Die darstellende Kunst als eine soziale Kraft - Südafrikas Theater der Postapartheid im Prozess der Transformation

Im Staatstheater in Pretoria wird geschossen, im Baxter in Kapstadt wird geschrien, im Soweto Theater in Johannesburg wird demonstriert. Sage ja einer, die darstellende Kunst sei nicht politisch. In Südafrika ist Theater in der Postapartheid nah dran an der Gesellschaft, begleitet den Prozess der Transformation und versteht sich als soziale Kraft. Doch Weiße und Schwarze, Alte und Junge streiten um die Wege, um Inhalte und um Ästhetiken.

Eine mehrtägige Konferenz in der südafrikanischen Hauptstadt brachte Theatermacher und Kulturwissenschaftler zusammen, initiierte Auseinandersetzungen und tagte an den Stätten mit den Brettern, die die Welt bedeuten – im Waschbeton des Staatstheaters, im »Rostrum« auf dem Kulturcampus der Tshwane University of Technology und im futuristischen Neubau des Soweto Theaters mitten im berühmt-berüchtigten Township in Johannesburg. »Marikana« heißt das Musical, das Aubrey Sekhabi für das South African State Theatre in Pretoria adaptierte. Erzählt wird vom Massaker an streikenden Minenarbeitern, bei dem durch die gewaltsamen Attacken der Polizei Menschen getötet wurden. Nach dem Buch kommt die Geschichte auf die Bühne, mit zwei Dutzend Songs und einer klaren Botschaft »to teach tolerance«, wie der Regisseur und Intendant sein Interesse auf den Punkt bringt. Sekhabi steht für eine etablierte Theaterkultur, der Popularität kein Fremdwort ist, der die Unterhaltung zum Prinzip macht, aber eben auch weiß, dass sich künstlerischer Anspruch an gesellschaftlicher Relevanz orientieren muss. Sein Staatstheater war unter den ersten öffentlichen Einrichtungen, die sich für alle Rassen geöffnet hat. Schon in den 1980er Jahren gab es schwarze Schauspieler, Tänzer und Sänger. Aber einige Zeit nach den ersten demokratischen Wahlen wurde es wegen Korruption und Missmanagement vom Kulturministerium geschlossen. Zusammen mit seinem Ko-Direktor Mpumeleleo Paul Grootboom hat Sekhabi die Institution in den letzten zehn Jahren zum größten Produktionszentrum der Darstellenden Künste des Landes transformiert – am Puls der Zeit und politisch engagiert, auf fünf unterschiedlichen Bühnen, aber auch als Laboratorium kultureller Teilhabe. In den ehemaligen Künstlergarderoben haben unter anderem eine Musikschule, ein Jazznetwerk und eine Tanzcompany Platz gefunden, die Schauspieler stehen für »Q und A« (Fragen und Antworten) nach den Vorstellungen zur Verfügung und eine eigene Abteilung widmet sich dem Community Theatre, eine Art Bürgerbühne für alle. Grootboom ist der spindoctor für Form und Inhalt. Er »liebt seinen Shakespeare so leidenschaftlich wie die freche Leichtigkeit der Sitcom«, heißt es in der Pressemitteilung zum »Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatiktheaterpreis« 2016. Er kennt die Realität der Townships, geprägt von häuslicher Gewalt und sozialen Verwerfungen. Seine »Township Stories« schockieren noch immer mit Sex und Crime. Auf den Podien geißelt er die falschen Entwicklungen in seinem Lande, noch sei künstlerische Freiheit nicht wirklich gewährt, und keiner könne es mehr hören, wenn von »Nation Building« schwadroniert werde, aber die ökonomischen Krisen nach wie vor insbesondere die schwarze Mehrheit treffe. Malcolm Purkey, der nach 2004 das Johannesburger Market Theatre leitete, fragt nach der Rolle der Theater und der Wirkung auf die Gesellschaft. Auf der Suche nach einer sozialen Stimme, einer politischen Ästhetik sei das Theater der imaginierte Raum zum Denken des Wandels. Gestritten wird über die Idee eines Theaters als politisches Instrument versus eines Theaters der Kunst willen. Ja, Theater könne so etwas wie der Spiegel der Gesellschaft