Die ungewollte außerparlamentarische Opposition

„Heart of the City – Recherchen zum Stadttheater der Zukunft" erschien 2011 als sogenanntes Arbeitsbuch der Zeitschrift Theater der Zeit. Die Herausgeber Josef Mackert, Heiner Goebbels und Barbara Mundel haben eine thematisch vielfältige, aber in der Aussage beeindruckend einheitliche Sammlung von ambitionierten Beiträgen zusammengestellt. Der gemeinsame Apell aller Aufsätze, sei es in Form eines „Plädoyers für ein nomadisches Gegenwartstheater" (Carena Schlewitt) oder der „interkulturellen Öffnung des Theaters" (Mark Terkessidis), lautet: Diversität ist der Schlüssel zum Stadttheater der Zukunft! Matthias von Hartz pointiert in dem polemischsten Artikel des Heftes die damit einhergehende Kritik am eben nicht-diversen, patriarchalischen und fortschrittsfeindlichen Stadttheater mit der These, das zwar neunzig Prozent der öffentlichen Theatergelder in Deutschland ins Stadt- und Staatstheatersystem investiert würden, neunzig Prozent der Innovationen hingegen aus der Freien Szene oder dem Ausland kommen würden. Und dass sogar, so Hartz, die „Logik der Institution" sich automatisch mehr um ihr eigenes Fortbestehen als das Fortbestehen von Theater überhaupt kümmern würde. Dieser vieldiskutierte und –kritisierte Artikel war der erste der Reihe „Debatte um die Zukunft des Stadttheaters" auf nachkritik.de, die mittlerweile sieben Teile umfasst.



Der große Vorteil des Arbeitsbuches „Heart of the City" nun liegt darin, dass solche Thesen von unterschiedlichsten Seiten unterfüttert werden. Etwa wenn Heiner Goebbels wie erwartet, aber nichtsdestotrotz überzeugend für „den Luxus einer künstlerischen Forschung anstelle einer Konzentration auf das klassische Handwerk und seine Trainingsmethoden" in der Theaterausbildung argumentiert und selbst der Dramatiker Björn Bicker, dessen Zunft inoffiziell als Komplize des konservativen Texttheaters gilt, behauptet: „Es geht in Zukunft um das möglichst hierarchiefreie Nebeneinander unterschiedlichster Textformen."

Das Highlight der Ausgabe in puncto Anschaulichkeit ist der Beitrag des Brüsseler Theaterleiters Ivo Kuyl, der im Bericht über den Wandel des Stadttheaters Koninklijke Vlaamse Schouwburg (KVS) in Brüssel über das berichten kann, was in den anderen Artikeln nur gefordert wird. Der Forderung nach Diversität kann die KVS in nahezu allen Bereichen eine Möglichkeit aufzeigen: Sei es bei der hierarchiefreien siebenköpfigen Leitung, den Schwerpunkten auf themen- und nicht textbasierten Eigenproduktionen, zahlreichen Gastspielen gegenüber eigenem Tourneebetrieb und schließlich der aktiven Diversifizierung des eigenen Publikums, die sich in Maßnahmen wie dem Abschaffen des klassischen Abosystems und der bis zu dreifachen Übertitelung der Aufführungen ausdrückt. Der Appell des Belgiers: „Will man in einer Stadt zusammenleben können, dann darf man seine Identität nicht auf einer gemeinsamen Vergangenheit aufbauen, sondern auf einer noch zu entwerfenden gemeinsamen Zukunft.

So einig sich namhafte Theaterpraktizierende und –theoretisierende offenbar sind und so nachvollziehbar ihre Argumentionen, im von Kulturpolitikern bestimmten deutschen Theatersystem scheinen sie kein Gehör zu finden, scheinen ungewollt eine handlungsunfähige außerparlamentarische Opposition zu bilden. Besonders deutlich wird das an der kürzlichen Ernennung von Enrico Lübbe zum neuen Intendanten des Schauspiel Leipzig. Obwohl eine durchaus diverse Kommission aus dreizehn (!) Mitgliedern, darunter Kritiker, Intendanten, Hochschullehrer und auch Vertreter des Stadtrats, gleich drei Kandidaten zur Auswahl vorgeschlagen hatte, entschied sich Oberbürgermeister Jung (SPD) für den derzeitigen Chemnitzer Intendanten Lübbe, einen "an einfallsloser Bravheit nicht zu überbietenden Gegenentwurf zu [dem Noch-Intendanten Sebastian] Hartmann" (Berliner Zeitung).

„Ich bin nämlich der Ansicht, dass Kunst und Kultur nicht allzu viel miteinander zu tun haben" sagte Gottfried Benn 1955 in seiner berühmten Rede „Soll die Dichtung das Leben bessern?". Für den Erhalt des deutschen Stadttheatersystems wird ja heutzutage viel mit dem Bildungs- und Sozialcharakter von Theater argumentiert. Das verkennt die Abhängigkeit, in der sich Theaterschaffende in ihrem Status als Kunst- und eben nicht (nur) Kulturschaffende in Deutschland befinden. So lange ein Stadttheater wie Leipzig von der Politik nur als Dienstleister einer zahlungskräftigen, (ideologisch) gesetzten Bildungsbürgerschicht besetzt wird, hat Kunst gegen Kultur keine Chance.


Theater der Zeit. Arbeitsbuch 20. Heart of the City. Recherchen zum Stadttheater der Zukunft. Herausgegeben von Heiner Goebbels, Josef Mackert, Barbara Mundel. Verlag Theater der Zeit, Juli 2011.