Kollektives Arbeiten ist Chefsache

 

Absolvent_innen und Student_innen aus Hildesheim bewarben sich 2011 als Gruppe auf die Intendanz am Theater Neumarkt in Zürich. Die Kommission entschied sich gegen das Modell des Intendantenensembles. Dabei könnte eine Neuformulierung der betrieblichen Strukturen dem Theater aus seiner Rechtfertigungskrise helfen.

 

Das Theater im deutschsprachigen Raum steckt in einer Rechtfertigungskrise. Während viele Theaterhäuser auf der Bühne mit den Forderungen der Zeit gehen, vergessen sie ihre eigenen betrieblichen Strukturen und Entscheidungen zu hinterfragen. Auf der anderen Seite steht das Theater als Betrieb immer mehr im Zugzwang: Forderungen nach Effizienz stehen jenen gegenüber, die sich gegen die Ausbeutung der Mitarbeiter und Praktikanten richten. Die steigende Zahl der Studiengänge mit Kulturmanagement-Schwerpunkten, Triers Suche nach einem Manager-Intendanten, die Outscourcing-Debatte um den Billeteur Christian Diaz am Wiener Burgtheater– all dies zeigt, dass die unternehmerische Struktur des Theaters in das Blickfeld geraten ist. Damit ist es nicht mehr nur Aufgabe der Künstler und Mitarbeiter an den Theatern Kritik und Reflexion auf die Bühne zu bringen, sondern auch in die betrieblichen Strukturen.

 

2011 versammelte sich eine Gruppe junger Absolvent_innen und Student_innen aus Hildesheim und schlug „eine Vision des Stadttheaters vor, die eine umfassende Umstrukturierung der künstlerischen Leitung verlangt.“ Als Intendantenensemble bewarben sie sich auf die Stelle der Intendanz am Theater Neumarkt in Zürich. Bereits vorher machten die jungen Theatermacher_innen in verschiedenen Formationen auf sich aufmerksam. Unter den Bewerber_innen befanden sich Mitglieder der Gruppen Markus&Markus, vorschlag:hammer und machina eX. Die zehn aus der freien Szene kommenden Bewerber_innen wollten die hierarchische Struktur des Stadttheaters durchbrechen und an ihre Stelle eine kollektive und auch transparente Arbeitsteilung treten lassen. In ihrer Bewerbung schreiben sie von sich als „Material der Stadt“, von offengelegten Ausgaben, im Internet live übertragenen Sitzungen, internationaler Vernetzung und wechselnder Arbeitsteilung. Dabei ging es nicht darum den Posten des Intendanten mit zehn Personen zu besetzen, sondern sich kollektiv zwischen „den Funktionen Regie, Dramaturgie, Schauspiel, Programmierung, Organisation, Konzeption, Produktion“ zu bewegen und dabei „als geschlossene Gruppe gemeinsam die kuratorischen und künstlerischen Aufgaben des Neumarkts zu übernehmen.“

 

Die Idee eines kollektiv geführten Theaterbetriebes ist nicht ganz neu. Bereits in den 1970er Jahren versuchten verschiedene Theater unter dem Begriff des Mitbestimmungstheater eine Alternative zu schaffen. Zwischen 1972-1980 versuchte man sich in Frankfurt/Main an einem Mitbestimmungsmodell. Man versuchte die Mitbestimmung über ein komplexes System zu regeln. Es gab eine Vollversammlung, einen künstlerischem Beirat und ein Dreier-Direktorium. Die verschiedenen Instanzen sollten ein Mitspracherecht und eine flache Hierarchie mit transparenten Entscheidungen sichern. Doch schon nach wenigen Jahren attestierten viele Kritiker_innen das Frankfurter Mitbestimmungsmodell als gescheitert, Schauspieler_innen sprechen von einer zwieträchtigen Stimmung auf den Vollversammlungen und immer wieder wird die künstlerische Entscheidungsmöglichkeit des Theaters als zu langsam bezeichnet. In Berlin starten mehrere Regisseure, Autoren und Schauspieler_innen (unter anderem Peter Stein und Claus Peymann) ein Mitbestimmungsmodell an der Schaubühne am Halleschen Ufer. Doch die Rede von einem Kollektivtheater und Gleichberechtigung aller Mitarbeiter_innen, Brecht und Peter Weiss Inszenierungen waren in Zeiten des getrennten Berlins eine heikle Angelegenheit und führten dazu, dass das Theater von Berliner Politikern als kommunistische Zelle betitelt wurde. Bereits nach der ersten Premiere forderte der damals von der CDU gestellte Senat die Streichung der staatlichen Subventionen. Doch nicht nur dies führte zur langsamen Zersetzung des Berliner Kollektivtheaters: Peymanns Wunsch nach unbeeinflusster Regietätigkeit, der zunehmende Erfolg und letztendlich der Umzug in die weitaus größere Schaubühne am Lehniner Platz führte zurück zu den alten Strukturen des Stadttheaters. Ähnlich erging es damals auch dem Theater Neumarkt, das bereits unter der Intendanz von Horst Zankl, lange vor der Bewerbung der jungen Hildesheimer_innen, ein demokratischeres Modell der Theaterinstitution ausprobieren wollte.