sein; nein, Theater muss eben auch Verwirrung stiften, und darf desorientierend und uneindeutig sein.Der künstlerische Direktor des Nationalen Kunstfestivals, Ismail Mahomed, hat am eigenen Leib erlebt, was Theater sein kann. Er durfte weder in die Aufführungen gehen, noch studieren, war aber, wann immer es ihm gelang, heimlicher Zuschauer und liebt die Darstellenden Künste bis heute als Bildungsinstitution im weitesten Sinne. Er rekurriert auf die Sprache als Diskurszugang, auf die Bilder als Horizonterfahrung, auf das Ereignis als Liveerlebnis. Und deshalb kritisiert er scharf die Kommerzialität heutiger Produktionen, die Selbstzensur bei Projekten und den Identitätsverlust durch die bisher allein nach europäischen Standards ausgebildeten Schauspieler. »Theater ist eine Kristallkugel und erlaubt uns, unsere Gesellschaft neu auszumalen und vorzustellen.« Er setzt deshalb auf die neue Generation, die nach 1994 geboren wurde. Denn bis dato seien theatrale Interventionen in Südafrika weitgehend Proteste gegen den Apartheid-Staat gewesen. Danach waren es die feierlichen Geschichten, eine Ära der Euphorie und der Verehrung von Nelson Mandela. Ab 1999 haben Künstler erneut begonnen, politische Geschichten zu schreiben – es ging um Aids, Gender und Umwelt. »Einige dieser Stücke«, konstatiert Mahomed, »funktionierten und einige scheiterten hoffnungslos. Die Geschichten, die funktionierten, waren jene von Künstlern, die mit echter Überzeugung geschrieben haben und die in diesem Bereich als Aktivisten tätig waren.« Auch er plädiert für mehr Toleranz als künstlerischen Wert: Ängste und Hoffnungen gelte es ernst zu nehmen, Theater ermögliche, Vorurteile zu befragen und es sei das Recht des Künstlers, auch mal mit Hass und Wut zu reagieren. Es liege in der Verantwortung der künstlerischen Leiter von Theaterhäusern und Festivalprogrammen, den kritischen Dialog mit den Mitteln der Kunst zu gestalten. Und er ist davon überzeugt, dass ein Kurator ein Kulturvermittler sein muss, »der die Kraft hat, die Werke der Gesellschaft mitzugestalten.« Gestalten ist auch Yvette Hardies Stichwort. Sie ist Direktorin der ASSITEJ Südafrika, der internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche und als Theaterproduzentin mit der Praxis in der Theaterlandschaft ihrer Heimat vertraut. Theater sei Konfrontation und das sei der Ausgangspunkt für Stücke von Grootboom, aber auch von Mike van Graan und anderen Autoren. Sie hätten ein politisches Bewusstsein und schrieben »mit einer Dringlichkeit« über die aufkommenden Themen in der Gesellschaft. Bewährt habe sich in letzter Zeit vor allem auch das kollektive Entwickeln von Stoffen, um eine Vielzahl von Expertisen zu nutzen. Im Collonnades Theatre Lab sei so das Projekt »Truth in Translation« entstanden. Das Stück frage: »Ist es möglich, Vergangenes zu vergeben, um die Zukunft zu überleben?« Das Publikum wird in Workshops eingebunden, um einen tieferen Zugang zum Thema zu ermöglichen. Überhaupt sei Kulturpädagogik und künstlerische Bildung ein Schlüssel für die Zukunft des Theaters, getreu dem afrikanischen Sprichwort: »Wenn du heute einen Baum pflanzt, kannst du stolz sein auf den Wald von morgen«. Kinder- und Jugendtheater ist deshalb eine von allen Theatermachern geschätzte Zielgruppenarbeit. In Kapstadt kuratiert Hardie ein Festival, das in den Vormittagsstunden Angebote für Schulklassen anbietet. Performer dürfen sich ausprobieren, Publika dürfen nachfragen, werden mit einbezogen in den Prozess der Produktion oder können selbst kreativ werden. Das Ganze findet in der Kirche einer methodistischen Gemeinde im Stadtteil Observatory statt. Die künstlerische Arbeit ist in der Tat eine Beobachtungsstation: Wie geht’s? Was macht’s? Was soll’s? Eigens für das Festival wurden Werkaufträge