Szenen einer Partnerschaft I Die „Doppelpass“-Kooperation zwischen Theater Freiburg und Turbo Pascal im Doppelporträt. Teil eins: Die Perspektive des Stadttheaters

Das Projekt „Doppelpass“ der Bundeskulturstiftung ist eine Förderung der Zusammenarbeit einer freien Gruppe mit einer festen Theaterinstitution. In einem zweijährigen Residenzprogramm werden gleichberechtigte künstlerische Kooperationen gefördert, die gemeinsam neue Formen der Zusammenarbeit erproben und künstlerische Produktionen entwickeln sollen. Im Fonds „Doppelpass“ soll Künstlerinnen und Künstlern beider Seiten der nötige Freiraum geschaffen werden, um „Strukturen und Arbeitsweisen produktiv zu verbinden“.

Das Theater Freiburg und die Gruppe Turbo Pascal sind eines der 31 Paare, die am Projekt teilnehmen. Turbo Pascal ist ein Performer- und Autoren-Kollektiv, das sich 2004 während des Studiums in Hildesheim gründete. Sie begreifen das Theater als Versammlungsort und interessieren sich nach eigenen Angaben dafür, wie Menschen heute ihr Zusammenleben organisieren.

 

 

Unmengen von bunten Klebezetteln hängen im zentralen Aufzug des Freiburger Theaters. Jede und jeder der 350 Mitarbeiter_innen des Theaters bekam von der Freien Gruppe Turbo Pascal den Auftrag, das, was sie als nächstes machen werden, kurz zu verschriftlichen. Ein Kaleidoskop von den vielen unterschiedlichen Tätigkeiten des Hauses entstand. Bei der „Komplimentenbörse“, eingerichtet an der Pforte, können sich die Kollegen außerdem untereinander beschreiben, was sie toll an den anderen und an deren Arbeit finden und was sie aneinander schätzen. Interne Praktika, die sie beieinander machen können, können zum Beispiel jemandem aus der Tonabteilung vermitteln, was in der Schneiderei den ganzen Tag passiert.

Diese kleinen, spielerischen Guerillaaktionen von Turbo Pascal verändern die Atmosphäre im Theater Freiburg und haben nach und nach das Eis zwischen der freien Gruppe und der festen Institution gebrochen. Josef Mackert, Chefdramaturg des Hauses, bestätigt, dass sich die Stimmung langsam, aber sicher verbessert. Er begreift die Zusammenarbeit als eine große Bereicherung: „Natürlich ist es auch anstrengend, natürlich kostet es auch zusätzliche Zeit, natürlich habe ich immer wieder Termine, Besprechungen, manchmal auch kleine Krisensitzungen, die ich sonst nicht hätte. Ich könnte mir das Leben auch ein bisschen einfacher machen. Ich finde aber den Gewinn, den ich dadurch habe, ungleich größer.“


Mit dabei: Konflikte und schwierige Momente

Turbo Pascal brächten frischen Wind in die Strukturen des Theaters, besonders in die Kommunikation, so Mackert, denn bei diesem riesigen und verzweigten, hierarchischen Apparat klemme es da schon gewaltig. Nun will er die Zusammenarbeit nicht missen, immer wieder betont er, wie fruchtbar die gemeinsame Arbeit sei.

Dabei stoßen zwei verschiedenen Arbeitsstrukturen aufeinander, die kollektive und die hierarchisch- arbeitsteilige. Genau dieser Unterschied soll Thema des gemeinsamen Projekts im März 2014 sein. Die Produktion ist auch im Abo angesetzt: „Eigentlich ist das Freiburger Publikum für solche Experimente ziemlich offen“, lacht Mackert.

Das Theater Freiburg interessiere sich inhaltlich sehr dafür, die Grenzen der beiden Theaterformen und die Opposition aufzulösen; man wolle die Perspektiven aus der Freien Szene mit der eigenen Arbeit in Beziehung setzen und vom künstlerischen Dialog lernen.

Der Alltag erweist sich nicht als ganz so reibungslos wie zunächst gedacht. Es wird gemeinsam konzipiert, diskutiert, die Arbeit gegenseitig beschrieben – und um eine Entscheidung, die allen passt, gerungen. Mackert stellt deutlich dar, dass das Theater Freiburg besonders den freien, querdenkerischen und anderen Blick auf das Haus sucht. Eine andere Perspektive sei wichtig, eine kritische Sicht aufeinander nötig.„Das bedeutet auch: lange Diskussionen, Konflikte und schwierige Momente.“ Aber die seien bisher nach einigen Verständigungen, die nicht immer problemlos verliefen, aus dem Weg geräumt worden.


Auch in der Freien Szene gibt es Hierarchien

Wo Mackert auf der einen Seite bewundert, wie frei und klug Turbo Pascal an ihre Arbeit gehen, gibt er auf der anderen zu bedenken, dass die kollektive Arbeitsweise auch Schwierigkeiten und Grenzen zeigt: „Kompetenzen werden oft durch schiere Präsenz geregelt – wer da ist, entscheidet, wer nicht da ist, entscheidet nicht. So entsteht eine anders gelagerte Form von Hierarchie, Kompetenz oder Verantwortungsübernahme. Wir entdecken beide, dass es so klar gar nicht zu trennen ist.“ Wenn erst einmal alles durch ein Kollektiv entschieden werden müsse, erzeuge das bei bestimmten künstlerischen Fragen eine Nivellierung; die Entscheidungen seien so oft „etwas eingemittet“.

