Theaterpolitisches Thesenpapier des Deutschen Bühnenvereins

In 17 Thesen nimmt der Deutsche Bühnenverein Stellung zur Deutschen Theaterlandschaft. Diese Thesen richten sich an die Künstler und Theaterverwaltungen, an die Kulturpolitiker und Träger in Ländern und Kommunen.

Die Theatertradition Deutschlands mit ihren mehr als 220 Bühnen in 125 Städten und ihrer öffentlichen Finanzierung ist in der Welt einmalig und unverzichtbar.

1. Artikel 5 Grundgesetz garantiert die Freiheit der Kunst. Er schließt damit die Einflussnahme des Staates auf die Inhalte der Kunst aus, verpflichtet den Staat aber gleichzeitig zu ihrer Pflege und Förderung. Theaterstrukturen haben diesen grundgesetzlichen Anforderungen Rechnung zu tragen.

2. Theater bedarf als öffentliche Aufgabe der öffentlichen Finanzierung. Daraus ergibt sich insgesamt die Verpflichtung der für die Kultur zuständigen Bundesländer und ihrer Kommunen, zur Pflege und Förderung der Theater und Orchester ausreichende Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Bei aller Notwendigkeit zur Rationalisierung und zur Sparsamkeit darf Theater nicht Marktgesetzen ausgeliefert werden. Denn die Folge wäre eine der grundgesetzlich garantierten Kunstfreiheit nicht mehr gerecht werdende Verflachung der Inhalte und ästhetischen Formen.

3. Jedes Theater muss mit eigenem künstlerischen Profil sein eigenes Publikum finden. Erst dies sichert eine vielfältige, lebendige, in der Gesellschaft verankerte Theaterkunst.

4. Theater sind für Städte und Gemeinden, Länder und Regionen von zentraler kulturpolitischer, aber auch wirtschaftlicher Bedeutung.

- Das Theater ist einer der wenigen noch vorhandenen kommunalen öffentlichen Versammlungsorte der am Gemeinwesen interessierten Bürgerinnen und Bürger, ein Denk- und Erlebnisraum.
- In der Wirtschaftsstrukturpolitik ist die kulturelle Attraktivität eines Standortes durch ein vorhandenes anspruchsvolles Freizeitangebot ein bedeutender Infrastrukturfaktor. Hierbei bildet vor allem das Theater ein qualitatives Gegengewicht zu den beliebigen, zunehmend kommerzialisierten Angeboten der Unterhaltungsindustrie.
- Theater ist ein Wirtschaftsfaktor, der zu Einnahmen in unterschiedlichen Bereichen führt, die indirekt auch der öffentlichen Hand zugute kommen. Theaterausgaben zahlen sich aus.
- Theater sind ein wichtiger Arbeitsmarktfaktor, weil sie als personalintensive Betriebe in großer Anzahl Arbeitsplätze bereitstellen. Fast 60.000 Menschen sind an den deutschen Theatern beschäftigt. Hinzu kommen noch die Beschäftigten in zahlreichen Zulieferbetrieben.

5. Ihren kulturpolitischen Aufgaben und Verpflichtungen sind die Bundesländer und Kommunen im Bereich Theater und Orchester bisher nachgekommen durch das Betreiben oder Fördern von
- Staatstheatern
- Stadttheatern
- Landesbühnen
- Orchestern
- privaten und freien Theatern
- Festspielen
Diese Formen öffentlicher Theater- und Orchesterfinanzierung haben sich bewährt und sind im Prinzip beizubehalten. Kein anderes Land in Europa verfügt über ein so vielfältiges Theaterangebot wie die Bundesrepublik Deutschland.

6. Die Theater werden ihrem künstlerischen Auftrag am besten als Ensembletheater gerecht. Über einen längeren Zeitraum arbeitet das künstlerische Personal eines Theaters zusammen, um so Inhalte und Formen zu entwickeln, mit denen sich das Publikum auseinandersetzen kann und soll. Ein Ensemble prägt durch seine Künstler das soziale und kulturelle Gefüge einer Stadt wesentlich mit.

7. Die Staats- und Stadttheater wie auch die Landesbühnen haben sich als Ensembletheater künstlerisch bewährt. Ihre Arbeit wird in vielen Städten durch anders strukturierte Privattheater und durch Festspielunternehmen sinnvoll ergänzt. Tournee- und Gastspieltheater können dieses Theaterangebot der Städte nicht ersetzen, sie ergänzen es. Andererseits hat die Bedeutung dieser Theater - wie auch der Landesbühnen - für die theaterlosen Städte in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

8. Alle Produktionsprozesse sind einem zunehmenden Rationalisierungsdruck unterworfen. Für den personalintensiven Theaterbetrieb sind allerdings die Möglichkeiten, durch Rationalisierung die Kosten zu senken, begrenzt. Auch deshalb ist in Zukunft das Theater aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Wer jedoch das Ensembletheater erhalten will, muss die theaterspezifischen Produktionsprozesse unter dem Aspekt möglicher Kosteneinsparungen gezielt untersuchen und die notwendigen Maßnahmen einleiten, insbesondere den Ensemblegedanken konsequenter realisieren.

9. In Deutschland werden etwa 2 Promille des gesamten öffentlichen Budgets - also von Gemeinden, Ländern und Bund - für Theater und Orchester ausgegeben. Das ist als Anteil am Gesamtbudget nicht viel, ergibt aber wegen der Wirtschaftskraft des Landes zur Zeit jährlich ca. 4 Milliarden DM.

