Kompromisse mit zwei Pässen - Kommentar zur zweijährigen Kooperation zwischen der freien Tanz- und Theatergruppe Gintersdorfer/Klaßen und dem Theater Bremen

In der Spielzeit 2012/2013 begann eine zweijährige Kooperation zwischen der Tanz- und Theatergruppe „Gintersdorfer/Klaßen“ und dem Theater Bremen, welches durch den Fonds „Doppelpass“ der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde. Ziel der Förderung ist die Kooperationen von festen Tanz- oder Theaterhäusern mit freien Gruppen zu unterstützen und somit die Möglichkeit dazu zu öffnen, neue Freiräume zu schaffen, sowie wertvolle neue Erfahrungen und Perspektiven künstlerisch zu verbinden. So könnten „die Theater den freien Gruppen mehr Aufführungsmöglichkeiten und eine attraktive Infrastruktur mit hoher organisatorischer und künstlerischer Kompetenz bieten, während die freien Gruppen die Institutionen mit ihren inhaltlichen Akzenten und bewährten Ausdrucksformen, Arbeitsmethoden, sowie Themensetzungen, bereichern.“

 

„Gintersdorfer/Klaßen“ präsentierten im Rahmen des Festivals „La Bremencité“ zum Abschluss der Residenzzeit ausgewählte Arbeiten, die im Verlauf der Kooperation entstanden sind.

Die Projekte von „Gintersdorfer/Klaßen“ beinhaltet meistens eine Auseinandersetzung mit politischen Themen und konzentriert sich vor allem auf die künstlerische Darstellung über Körper und Bewegung. Die Performer sind professionelle Choreografen und Tänzer und bestehen zum einen aus ivorischen und zum anderen aus westeuropäischen Künstlern. Die Besonderheit an den Projekten ist, dass grundsätzlich ein umgekehrtes Machtverhältnis dargestellt wird, was die westlichen Sehgewohnheiten irritiert und vor allem in Frage stellt. Die afrikanischen Tänzer bringen den westeuropäischen Künstlern Tänze auf der Bühne bei, während diese die improvisierten Texte der ivorischen Tänzer übersetzen und somit als eine Art Sprachrohr dienen.

Die Darstellung auf der Bühne lebt vor allem durch die Dynamik  und auch Aggression, die die  westafrikanischen Darsteller nutzen, um das Publikum zu irritieren und auch mit einzubeziehen. Die Performances bestehen aus Improvisationen, die zwar einer thematischen Rahmung folgen, aber sich auch immer wieder spontan in ihrer eigenen Rolle als Individuum zu den anderen in Bezug setzen und gleichzeitig dadurch die Aufführung für sich selbst nutzen. Monika Gintersdorfer formuliert im Manifest der Künstlergruppe, dass jeder als sein eigener Chef fungiere und jeder für sich selbst und die anderen Verantwortung tragen müsse. Gleichzeitig bestehe ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Publikum und Darstellern. Zudem sorgt sie dafür bei den Kooperationen und Projekten die maximale Bezahlung der Performer zu erhalten und einem Gefühl von Armut entgegen zu wirken und vor allem Glamourösität zu betonen.

Vergleicht man diese Grundeinstellung nun mit dem Sinn und Zweck des Programms des Fonds „Doppelpass“, ergeben sich einem einige Ungereimtheiten. Dass diese Kooperation in erster Linie aus eigennützlichen Gründen beider Seiten zustande kam, steht außer Frage. Die freie Gruppe profitierte von der Infrastruktur des Theaters, als auch von dem Umstand sich ausschließlich nur auf die künstlerische Produktion konzentrieren zu können. Das Stadttheater konnte wiederum sein Spielzeit-Programm durch die Residenztätigkeit von „Gintersdorfer/Klaßen“ vielfältiger, aber auch innovativer gestalten, um damit ein etwas unkonventionelleres Image zu kreieren. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, so lange das Gleichgewicht erhalten bleibt. Die Praxis sieht anders aus. Den Berichten der Presse nach zu urteilen, musste die Gruppe nicht selten vor einem halb besetzten Haus spielen. Daraus lässt sich schließen, dass das Stadttheater nach wie vor ein Publikum hat, dass sich nicht leicht für künstlerisch Neues begeistern lässt und die freie Szene trotz dieser Kooperation es nach wie vor schwer hat, ernst genommen zu werden. Zwar kann man das Zusammenkommen als Experiment, viel besser noch als „Schnupperpass“ (Florian Malzacher in einem Beitrag im Rahmen des Impulse-Festivals 2013) bezeichnen, aber ob es einer freien Tanz- und Theatergruppe zu besseren künstlerischen Produkten verhilft, bleibt weiter zu befragen.

Den Anspruch von Monika Gintersdorfer, die angemessenste Bezahlung für ihre Darsteller zu verhandeln, steht konträr zu den Haushaltskürzungen des Theater Bremen.Der Fonds „Doppelpass“, spendet segensreich, wenn auch nicht besonders viel, aber eine ausreichend hohe Fördersumme für die Verhältnisse der freien Szene und weitaus genug, dass sich ein Stadttheater dafür interessiert. Jetzt wäre es allerdings wünschenswert, wenn das Interesse beider Seiten auch ein ernsthaftes wäre, dass sich mehr auf die Konfrontation zweier unterschiedlicher künstlerischer Systeme konzentriert und vor allem Reibungsflächen thematisiert.

Einen zweiten Anlauf darf es hierfür aber doch noch geben, schließlich soll die Kooperation, die einst durch „Doppelpass“ erfolgreich angestoßen wurde, aufrecht erhalten werden und so Kontinuität wahren. In der Spielzeit 2014/2015 wird „Gintersdorfer/Klaßen“ ein weiteres Projekt am Theater Bremen realisieren.