Kein Innehalten. Wird das deutsche Theater mit belanglosen Jungautoren überschwemmt?

Zum 20. Mal fanden am Deutschen Theater in Berlin die Autorentheater Tage (ATT) 2014 statt. Till Briegleb, Theaterkritiker der "Süddeutschen Zeitung", hat in seiner Funktion als alleiniger Juror fünf Siegerstücke von Theaterautoren ausgewählt. Dabei verzichtete er auf den "Fetisch des Neuen", und präsentierteStücke, die während der zwanzigjährigen Geschichte der ATT schon einmal gewonnen hatten.

„Die Sozialordnung unserer Gegenwart ist die einer Wettbewerbsgesellschaft. Konkurrenzkampf ist kein Phänomen mehr, das nur Anwälte oder Investmentbanker betrifft, es ist eine generelle Tendenz.“ Diese Feststellung ist der Ausgangspunkt für Prof. Sighard Neckels Impulsvortrag bei den 20. Autorentheater Tagen (ATT) in Berlin. Ein Soziologe, kein Intendant oder Dramaturg, eröffnet das Symposium der ATT. Es ist der Versuch eine Brücke zu schlagen, zwischen generellen gesellschaftlichen Tendenzen und theaterspezifischen Phänomenen. „Die Avantgarde ist mittlerweile das gängige Ideal. Und das forciert Wettbewerbsstress.“ Avantgarden hätten sich oft als besonders kreativ und innovativ herausgestellt, wenn aber die Avantgarden zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen würden, erhöhe das den Druck auf den Einzelnen enorm: Kreativ sein und neue Ideen zu haben sei ein Muss. Nur das Neueste scheint gerade gut genug zu sein. Genau darunter leiden auch Theatermacher und ihre Autoren: Je mehr Uraufführungen pro Spielzeit, desto mehr mediale Aufmerksamkeit, desto mehr Zuschauer. Der Fetisch des Neuen beschleunigt den Prozess von der Entstehung eines Stückes über die Uraufführung hin zur Vergessenheit.

Das ist, worauf Till Briegleb, Juror der ATT 2014, mit seiner These hinweisen will: Immer mehr Jungdramatiker produzierten immer mehr Stücke, die aber nicht über die Uraufführung hinaus kämen. Der Markt werde überschwemmt mit unterkomplexen Stücken, die sich vor allem um die Gegenwart oder die Lebensrealität der Autoren drehen. Theater seien nur noch Durchlauferhitzer für junge Autoren. Deshalb hat Briegleb die ATT 2014 unter das Motto „Innehalten“ gestellt: um einen Raum zu schaffen, in dem über das Theater und die Produktionsbedingungen von Autoren nachgedacht werden kann. Um sich der Marktlogik zumindest kurzzeitig zu entziehen, um Möglichkeiten zu finden, anders zu handeln.

 

Anspruch und Wirklichkeit

„Die Krise ist da, darüber brauchen wir nicht zu reden. Aber wie gehen wir damit um? Was gibt es für Chancen, für Handlungsmöglichkeiten?“, sind die Fragen, die sich Briegleb aufdrängen.  Um Antworten zu finden, diskutiert Briegleb mit Autoren, Lektoren, Theatermachern, Intendanten und Dramaturgen. Schnell wird klar: Brieglebs These von zu vielen Stücken auf dem Markt ist unhaltbar. Die Lektoren von Rowohlt und Suhrkamp verneinen beide, dass zu viel geschrieben werde. Auch dass die Qualität abnehme, könnten sie nicht feststellen. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, fordert Strenge in der Auswahl von Theaterstücken und Kontinuität in der Zusammenarbeit mit Autoren. Gleichzeitig erzählt Khuon von den Schwierigkeiten, denen er als Intendant, als Macher ausgesetzt ist: Die Ansprüche, die von außen an ein Haus wie das DT herangetragen werden, seien so divergent, dass er eigentlich nur scheitern könne. Darauf meldet sich erstmals ein Herr mit grauen Haaren aus dem Publikum zu Wort. Er liebe das Theater und er sei kein Macher, nur als Zuschauer hier. Aber nach all den Schwierigkeiten, die die Theaterleute hier äußerten, habe er wirklich Mitleid mit ihnen.

Zur Situation der Autoren und der Autorenförderung haben die Autoren selbst viel zu klagen. Sowohl Rolf Kemnitzer, dessen Stück „Die Herzschrittmacherin“ bei den ATT gezeigt wurde, als auch Charlotte Roos berichten von den gescheiterten Kooperationen mit den Theatern. Man werde als Autor eher als weiterer Störfaktor wahrgenommen, erkenne seinen eigenen Text auf der Bühne nicht mehr. Von der miserablen Bezahlung ganz zu Schweigen. „Ich muss mit irgendwelchen anderen Jobs Geld verdienen, damit ich fürs Theater schreiben kann“, stellt Roos ernüchtert fest. Und Rolf Kemnitzer, der mittlerweile aufgehört hat, für das Theater zu schreiben, erzählt von einem Freund, dessen Stücke nicht mehr aufgeführt wurden, der sich kurzerhand einen Avatar erschaffen hat: Eine junge Frau, unter deren Namen er Stücke bei Wettbewerben einreicht und auch schon gewonnen hat. Zur Preisverleihung habe er einfach eine Bekannte geschickt.

 

Markt und Möglichkeiten

„Das kann aber nicht die Lösung sein.“, sagt Kemnitzer, „die Theater sollen sich zu den Autoren bekennen.“ Die immer wieder laut werdende Forderung nach Hausautoren wäre eine mögliche Vorgehensweise, wie das Verhältnis zwischen Autor und Theater verbessert werden könnte. Allerdings wäre auch das wieder ein sehr elitäres und hochselektives Verfahren. Überhaupt fallen während der Diskussionen immer wieder dieselben Namen als Beispiele für gutes Autorentheater. Und man merkt schnell: Der Konkurrenzkampf und die Marktsituation, von denen der Frankfurter Soziologe eingangs gesprochen hat, sind angesichts der sehr überschaubaren Theaterwelt vielleicht doch zu weit gefasst.

„Das ist doch ein Sieg der Macher hier“, fasst Robin Detje das Symposium der ATT 2014 zusammen. Detje war Juror der ersten Autorentheater Tage 1994, hat sich aber, genau wie Rolf Kemnitzer, vom Theaterbetrieb verabschiedet. Ein Sieg der Macher ist die Diskussion nicht, aber Detje trifft einen entscheidenden Nerv: Die Positionen von Briegleb und Khuon spiegeln ein Paradoxon wider, mit dem das Stadt- und Staatstheatersystem hadert: Der Versuch, gegenwärtig zu sein, aber immer noch so funktionieren zu wollen wie früher. Den Impulsvortrag des Soziologen Neckel sieht Detje als einen Beitrag aus der „Kirche der Gemütlichkeit“ an. „Es ist doch so, dass das Tempo da ist. Damit müssen wir umgehen, da hilft auch kein Innehalten.“ War das Motto von Briegleb also falsch gewählt? Hilft kein Innehalten, um das (Autoren-)Theater besser zu machen? Um das Verhältnis zwischen Autoren und Theater gleichwertiger zu gestalten?

„Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die der Wagenburg-Mentalität oder die der Depression.“ Die abschließenden Worte des DT-Intendanten strotzen vor Pathos, aber sie zeigen auch einen möglichen Weg: Das Autorentheater und vor allem die jungen Autoren sollten sich nicht verstecken. Sondern Forderungen nach mehr Anerkennung erheben und bessere Bezahlung durchsetzen.