Das internationale Forum des Berliner Theatertreffens- Ein Forum für die Theaterpolitik?

Auf der großen Probebühne der Uferstudios haben sich mehrere Grüppchen im Raum verteilt. In einer dieser Gruppen sitzen Sofía Wilhelmi aus Argentinien und Laura Jiménez Gonzáles aus Kolumbien. Vor ihnen liegt ein großes weißes Schild auf das Sofia das Thema der Gruppe geschrieben hat: „How to do theater with no money“. Es haben sich nur wenige Deutsche dieser Gruppe angeschlossen. Sie sitzen um andere weiße Schilder herum:  “How to change theatre structure (Stadttheater vs. Freie Szene)” oder “Do we think about the audience”. Die Teilnehmenden an diesem Tauschhandel von Erfahrungen und Fragen sind die Stipendiaten und Stipendiatinnen des 50. Internationalen Forums. Das Stipendienprogramm des Berliner Theatertreffens lädt seit 1965 jedes Jahr junge Theatermacherinnen und Theatermacher ein, um die zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Jahres (so die Begründung der Theatertreffen-Auswahl) anzuschauen und um gemeinsam in den Dialog zu treten.

 

Neben Sofía und Laura sitzt auch Clayton Mariano Batista aus Brasilien. Er weiß, wie es ist, Theater ohne Geld zu machen und die drei Südamerikaner verraten sich gegenseitig ihre Strategien, um doch an ein bisschen Geld zu kommen. Nicht lange und das Goethe-Institut wird genannt. Für alle drei stellt es einen wichtigen Partner für die Durchführung von Kulturprojekten dar. Seit 1980 arbeitet auch das Internationale Forum junger Bühnenangehöriger, wie es sich damals nannte, mit dem Goethe-Institut zusammen. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten kommen seitdem nicht mehr nur aus den deutschsprachigen Ländern, sondern aus allen Ecken der Welt. 2014 sind insgesamt neunzehn Länder vertreten, da ist es kein Wunder, dass manche Themen auf den weißen Schildern nur einen sehr bestimmten Kreis Interessierter anziehen.

 

Austausch auf Augenhöhe

Die Idee hinter dem Internationalen Forum ist es, jungen Theatermachern und Theatermacherinnen die Möglichkeit zu geben, einander ohne Produktionszwang und auf Augenhöhe zu begegnen. Es soll einen Raum bieten, um über die Fragen, die jeden einzelnen beschäftigen, zu sprechen und zu diskutieren. Dabei waren in den letzten Jahren die zehn Inszenierungen des Theatertreffens nur ein Teil des Stipendiatenprogramms: interne Workshops (oft mit namenhaften Workshopleitern wie Rimini Protokoll, Jens Hillje uvm.), Ausflüge zu anderen Berliner Spielstätten sowie Zeit, um miteinander zu sprechen, zu diskutieren und all das Gesehene und Geschehene zu verarbeiten waren fester Teil des Programms. Selbst in der deutschsprachigen Theaterlandschaft scheint dies fast ein utopisches Vorhaben: so viele junge kreativ arbeitende Menschen zusammen zu bringen und sie dann nicht zum Produktiv-Sein anzuhalten, sondern gerade dazu, inne zu halten, auf andere Ergebnisse zu schauen und sich in Workshops weiterzubilden, ihre künstlerischen Ideen und Vorstellung erneut abzufragen und auszutesten.

 

“Occupy Stadttheater”

Nienke Scholts aus den Niederlanden hat das Schild “Future perspectives on what kind of space a/the theatre should be” geschrieben. Bei ihr sitzen deutlich mehr Theatermacher und Theatermacherinnen aus den deutschsprachigen Ländern. Die Frage nach der Architektur scheint sehr relevant zu sein. In den Lectures über den eigenen Werdegang, die jeder Stipendiat und jede Stipendiatin am Anfang der gemeinsamen Zeit halten musste, zeigte sich, dass viele der „jungen Bühnenangehörigen“ mehrere Site-Specific-Projekte verwirklicht haben und an partizipativen Theaterformen interessiert sind. Auch die Vorstellungen des Theatertreffens werden immer wieder diesbezüglich hinterfragt: inwieweit wurden Stücke auch danach ausgewählt, ob sie die große Bühne des Hauses der Berliner Festspiele (1000 Plätze) bespielen können? Kann Theater überhaupt noch subversiv und anregend sein, wenn es wie eine Großveranstaltung angelegt ist? Überwiegt das Geld, die Opulenz des Bühnenbildes, die Fokussierung auf Effekte manchmal den Inhalt? Dabei zeigt sich bei fast allen 36 Teilnehmenden ein größeres Interesse an kleinen Off-Bühnen. Es findet eine Hinterfragung der Architekturen deutscher Stadttheater statt. Der Begriff „Theatertempel“ wird abschätzig benutzt.