vergeben – für eine Schule des Sehens, zur Auseinandersetzung mit jugendspezifischen Themen. »Ukwakha« thematisiert die Komplexität von Beziehungen. Zwei Dutzend junge Menschen aus dem Township Khayelitsha – das Xhosa-Wort für »Neue Heimat« – tanzen, trampeln und turnen, schwarze Körper in weißer Unterwäsche mit Gummistiefeln. Durch die Nähe von Bühnenspiel und Zuschauerraum ist das theatrale Erlebnis ein besonders intensives, der Körpereinsatz der Künstler kommuniziert mit den Köpfen der Zuschauer. Sbonakaliso Ndabe hat das choreografiert und begeistert über eine Stunde lang: Wer mit wem? Wann und wann nicht? Was und wie? Konventionen werden konserviert und konterkariert, Gedanken und Gefühle sichtbar gemacht. Es ist aber nicht nur die Authentizität des gemeinschaftlichen Wirkens, es ist insbesondere die Ausstrahlung des Werks, aus dem Alltäglichen auszubrechen, zu reflektieren und Erkenntnisse darüber zu erzielen, das Individuelle in der Gesellschaft zu leben. Im Mai 2017 findet übrigens der Weltkongress der ASSITEJ zum ersten Mal in der fünfzigjährigen Geschichte des weltweiten Netzwerkes auf dem afrikanischen Kontinent statt – und zwar in Kapstadt. Neu ist auch der dritte Ort der Konferenz: Das Soweto Theater mitten im großen Township in Südafrika, in dem die Apartheidspolitik die schwarzen Arbeiter und ihre Familien separiert hat. Aber schon von Anbeginn war diese Stadt nahe der Stadt auch eine Heimstatt kultureller Selbstverständigung – und dazu zählten auch der gesellschaftliche Protest und der politische Aufbruch. Gleich hinter dem Theaterkomplex ist das Denkmal, das an den Schüleraufstand 1976 erinnert, bei dem viele Hundert Demonstranten erschossen wurden. Das prägt auch heute noch die Protagonisten der ANC, den African National Congress, die politische Vertretung der schwarzen Mehrheit. Schon im Exil in London und Amsterdam hat Mongane Wally Serote von einem Theater geträumt. Der alte Kämpfer, dereinst neben Mandela der Mann für Kultur, ist Herr über drei Theatersäle und ein buntes Programm von Produktion und Präsentation. Selbstverständlich sei es die ewig alte Geschichte: Zu spät, zu klein, zu langsam! Serote hat als Abgeordneter mitgewirkt am »White Paper« der Regenbogennation, das eine Kulturpolitik für alle formuliert, aber noch immer der Realisierung harrt.Und schon scharren die Jungen an der Tür zum Soweto Theater. Rund 100 Künstler der neuen Generation einer freien Szene stehen bereit, die Darstellenden Künste in Südafrika zu reformieren. Sie sitzen noch im Zuschauerraum, aber sie streben auf die Bühne. Lautstark fordern sie, nicht weiter zu reden, sondern zu handeln. Mit Hip-Hop-Songs machen sie sich Luft, mit Aushilfsjobs finanzieren sie ihre Wochenendworkshops. Sie sind die Digital Natives, die vernetzt agieren und weniger die Revolution romantisieren wollen. Sie sind in der Lage, endlich eine Zukunft zu gestalten, in der sie eine Rolle – im Leben wie im Theater – spielen können. Doch derweil wird im Johannesburger Baxter Theater noch ein altes Drama von Henrik Ibsen neu inszeniert. 2013 darf »Nora« zum Schluss aus der weißen Mittelklasse ausbrechen – und im Kapstädter Fugard Theater wird mit »District Six« nostalgisch vom multikulturellen Zusammenleben freigelassener Sklaven und Immigranten, Händlern und Arbeitern aus dem 19. Jahrhundert gesungen und gegen die menschenverachtende Politik des 20. Jahrhunderts gespielt. Die Generation des 21. Jahrhunderts ist aber schon auf neuen Wegen – in den Theater Südafrikas, gesellschaftlich gebildet, künstlerisch ambitioniert, mit dem Blick nach vorne – und das ist auch ein Prozess der Transformation.

 

Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und Inhaber des UNESCO-Chair »Cultural Policy for the Arts in Development«.