeinsam mit dem Bundesverband der Freien Theater und dem Internationalen Theaterinstitut 2008 vorgelegt hat. 4400 Tanz- und Theaterschaffende lieferten statistisches Material zu ihrer sozialen und wirtschaftliche Lage: Die Zahl der Beschäftigen am Theater, die weniger als fünf Euro pro Stunde verdienen, stieg in jüngster Zeit um dreißig Prozent. An festen Häusern erhalten heute rund fünfzig Prozent der Theaterkünstler nur fünf bis zehn Euro pro Stunde. Bei regelmäßiger Einzahlung in die Künstlersozialkasse liegt die zu erwartende Rente in Ost und West bei unter 500 Euro.

Allein der Blick nach Berlin zeigt, wie schnell und nachhaltig sich das Freie Theater in den vergangenen Jahren professionalisiert hat. Was im Ballhaus Naunynstraße, im Berliner HAU, im Heimathafen Neukölln, den Sophiensaelen, dem Radialsystem von Sasha Waltz und den Uferstudios passiert, ist künstlerisch nicht minder interessant als Produktionen der großen Häuser. Es erscheint also sinnvoll, die Theaterlandschaft insgesamt in den Blick zu nehmen. Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim, sagt es so: "Wir sollten endlich eine Strategie entwickeln, die von einer Theaterlandschaft ausgeht. Wir sollten auf eine Vielfalt der Theaterformen setzen und nicht auf zwei unterschiedliche Systeme."

Nina Peters, veröffentlicht am 08.12.2010

Stuttgarter Zeitung