Im Würgegriff

Draußen auf dem Land, hügelig oder flach, in kleinen oder auch schon größeren Städten, gibt es Theater, die von der überregionalen Kritik weitgehend unbesucht bleiben. Jenseits der Metropolen oder überhaupt von Häusern mit großer Tradition gehören sie zusammen mit den Kunstvereinen, dem Kino, dem Symphonieorchester zum städtischen Kulturleben. Ihre Bedeutung als wesentliches Zentrum städtischer Auseinandersetzung haben sie weitgehend verloren, aber eines müssen sie leisten: Die Bevölkerung muss sich mit ihrem Theater identifizieren können, hier besucht man seine lokalen Stars, hier bekommt man seinen eigenen „Faust“ präsentiert, eine Tatsache, hinter der Qualitätsdebatten bisweilen zurücktreten. Das ist Kunst Marke Eigenbau, die sich von den Gastspielen in den Stadthallen und der Eventkultur abhebt. Bei den Premieren wirft man sich in Schale, man setzt auf Kooperation mit den Schulen, zunehmend auf Theaterpädagogik und auch auf Publikumsoffenheit.

 

So ein Haus ist das Theater Hof in Oberfranken, das Intendant Reinhardt Friese sehr erfolgreich führt. Er nennt die Voraussetzungen: Vor allem gehe es um ein funktionierendes Ensembletheater als traditionelles Drei-Sparten-Haus mit Schauspiel, Oper und Ballett. Im Rat der Stadt bekennt man sich parteiübergreifend zum Theater und instrumentalisiert es nicht für Haushaltsdebatten. Die lokale Kritik spendet Interpretationshilfen, und das Catering für die Pause passt. Das alles klingt nach „Villa Sonnenschein“, aber es ist offenbar möglich, und das Ergebnis wird auch im veränderten Spielplan sichtbar, weg vom Operettengedudel zum respektablen Angebot.

So sollte es sein, wenn man bedenkt, dass die sogenannte deutsche Theaterlandschaft im vergangenen Jahr von der deutschen Unesco-Kommission in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Mag diese Landschaft auch ein Vermächtnis deutscher Kleinstaaterei sein und ihre Bedeutung im Einzelfall eine Übertreibung – in anderen Ländern gibt es eine solche subventionierte Theaterakkumulation nicht. Was anderes also sollte man tun, als sie erhalten?

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Theater in Hofs Nachbarstadt Plauen musste längst mit dem Zwickauer Haus (Oper, Tanz) fusionieren. Außerdem tauscht man sich ein Mal pro Saison mit Gera und Chemnitz aus, was die Identifikation ziemlich aushöhlt. Roland May, der Generalintendant für Plauen-Zwickau, der einen munteren Spielplan hat und die Stadttheateridee, die einem hier schon ein bisschen platonisch vorkommt, verteidigt, sagt: „Denken Sie doch nur an Frankfurt/Oder. Erst war das Ballett weg, dann die Oper, dann das Schauspiel. Dann war das Theater weg, und übrig blieb das Orchester.“ Dieser Erosionsprozess läuft schon lange Zeit, hier schließt eine Sparte, dort wird fusioniert. Statistische Erhebungen darüber gibt es nicht, sagt der Bühnenverein. Der Schaden wird vor allem am Ort bemerkt.

In Plauen müssen nun die Verträge neu ausgehandelt werden. Und obwohl Plauen und Zwickau nur noch eine Doppelhaushälfte sind, stand das Vier-Sparten-Haus (inklusive Figurentheater) wieder zur Disposition. Jetzt scheint der Bestand bis 2020 gesichert zu sein, aber es gibt Unwägbarkeiten. Würde der Haustarifvertrag beendet und zahlte man volle Gehälter aus, käme man wieder ins Trudeln. Der ehemalige Plauener Kulturreferent Kelterer hat sowieso seine Zweifel, ob das alles noch wirklich gewollt sei. Er unterstellt den Erhaltungsdebatten eine gelinde Scheinheiligkeit, die Abbau als „Neustrukturierung“ bezeichnet, in einer Gesellschaft, die sowieso auf Nivellierung und Zerstreuung setze. In so einer Kultur des dominierenden Desinteresses und fortschreitender Gleichgültigkeit braucht es, um gegenzusteuern, starke Leute, rabiate Könner.

In Rostock hätte man so einen: Sewan Latchinian, der viele Jahre als Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin engagiert war, an Theatern von Bonn bis Düsseldorf und Leipzig inszenierte und zuletzt das Theater in Senftenberg aus der Krise führte, ein gewiefter Theatermacher, ein Charaktertyp, ein heute seltener Fall. Aber nun kommt es gerade in Rostock zu einem Konflikt, der alle Reibereien um den Fortbestand des theatralischen Erbes himmelschreiend übertrifft.

Das Rostocker Theater war zu DDR-Zeiten ein führendes Haus, das sich manches leisten konnte, weil ihm ein besonders regimetreuer Leiter voranstand, was nicht gerade alle Rostocker an das Haus binden konnte. Nach der Wende begann mit häufig wechselnden Führungspersonen eine Zeit großer Diskontinuität, und das Haus war kein Ort der Stadt mehr. Also holte man Latchinian als Retter, der gleich heftig loslegte und mit bald 30 Premieren die negative Stimmung dem Haus gegenüber bereits zum Kippen brachte. Die Rede ist von „Leistungsaustausch“ und „Kooperationsmodellen“.