10. Die rechtlichen und administrativen Rahmenbedingungen, denen der Theaterbetrieb unterworfen ist, erweisen sich zunehmend als Hemmschuh für die künstlerische Arbeit der Theater. Daher muss die Verflechtung des Theaters mit den Organisationsstrukturen, Regelungen und Arbeitsweisen des öffentlichen Dienstes aufgelöst werden.

11. Auch die Theater der öffentlichen Hand sind deshalb aus dem öffentlichen Dienst herauszulösen und in Betriebsformen zu überführen, die ein eigenverantwortliches und vom Rechtsträger unabhängiges Arbeiten der Theater ermöglichen. Um die Trägerschaft für Stadttheater und Landesbühnen auf eine breitere Basis zu stellen, könnten neben der Sitzkommune auch Nachbargemeinden und Landkreise an der Finanzierung der Theater beteiligt werden. Alle Theater- und Festspielunternehmen der öffentlichen Hand sowie die Privattheater sollten dem Deutschen Bühnenverein angehören, um insbesondere durch das Tarifrecht gleiche Arbeitsbedingungen an allen Theatern herbeizuführen.

12. Die Leitung der Theater und Orchester ist so einzurichten, dass sie sowohl ihren künstlerischen Aufgaben als auch ihren ökonomischen und organisatorischen Aufgaben gerecht wird. Dies hat der jeweilige Rechtsträger bei der Auswahl der Leitungspersonen zu berücksichtigen. Mit den jeweiligen Leitungspersonen sind vertragliche Vereinbarungen zu treffen, die der Verantwortung für das jeweilige Theater und/ oder Orchester Rechnung tragen.

13. Die von der öffentlichen Hand zu fördernden Theater werden mit Finanzmitteln ausgestattet, die im Rahmen einer mittelfristigen Finanzplanung möglichst für fünf Jahre definitiv festgelegt werden. Dieses Haushaltsvolumen steht also von Anfang an fest. Es erfährt während des festgesetzten Zeitraums keine Verminderung und mit Ausnahme der linearen Personalkostensteigerungen keine Erhöhung. Auf diese Weise besteht für das Theater Planungssicherheit hinsichtlich der finanziellen Mittel, die ihm innerhalb des festgesetzten Zeitraums zur Verfügung stehen. Es muss zudem die Möglichkeit eingeräumt werden, diese Mittel innerhalb des jeweiligen Zeitraums möglichst flexibel einzusetzen. Das bedeutet, dass die Haushaltsmittel nicht an ein Jahr gebunden werden, keine Stellenplanvorgaben gemacht werden und die einzelnen Haushaltspositionen weitestgehend dekkungsfähig sind. Auch die Eintrittspreisgestaltung ist Angelegenheit des Theaters. Das Theater unterliegt der staatlichen bzw. kommunalen Rechnungsprüfung, die nach gesonderten Regelungen erfolgt.

14. Das Tarifrecht für den Theaterbereich muss insgesamt den spezifischen Erfordernissen des Theaterbetriebs angepasst werden. Die Mitarbeiter von Technik und Verwaltung sind aus dem Tarifgefüge des öffentlichen Dienstes herauszulösen. Eine Harmonisierung der verschiedenen und zum Teil gegenläufigen Tarifvorschriften ist dringend notwendig. Die in den jetzt abgeschlossenen Tarifverträgen möglichen Dispositionsfreiheiten beim Personaleinsatz sind zu erhalten und auszubauen. Langfristiges Ziel des Deutschen Bühnenvereins ist ein "Einheitlicher Theatertarifvertrag", der Differenzierungen nur dort vorsieht, wo sie aus künstlerischen Gründen notwendig sind. Die Vergütung der Theatermitarbeiter hat stärker leistungs- und produktbezogen zu erfolgen. Die Gewerkschaften werden aufgefordert, diese Zielsetzungen des Deutschen Bühnenvereins durch konstruktive Verhandlungen zu unterstützen.

15. Der Repertoirebetrieb ist wesentliche Voraussetzung für den Ensemblegedanken. Trotz zunehmender ökonomischer Zwänge, denen das Theater ausgesetzt ist, muss deshalb alles getan werden, um den Repertoirebetrieb aufrecht zu erhalten. Dies schließt nicht aus, dass je nach künstlerischem oder organisatorischem Bedarf auch en suite gespielt wird.

16. Die Theater müssen unter dem Gesichtspunkt der Kostenersparnis auch Anzahl, Art und Umfang der Produktionen überprüfen. Der Austausch von Inszenierungen zwischen mehreren Theatern ist ebenso zu fördern wie die Durchführung von Koproduktionen.

17. Durch eine Veränderung der urheberrechtlichen Regelungen muss eine begrenzte Verwertung von Aufzeichnungen einer Theateraufführung zu Berichterstattungszwecken (auch jenseits der Aktualität) möglich sein, ohne dass es dazu der Zustimmung von Autoren und mitwirkenden Künstlern bedarf (Kurzberichterstattung). Dem Veranstalter muss das Recht zustehen, über Art und Umfang dieser Verwertung je nach bestehenden Informationsbedürfnissen zu entscheiden.

16. Juli 1993