Nach dem Spiel ist vor dem Theater

Freie Szene, freier Geist, freies Spiel: Theater und Fußball sind sich gar nicht so unähnlich. Doch seinen Job einfach abgeben, weil es nicht mehr rund läuft, wie Jürgen Klopp beim BVB, das käme Bühnenikonen wie Castorf, Peymann & Co nie in den Sinn.

 


Theater muss wie Fußball sein, war eine Parole in den Achtzigern. Freie Szene, freier Geist, frei gespielt – und drin! So war das damals. Mit Willy Brandt, Günter Netzer, der fabulösen EM von 1972 hatte es angefangen, das Geschwärme von Theater, Politik und dem runden Leder. Man war berauscht und überzeugt, dass das zusammengehört. Eckard Henscheid dichtete die berühmte „Hymne auf Bum Kun Cha“, einen Stürmer der Frankfurter Eintracht, Fußball war literaturfähig. Es gab keinen Theatermenschen, der nicht seine Fußballleidenschaft gepflegt hätte. Es schien die ideale Verbindung zu sein. Ball und Bühne. Dribbling und Dialog. Mannschaft und Ensemble. Eine Autorennationalmannschaft gründete sich, mit Unterstützung der Schaubühne. Fußball und Theater – ein innigeres Verhältnis konnte man sich gar nicht denken.
Und es war doch nur romantischer Unsinn. Heute käme keiner mehr auf die Idee, Theater und Fußball als verwandte Spielarten zu betrachten. Denn dem Theater ist das Spielerische abhanden gekommen. Es geht jetzt ums Diskursive, um das gesellschaftspolitische Thema und den Standpunkt. Es wird – wenn der sportliche Vergleich noch einmal erlaubt ist – im Theater immer nur noch kühl vom Ergebnis her gedacht. Jürgen Klopp und der BVB und „echte Liebe“ ... ja, das geht ans Herz, das ist noch Drama.


Klopp, Tuchel & Co geben die Narrenkappe ab
Da klafft es weit auseinander: Die Theaterleiter bleiben auf Lebenszeit, egal wo man in der Tabelle steht. Während ein Fußballtrainer nach dem anderen eine Auszeit nimmt, weil es nicht mehr rund läuft und die Erfolge ausbleiben, weil er den Kopf frei bekommen will, kleben die Alphatypen im Theater an ihren Sesseln. Rangnick, Guardiola, Tuchel und nun Klopp, sie alle fühlten sich einmal leer und ausgebrannt, wollten etwas anderes sehen als das ewige Grün, geben die Narrenkappe ab. Sie nehmen sich die Freiheit und ziehen sich heraus aus dem Geschäft. Undenkbar im Theater- und Festivalbetrieb, oder? Matthias Lilienthal, demnächst Intendant der Münchner Kammerspiele, hat es mal durchgezogen zwischen einem Job und dem nächsten – eine private Zeit, ein Jahr draußen.


Castorf und Peymann wollen nicht gehen
Man tut das nicht in diesen Kreisen. Castorf will nicht gehen, Peymann auch nicht. Nach dem Abpfiff geht es einfach weiter. Und wenn vorher, wir haben es gerade in Berlin erlebt, gewechselt werden soll, bleiben die Unersetzlichen stur auf dem Platz. Und so ist es nichts mehr mit der großen alten Fußball- und Theaterherrlichkeit. „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“, hieß mal ein berühmtes Buch. Es war ein Traum, was sonst.