Turbo Pascal und das Theater haben eine gemeinsame Projektmanagerin, Kathrin Feldhaus, ebenfalls aus Hildesheim, eingestellt. Sie koordiniert und organisiert Probebühnen und Zeiten, Material, Ton und Licht und steht im engen Kontakt zum Künstlerischen Betriebsbüro des Theaters. Turbo Pascal haben in Freiburg eine eigene Wohnung bekommen, in der sie frei kommen und gehen können. Auch in ihren Arbeitszeiten und Anwesenheiten könnten sie sich frei einteilen: „Das sprechen wir dann gemeinsam ab“, sagt Mackert. Um 22:30 Uhr sei dann aber spätestens Schluss, dann schließt der eiserne Vorhang. Nur für absolute Ausnahmen und Notfälle und durch vorherige, rechtzeitige Anfrage beim Personalrat sei da etwas zu machen.

Gerade bei ihrem ersten Projekt mussten alle Beteiligten viel basteln, damit Technikerzeiten und ihre eigenen Vorstellungen zusammen passten. Beim großen Projekt im März wollen sie andere Wege gehen: junge Techniker, die besonders gerne mit Turbo Pascal zusammenarbeiten, sollen nicht nur die Produktion betreuen, sondern auch richtig zum Projekt dazugehören. Sie haben zwar ihre festen Zeiten, können aber durch ein freieres Zeitbudget zum Beispiel entscheiden, ob sie nach der Probe noch da bleiben, um an der Diskussion teilzunehmen, oder nicht.


Geplant: Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit

Auch bei der Ausstattung gibt es ein klar gesetztes Budget. Allerdings haben Turbo Pascal die Freiheit eingeräumt bekommen, nicht schon bei der Bauprobe wissen zu müssen, wie die Bühne am Ende nun aussehen soll, „weil das für die kollektive Arbeit keinen Sinn ergeben würde“. Mit den Werkstätten werde immer wieder während des Prozesses gesprochen und gemeinsam am Raum gearbeitet.

Das Theater Freiburg überlässt die Verteilung der Honorare dem Kollektiv selbst. „Sie haben ihre Gagen so definiert wie sie es haben wollten. Was sie jetzt verdienen ist genau das, was sie sich gewünscht haben“, sagt Josef Mackert. Wie hoch die Gagen der Kollegen im Einzelnen sind, wisse er nicht.

Nach den zwei Jahren „Doppelpass“ soll noch lange nicht Schluss sein. Die Zusammenarbeit soll auf weitere zwei Jahre festgeschrieben werden, die geplante Produktion im März ist nur der Auftakt zu einer Trilogie, und ein Mitglied der Turbos, Veit Merkle, ist für die Dramaturgie des Theaters engagiert worden. Die Produktion im Frühjahr soll eine Produktion eines gemeinsamen Kollektivs werden. Ein Kollektiv, bestehend aus Turbo Pascal und dem Theater Freiburg. Ein Kollektiv für die gemeinsame Bühne.


„Wir sind gerade erst auf halbem Weg“

Ob das „Doppelpass“ Projekt ein Modell für die Zukunft ist, will Mackert nicht so recht beantworten: „Ich finde es fast zu früh diese Frage zu beantworten. Wenn man das Ganze als einen Prozess beschreibt, bei dem beide Seiten etwas lernen, dann sind wir sind wir jetzt gerade auf dem halben Weg und es wird spannend sein, in einem halben Jahr darauf zu gucken und zu schauen, was sich genau verändert hat. Die Befragung von Strukturen und auch die vorsichtige Änderung von Strukturen sehe ich als einen Prozess an, der uns noch die nächsten zehn Jahre beschäftigen wird. Das kann man nicht so schnell hinkriegen.“

Für bestimmte Produktionsformen, beispielsweise die große Oper, könne gar nicht anders produziert werden. In mittleren Städten sei das Stadttheater eine Instanz, die für den Dialog mit der Stadt wünschenswert ist und die er gar nicht durch freiere Strukturen ersetzen will. Das Leitungsteam um die Intendantin habe über fünf Jahre eine komplette künstlerische Freiheit. Es entscheidet, welchen Stücke angesetzt, welche Menschen engagiert werden. Es müsse nie einen Antrag schreiben und damit gefallen, projektorientiert arbeiten, sich labeln und keinen Markt bedienen, oder sich innerhalb eines Marktes möglichst originell und innovativ darstellen.

Inwiefern können Freie Szene und Stadttheater einander also inspirieren? Ästhetisch, aber auch, was die Produktionsprozesse, den künstlerischen Alltag angeht? Die Antwort des Theaters fällt (noch) zurückhaltend aus. Kommt es auf das „End-Ergebnis“ an? Und was meint überhaupt Akteur Nummer zwei zu alledem, Turbo Pascal aus der Freien Szene?


Fortsetzung folgt.