 

Generell kommen die Stadttheater in ihrer momentanen Struktur nicht gut weg. Der einzige Punkt, der für sie spricht, scheint ihr Geld zu sein, ihre mehr oder weniger kontinuierliche subventionierte Stellung. Einmal ruft die freischaffende Tanzdramaturgin und Theatermacherin Rebecca Egeling laut aus: „Occupy Stadttheater!“ Auch im Forum grenzt sich die Freie Szene von den Stadttheatern ab. Und die Teilnehmenden aus Stadttheater-Kontexten scheinen sich nicht weniger nach neuen Räumen und Arbeitsformen zu sehnen. Die deutsch-französische Schauspielerin Inga Koller hat ein weißes Schild vor sich liegen: „The secret of collectif work! What are your experiences? What to avoid, what to aim?“. Rebecca Egeling hat sich mit in die Gruppe gesetzt und erzählt von ihren Erfahrungen aus der Freien Szene. Inga hört konzentriert zu.

 

Raum für Komplizenschaften

Omar Elerian, ein in London lebender Regissieur, hat das Open Space Prinzip eingeführt, in dem die Stipendiaten und Stipendiatinnen sich von Thema zu Thema bewegen, Fragen stellen und Erfahrungen teilen können und dessen Regeln eigentlich keine Regeln sind („What ever happens is the only thing that could have happend“, „When it’s over it’s over“, „Whenever it starts is the right time“, “Who ever come are the right people”). Dieser Open Space in den Uferstudios, einer freien Produktionsstätte, wo die Workshops und Diskussionen des Internationalen Forums stattfinden, bevor die Teilnehmenden nachmittags zu den Veranstaltungen des Theatertreffens in das Haus der Berliner Festspiele fahren, dieser Open Space zeigt exemplarisch, wie das Internationale Forum funktioniert: Es versucht einen Raum zu schaffen, in dem sich die Teilnehmenden gleichsam austauschen als auch selbst hinterfragen können. Diese Art von Austausch ist, nach den Berichten der einzelnen Stipendiatinnen und Stipendiaten zufolge, keine Selbstverständlichkeit. Viele sehnen sich manchmal nach den Zeiten ihres Studiums zurück, wo nicht nur die Zeit zum Produzieren, sondern auch zum Diskutieren, Entwickeln und für allgemeinen Austausch vorhanden war. Lisa Jopt, die momentan als freischaffende Schauspielerin arbeitet, meint, dass im Gegensatz zur sonstigen Arbeitswelt das Internationale Forum einen Raum biete, indem nicht „alle permanent auf ihre Nutzbarkeit abgescannt werden“. Der Leiter des Internationalen Forums Uwe Gössel sagt, dass er es unmöglich findet, „dass die Künstler individualisiert werden“. Dabei merkt er an, dass dies nicht das Problem der Künstler und Künstlerinnen sei, sondern ein strukturelles. Es gäbe zu wenig Räume und Möglichkeiten, in denen Zusammenschlüsse, Komplizenschaften und künstlerische Lobbies entstehen könnten. Dies zu fordern und fördern ist sicherlich die Aufgabe der Kulturpolitik und der einzelnen Kulturinstitutionen. Das Theatertreffen der Berliner Festspiele trägt mit seinem Stipendienprogramm maßgeblich dazu bei.

 

Das Internationale Forum ist in seiner bisherigen Form ein löwenhaftes Beispiel für produktionsunabhängigen Austausch und die Förderung junger Künstler und Künstlerinnen (und nicht nur ihrer künstlerischen Erzeugnisse). Doch wie lange mag das so bleiben? Bereits mit der „Neuausrichtung“ des Stückemarkt hat sich 2014 gezeigt, dass die Umstellung des Konzeptes nicht unbedingt der Förderung junger Künstlerinnen und Künstler dient, die sich mit neuen Formen der Autorschaft beschäftigen, sondern vor allem den Gastspiel- und Eventcharakter des Theatertreffens fortschreibt: während früher teilweise unfertige Texte junger Dramatiker und Dramatikerinnen in szenischen Lesungen vorgestellt wurden, waren nun drei fertige Produktionen, die allesamt einen hohen qualitativen Charakter hatten, eingeladen. Uwe Gössel, der 2014 das 10. Mal die Leitung des Internationalen Forums übernahm, wurde gekündigt. Ein Nachfolger steht bisher noch nicht fest. Es bleibt nur zu hoffen, dass die künftige Leitung weiter an der Idee festhält und einen Raum bietet, der weit mehr leistet, als es die meisten anderen Stipendienprogramme in diesem Bereich tun. Ein Stipendienprogramm, das nicht nur die Möglichkeit bietet, Inszenierungen kostenlos anzuschauen, sondern den Austausch aller Beteiligten organisiert und fördert. Denn um Kunst zu machen ist es wichtig, inne halten zu können und gemeinsam mit anderen zu formulieren, was man möchte und wohin man damit will.