Nach Castorf. Die Berliner Volksbühne auf dem Weg zum „Eventschuppen“?

Chris Dercon, „der Kerl, den in Berlin keiner haben wollte“ (stern.de, 24.04.) wird ab 2017 die Leitung der Volksbühne übernehmen. Dass die Diskussion um Frank Castorfs Nachfolger als Intendant des Berliner Traditionstheaters über Wochen bundesweit in den Feuilletons kommentiert wurde und dadurch hochgekocht ist, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass sich hier ganz unterschiedliche Akteure streiten: Da sind die eingefleischten Berliner Theatermacher Claus Peymann, Noch-Intendant des Berliner Ensembles, und Castorf auf der einen und die gerade ihr Amt angetretenen Herren Regierender Bürgermeister Michael Müller und Kulturstaatssekretär Tim Renner auf der anderen Seite. Dazu kommen weitere Kultur-Player, das immer wieder mal zündelnde Feuilleton und schlussendlich auch der, den Streit eher aus der Distanz beobachtende, fast schon darüber begeistert wirkende designierte Volksbühnen-Intendant Chris Dercon.


Neben der „stürmisch in allen Medien geführten Debatte“ (Der Tagesspiegel, 24.04.) und den Provokationen beiderseits rückt das eigentliche Thema, nämlich die geplante inhaltliche (Neu-)Ausrichtung des Theaterhauses und eine klare Konzeption der Hauptstadtkulturpolitik, in den Hintergrund – vielmehr geht es um persönliche Seitenhiebe, um alte Prinzipien und unterschiedliche Auffassungen von Tradition und Erneuerung – die Süddeutsche Zeitung kommentiert, es wäre besser „über Kultur statt über Verwaltungsakte“ (25./26.04.) zu streiten. Die lange nur als Gerücht kursierende Ernennung Dercons wurde schließlich, um weitere Aufregungen zu verhindern, in einer eilig vorgezogenen Pressekonferenz bekannt gegeben und schürte den Ärger der Kulturhauptstadt-Platzhirsche auf die „Neuen“ in der Politik gewaltig. Dercon wird dennoch ab der Spielzeit 2017/18 gemeinsam mit einem künstlerisch interdisziplinär ausgerichtetem Leitungsteam als neuer Chef der Volksbühne antreten.


Verantworten für diese Personalentscheidung muss sich Kulturstaatssekretär Renner. Gegen ihn wetterte Peymann in einem offenen Brief (01.04.) als „die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“, nennt ihn „a bisserl dumm“, einen kulturellen „Umweltzerstörer“, „unerfahren“ und „völlig überfordert“. Auch Castorf beklagte in der Wochenzeitung DIE ZEIT (03.04.)  die „Nichtprofessionalität“ und das „fehlende Wissen“ der Berliner Kulturpolitik. Peymann bezeichnet ebenfalls in DIE ZEIT (12.04.) zudem den Regierenden Bürgermeister Michael Müller als kunstfern: „Der Müller war neulich erstmals in seinem Leben in der Oper“. Chris Dercon als Leiter der Tate Modern in London kann er sich nicht als Theaterchef vorstellen: „Gar nichts qualifiziert den!“. Die Volksbühne sieht er in der Gefahr, zu einem „Eventschuppen“ zu verkommen, in dem reiner Gastspielbetrieb zu Beliebigkeit und Austauschbarkeit führe.


Zu diesem Thema mahnt selbst Kultur-Staatsministerin Monika Grütters über ihren Spre-cher zu einem verantwortlichen Vorgehen bei der Suche nach einem Castorf-Nachfolger. Bedenken äußert sie somit in Bezug auf mögliche kulturelle Doppelstrukturen in der Hauptstadt; die Vertretbarkeit der intensiven Förderung des Bundes für die Berliner Festspiele etwa würde damit zur „berechtigten Frage“. Auch Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm spinnt das Schreckensgespenst eines Gastspielhauses weiter, sieht sogar den Ruf Berlins in Gefahr, solle auch noch die Volksbühne auf dem „Schlappseil“ des Event-Marktes tanzen (Der Tagesspiegel, 22.04.). Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier beklagt vor allem die ungleichen, undurchschaubaren finanziellen Unterstützungen für Berliner Theater durch den Senat (Süddeutsche Zeitung, 25./26.04.), der schon vier Millionen Euro höhere Volksbühnen-Etat soll unter Dercon noch um eine weitere Million erhöht werden.


Neben spitzen Bemerkungen wie „Kaufen Sie sich mal wieder eine Hose, lieber Claus Pey-mann“, stellt Renner in DIE ZEIT (16.04) fest, dass auch er glaubt, „dass modernes Stadttheater nicht ohne ein Ensemble auskommt“ und zeichnet seine Vision der Volksbühne als „spartenübergreifend“, die „Gräben zwischen sogenannten Bildungsbürgern und mit Popkultur sozialisierten Menschen“ überwindend, ein Haus, das weiterhin mit eigenen Produktionen aufwarten will.
Der, um den es eigentlich geht, findet den ganzen Streit „wunderbar“: Dercon will, wie Der Tagesspiegel (26.04.) titelt, auf „auf Tradition setzen“ und die Volksbühne mit verteilten Spielorten in der ganzen Stadt verankern. Außerdem soll es eine „Digitale Bühne“ geben, die zu einem „lebendigen Archiv“ für Tanz und Theater werden kann. Der künftige Intendant zitiert für seine Position Heiner Müller: „Damit etwas kommt, muss etwas gehen“.
Seine am 24.04. öffentlich vorgestellte Konzeption für das künftig von ihm geleitete Haus ist hier abrufbar.