Alle Zeichen standen auf Aufbruch, als man in der Bürgerschaft, dem Stadtparlament der Hansestadt, Ende Februar eine sogenannte Neustrukturierung beschloss, also Abbau. Den Abbau von zwei Sparten: Oper und Tanz. CDU, SPD, Grüne und das Bündnis Für Rostock/FDP verantworten gegen Bürgerproteste, Presseverrisse und eine mahnende Einrede von Wolfgang Thierse diesen Vorstoß. Ein Abgeordneter der UFR (Unabhängige Bürger für Rostock) sagte: „Für mich bleiben vier Sparten erhalten, wenn zwei Sparten kooperieren. Für das Publikum zählt die Aufführung. Wir alle fahren ja auch Autos, die nicht in Rostock produziert wurden.“ Schon an diesem intellektuellen Kollaps kann man das Debattenniveau erkennen.

Es ist ein unvorstellbarer Vorgang: Man holt einen Mann wie Latchinian nach Rostock und lässt ihn trotz beginnenden Erfolges nach wenigen Monaten allein. Obwohl er zum gleichen Preis (bei 16,6 Millionen Subvention) für die Jahre seiner Amtszeit auch noch Figurentheater und eine Bürgerbühne zur aktuellen Auseinandersetzung anbieten wollte. Mehr Qualität und mehr Quantität ohne mehr Geld. Wenn das nicht zugleich ein positiver Sparintendant ist!

Vor der Abstimmung des Stadtparlaments folgten laut Berichterstattung der Lokalpresse 300 Rostocker dem Aufruf der „Initiative Volkstheater“ und setzten sich für den Erhalt ihres Theaters ein. Schon jetzt kommen mehr Zuschauer ins Haus als zuvor. Die genauen Zahlen wird man am Ende der Saison sehen.

Aber Oberbürgermeister Roland Methling findet nichts dabei, Rostock kleiner zu machen und das eigene Theater aufzugeben. Die Konsequenzen einer Schließung scheint er in Kauf zu nehmen. Mit der Abschaffung zweier Sparten muss zum Beispiel auch technisches Personal gehen, das dann bei der Einrichtung von Gastspielen nicht mehr vorhanden ist.

Auch der für Kultur zuständige Landesminister Mathias Brotkorb von der SPD setzt auf sinnlosen Aktionismus und fuchtelt mit Bürokratenlatein als Nebelwerfer herum. Da geht es dann um „Leistungsaustausch“ und „Kooperationsmodelle“. Es ist wie immer, wenn die Inkompetenz an die Macht kommt, dann bleiben List, Tücke und Frechheit. Das Kooperationsmaterial, um im Jargon zu bleiben, würde vermutlich aus der Hauptstadt Schwerin kommen, und Rostock, ein wachsender Ballungsraum, würde zum Ort eines Bespieltheaters. Schaut man auf diese Politiker, liegt Rostock offenbar an der Küste der Ahnungslosen. Denn was man in Hof, Plauen und anderswo über die Voraussetzungen zur Erhaltung der Theaterlandschaft verstanden hat, in Mecklenburg-Vorpommern ahnt man noch nicht einmal etwas davon. Auch nicht, dass eine Stadt ohne eigenes Theater an Bedeutung verliert, davon redeten in Plauen nämlich, als man neu verhandelte, sogar die Immobilienhändler, eingedenk ihrer betuchteren Kunden.

Um dem ganzen Scharmützel die Krone aufzusetzen, plant man in Rostock jetzt bis 2019 tatsächlich einen Theaterneubau für 40 bis 50 Millionen Euro, was an absurdes Theater grenzt, weil keiner weiß, was darin eigentlich gespielt werden soll. Obwohl man sich leicht vorstellen kann, worauf es hinauslaufen könnte. Die inzwischen schon angegraute Eventkultur steht ante portas. Das Rostocker Theater soll diesen neuen Bau bereits mitfinanzieren.

Nächstes Jahr wird in Mecklenburg-Vorpommern neu gewählt, der Wahlkampf beginnt im Herbst. Bis dahin will man mit hanseatischer Souveränität ein Bürgerbegehren platzieren. Es besteht vielleicht eine kleine Chance, dass die Politik aus purem Eigennutz eine Korrektur vornimmt. Latchinian will vorerst den Herausforderungen trotzen und nicht beleidigt aufgeben, jedenfalls solange er nicht zu einem Komplizen des Abbaus wird. Unterstützt wird er von seinem über den abgründigen Verhältnissen jonglierenden kaufmännischen Leiter Stefan Rosinski, der oft nur noch mit dem Kopf schütteln kann.

Ach, unser immaterielles Kulturerbe, die deutsche Theaterlandschaft. Blickt man nach Rostock, scheint es immer immaterieller zu werden und im Würgegriff kulturferner Politikfunktionäre gefährlich zu schrumpfen. Obwohl doch jeder weiß, dass man mit Einsparungen am kulturellen Leben, diesem Peanuts-Bereich, noch nie einen Haushalt retten konnte. Aber auch unsere politische Kultur ist geschrumpft, ganz allgemein. Rostock ist, zugegeben, ein besonders krasser Fall. Ein Fall, dem man Einhalt gebieten muss. Sonst macht er am Ende noch Schule.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung