Darf's ein bisschen weniger sein? - Der Verteilungskampf wird lauter: Auch über Theaterschließungen wird wieder spekuliert

Von Ronald Meyer-Arlt

Das Staatstheater Wiesbaden hat sich an die Redaktionen der Republik

gewandt. Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verschickte eine

Mail mit einer Stellungnahme des Intendanten Manfred Beilharz zu den

Kürzungsabsichten beim Theateretat in Bonn. Die Stellungnahme von Beilharz,

der vor seiner Tätigkeit in Wiesbaden Intendant in Bonn war, fiel kurz aus.

Er schrieb: „Es darf nicht sein, dass der Theateretat in Bonn weiter

drastisch gekürzt wird. Das Theater, dem unter meinem Nachfolger Klaus Weise

schon enorme Sparanstrengungen auferlegt wurden, darf nicht weiter

kaputtgespart werden. Was soll eine ,Bundes- und Beethoven-Stadt’ Bonn ohne

ein Schauspiel?“

„Es darf nicht sein“ ist ein Satz, der im Rahmen von Protestäußerungen öfter

mal fällt. Es darf nicht sein, dass jemand, der Arbeit hat, davon keine

Familie ernähren kann. Es darf nicht sein, dass Menschen unter

menschenunwürdigen Umständen leben müssen. Es darf nicht sein, dass es immer

mehr Tiertransporte gibt. Vieles darf nicht sein - und vieles geschieht

doch.

„Es darf nicht sein“ ist kein Argument, sondern die Bekräftigung eines

Standpunktes. Warum darf es nicht sein, dass am Theateretat in Bonn weiter

gespart wird? Das einzige Argument in der Stellungnahme des Wiesbadener

Intendanten ist eine Frage: „Was soll eine ,Bundes- und Beethoven-Stadt’

Bonn ohne ein Schauspiel?“ Ja, was? Wahrscheinlich wird sie dann immer noch

„Bundes- und Beethoven-Stadt“ bleiben.

Man durfte natürlich immer schon darüber nachdenken, was passiert, wenn eine

Stadt ihr Schauspiel- oder Opernhaus verliert oder wenn Ballettensembles

aufgelöst und Museen geschlossen werden. Aber nicht laut. Es war eine Art

Übereinkommen der Kulturvermittler: Die Frage „Was kann weg?“ wird nicht

gestellt. Denn man weiß ja: Was einmal gestrichen wird, ist

unwiederbringlich verloren. Also bloß keine Überlegungen anstellen, an deren

Ende womöglich die Schließung eines Hauses stünde. Und: So hoch sind die

Kulturausgaben ja gar nicht. Verglichen mit den etwa 50 Milliarden Euro, die

in Deutschland allein für die Bankenrettung ausgegeben worden sind, nehmen

sich die etwa acht Milliarden, die die öffentliche Hand im Jahr für die

Kultur ausgibt, doch gering aus. Warum also Lärm machen?

Diese Haltung scheint sich jetzt langsam zu ändern. Der Lärm beginnt. Die

Wochenzeitung „Die Zeit“ - das Blatt für Kulturfreunde aller Art - gönnt

sich in ihrer jüngsten Ausgabe ein umfangreiches Dossier zum Thema. Unter

der Überschrift „Der Kulturkampf“ versucht ein Reporter, die Frage zu

beantworten, von der man nicht glaubte, dass ein Blatt wie „Die Zeit“ sie

jemals stellen würde: „Müssen Städte wie Flensburg ein Opernhaus haben?“

Der Reporter schreibt von sinkenden Besucherzahlen, dem „Silbersee“ der

Grau- und Weißhaarigen im Parkett, von einem sehr eitlen Nabucco-Helden und

einem Intendanten, der „Nabucco“ auf den Spielplan gesetzt hat, weil er, als

er noch in Bremerhaven Intendant war, eine schlimme Erfahrung gemacht hat.

Damals ließ er zwei Opern aus dem 20. Jahrhundert spielen, sein Haus wurde

dafür als „Opernhaus des Jahres“ nominiert, hatte aber am Ende 8000

Zuschauer weniger. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Jetzt also

„Nabucco“ in Flensburg. Aber: Muss das wirklich sein?

Eigentlich nicht, möchte man nach der Lektüre des „Zeit“-Dossiers sagen. Und

das sagt erstaunlicherweise auch Michael Stitz, Ressortleiter Kultur beim

„Flensburger Tageblatt“. Er meint, dass das Label „Kultur“ längst kein

Schutzraum mehr sei, dass Kulturinstitutionen sich ändern müssen, wenn das

Publikum wegbleibt, und dass es durchaus legitim sei, Einrichtungen

aufzugeben, wenn sie nicht angenommen werden.

Manche Einrichtungen aber werden angenommen und sollen trotzdem aufgegeben

werden. Denn die Verteilungskämpfe werden härter. Bonn, Flensburg,

Wuppertal, Hamburg, Oberhausen, Hagen, Moers, Essen, Dessau - in vielen

Städten ist der Erhalt von Theatern gefährdet. Den Kommunen fehlt das Geld,

sie sparen, wo sie können. An vielen Stellen können sie nicht mehr sparen,

an der Kultur schon. Ausgaben für Kultur gehören zu den freiwilligen

Leistungen - und da geht noch was. Oft lässt die Kommune die Streichlisten

von den Bürgern selbst gestalten. Worauf können wir verzichten, um bei den

Kindergärten nicht noch mehr sparen zu müssen, wird gefragt, und die Bürger

setzen die Theater gern an erster Stelle auf die Liste. Listig - so leitet

man Streichrunden ein.

„Das Theater hat seine Relevanz verloren“, sagt Wolfgang Schneider,

Professor für Kulturpolitik an der Uni Hildesheim; die Zeit, da es noch

Leitmedium war, ist lange vorbei. Schneider denkt darüber nach, wie es

möglich wäre, die rund „zehn Prozent Happy Few, die regelmäßig ziemlich

exklusiv am Theater partizipieren“ zu vervielfachen. Wie erreicht man die 90

Prozent der Bevölkerung, die nicht regelmäßig ins Theater gehen, von denen

aber viele das Theater mitfinanzieren? Wie kann man mit gleichen Mitteln

mehr Theater ermöglichen und mehr Publikum erreichen? Seine Vorschläge

veröffentlicht er auch im demnächst erscheinenden „Report darstellende

Künste“. Der Titel seines Aufsatzes klingt dramatisch: „Es geht um die

Zukunft unserer Theaterlandschaft“. Die, sagt Schneider, kann es nur durch

Umverteilung geben. Er plädiert für Theaterentwicklungsplanung und für eine

Aufweichung der Institutionen: „Langfristig darf es keinen Unterschied mehr

machen, ob Theater am Staatstheater und Stadttheater oder an der Landesbühne

und im Freien Theater produziert wird.“ Auch Schüler-, Studenten- und

Amateurtheater aller Art sollte im Theaterentwicklungsplan berücksichtigt

werden.

Schneider benennt die Probleme richtig, aber ob seine Lösungsvorschläge

funktionieren? Die Qualitätsfrage stellt er nicht. Seine Utopie ist ein

Theater von jedermann für jedermann. Sie glänzt nicht. Aber immerhin sieht

hier jemand die Probleme, sucht nach Lösungen und macht sich Gedanken, die

über ein einfaches „Es darf nicht sein ...“ hinausgehen.

13.11.2010 Hannoveraner Allgemeine Zeitung

————————————————————————————————

(c) Verlagsgesellschaft Madsack