 

Das Intendantenensemble beruft sich auch auf diese „Tradition“ der Mitbestimmung, die aber, im Falle des Theater Neumarkt, keine fünf Jahre gehalten hat. Und vielleicht war auch dieses „gescheiterte“ Vorbild ein Grund dafür, dass die zehn nicht ausgewählt wurden. Peter Kastenmüller ist seit der Spielzeit 2013/2014 Intendant am Theater Neumarkt. Der Verwaltungsrat, der mit der Entscheidung beauftragt war, hat sich für das „klassische“ Modell entschieden: ein Intendant, dem der gesamte künstlerische Bereich unterliegt.
Doch alleine die Bewerbung des Intendantenensembles zeigte, dass es Alternativen für das alte und selten durchbrochene System eines hierarchisch geleiteten Theaters geben könnte. Und die Forderung nach einem transparenten kollektiven Theaterbetrieb ist keinesfalls gestrig. Im Gegensatz zu den 1970er Jahren, wo die Idee des Kollektivtheaters aus einer kommunistischen Ideologie geboren war, einer Ideologie, die jenseits der innerdeutschen Grenze tatsächlich zu existieren schien, ist der heutige Wunsch nach der Umstrukturierung Ergebnis von Unzufriedenheit und auch Notwendigkeit. Hinter der Forderung nach neuen Organisationsformen steckt das Bewusstsein um die Rechtfertigungskrise des Theaters.

 

„Das derzeitige deutschsprachige Theatersystem ist strukturell, inhaltlich und ästhetisch an einem Scheidepunkt“, schreibt Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Mitglied des Internationalen Theater-Institut und der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“, in seinem Plädoyer für das Intendantenensemble. Eine Umstrukturierung ist dringend nötig, soll das Theater überleben. Neben Prof. Dr. Schneider beschwört auch der Regisseur und Buchautor Daniel Ris die „Reformbedürftigkeit des deutschen Stadttheatersystems“. Er fordert eine Unternehmensethik für Theater. Dabei geht es nicht um das Profitkalkül eines guten Managers, es geht darum „Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik“ zu verstehen. Und vielleicht könnte ebenjene von dem Intendantenensemble angestrebte Umgestaltung der betrieblichen Strukturen hin zu einer kollektiven, transparenten und demokratischen Organisationsform dem Theater eine neue gesellschaftliche Relevanz verleihen. Denn durch innovative Bühnenformate oder Zuschauerzahlen allein scheint diese Relevanz nicht mehr hinreichend garantiert zu sein.

 

Dennoch bleibt die Frage, welche Opfer das Theater bringen müsste, um sich einer dermaßen gravierenden Umgestaltung zu unterziehen. Ein weiterer Punkt in dem Programm der Hildesheimer Bewerber_innen wäre die Abschaffung des Schauspielensembles, man wolle „mit Gastschauspieler_innen arbeiten“. Eine Gefahr des Kollektivierungsprozesses liegt darin sich Arbeitsfelder einzuverleiben und somit bestimmte Berufsgruppen wegzurationalisieren. Gerade Theaterschaffende aus der freien Szene, die an kostengünstiges Theater in kompletter Eigenregie gewöhnt sind, könnten für Souffleure und Souffleusen, Inspizient_innen, Schauspieler_innen und auch Techniker_innen eine akute Bedrohung darstellen. Die Frage ist, wie man einen bestehenden Betrieb revolutionieren kann, ohne die von seiner bisherigen Struktur abhängigen Mitarbeiter auszuschließen.