Heimspiel in Hildesheim

> Zum Projekt des Stadttheaters Hildesheim - gefördert vom Heimspielfonds

Der Wunschpavillon des Hildesheimer Stadttheaters

Von Fankultur und Kulturfans

"Antreten vor heimischer Kulisse, im Publikum sitzen mehrheitlich Fans, die voller Begeisterung ihre Mannschaft unterstützen und die Spieler kämpfen um den Erfolg für die ganze Stadt - das bedeutet HEIMSPIEL", liest man auf der Internetseite der Kulturstiftung des Bundes.

Passend zur WM in Deutschland nimmt sich diese ein Beispiel an der Fankultur des Volksportes und richtet Anfang 2006 den Heimspiel-Fonds ein, für den sich ausschließlich Projekte öffentlich geförderter Theater bewerben können. Erklärtes Ziel ist es "... ein neues Publikum für Theater zu interessieren und eine Auseinandersetzung mit der Rolle des (Stadt-)Theaters in Deutschland anzuregen."

Das Stadttheater soll sich heraustrauen aus seinem sicheren Haus, soll Augen und Ohren öffnen, intensiv Recherche betreiben: "... sich mit der urbanen und sozialen Realität der Stadt auseinandersetzen. (...) Welche Themen bewegen die Menschen vor Ort (...), die im Alltag der Stadt sonst nicht wahrgenommen werden? Wo sind die unbekannten Orte der Stadt, die aus dem Blickfeld der Kulturschaffenden fallen? (...) Sie sollen hinausgehen, in ihnen bislang unbekannte Viertel vorstoßen und die Biographien und Alltagsgeschichten der Bewohner kennen lernen. Nur so können sie neue Foren schaffen für einen echten Austausch zwischen dem Theater und den Menschen in der Stadt - zwischen Kunst und Realität." fordert die Bundesstiftung auf  ihrer Homepage.

Große Ambitionen. Aber - gehen Fankultur & Kulturfans zusammen?

Ins Stadttheater?

 

Ein Pavillon der Wünsche

Auch das Hildesheimer Stadttheater hat sich beworben und wurde im April 2006 mit dem Konzept "Wunschpavillon" in die Förderung des HEIMSPIEL-Fonds aufgenommen.

Auf der Wiese vorm Großen Haus steht er, mit einem Blutspendepunkt wird er  (manchmal) verwechselt: der äußerlich unscheinbare Kontainer, um dessen weiße Wände sich Bänder aus roten Leuchtquadraten ziehen. Trotz drei bodenhoher Fenster wird hier draußen nicht recht transparent, was drinnen passiert.

Beim Betreten des Pavillons werden die meisten Besucher überrascht: statt Baustellenflair Gemütlichkeit. Die 45qm-Fläche erscheint klein, aber fein. Ausgestattet mit einer Miniküche, Grundelementen der Theatertechnik und multifunktionalen Kunststoffkuben lässt sich der Raum leicht den wechselnden Anforderungen unterschiedlicher Veranstaltungen anpassen.

 Seit September 2006 bietet der Wunschpavillon unter monatlich wechselnden Überthemen ein breites Veranstaltungsspektrum in acht festen Formaten. Litt im ersten Jahr die Übersichtlichkeit des Programms durch viele, einmalige Veranstaltungen, wechseln diese nun weniger schnell und ermöglichen so eine intensivere Auseinandersetzung mit dem aktuellen Thema, sowie eine dauernde Präsentation daraus resultierender Prozesse und Ergebnisse. 

Der Wunschpavillon als "... Theaterlounge, Treffpunkt, Diskussionsort, Bühne und Wunsch-Labor ...", so das Stadttheater Hildesheim auf seiner Homepage, will zwischen Theater, Hildesheimern und ihrer Stadt vermittelt. Hier mischen sich inhaltliche Arbeit (theaterpädagogische Spielplanaufbereitung im Format "Klassenzimmer") und Unterhaltung (Kochshows) mit Service- (Adventskalenderbasteln, Kinderbetreuung) und Wellnessangeboten (Cocktailabende).

Dabei ist der Wunschpavillon nicht nur offen für eine Mitgestaltung des Programms durch Bürger und Bürgerinnen, ortsansässige Initiativen und Institutionen oder freie Gruppen, er ruft diese direkt dazu auf. Unter Bereitstellung von Raum und Ressourcen leistet er Hilfestellung bei der Umsetzung von Ideen und Wünschen, verhilft Initiativen kurzfristig auf die Sprünge und langfristig zum selbstständigen Bestehen. So geschehen mit dem an den Wunschpavillon herangetragenen Wunsch nach einem Tanzcafé für Seniorinnen. Mittlerweile eine vom Theater unabhängige Initiative mit eigener Projektleitung und der Hoffnung, sich langfristig etablieren zu können.

Zur (nachhaltigen) Vernetzungen will der Pavillon beitragen, Kontakte ermöglichen und ein offenes Ohr haben, für die Anliegen der Stadt und ihrer Bewohner. Aufgaben, derer sich Stadttheater sonst nicht unbedingt annehmen.

Seit Januar 2007 übernimmt der Raum zusätzlich die Funktion eines Theatercafés mit regulären Öffnungszeiten.

Wird der Wunschpavillon so die (Saison-)Ziele des Fonds erreichen können?

Den ersten Tabellenplatz im Herzen der Hildesheimer Bürger erspielen?

 

Von Schwammigkeit und Schwellen

"Identität ist Stärke – Stadt und Kreis sollen sich mit diesem Theater noch stärker identifiziern können", steht auf dem Konzeptpapier zum Wunschpavillon.

Mich im Theater wiederfinden, was mich beschäftigt dort verhandelt sehen, ehrliches Interesse an meiner Wirklichkeit spüren – das ist, was mich mit "meinem" Theater verbinden kann. Die vom Wunschpavillon ausgewählten Monatsthemen, wie "Kinder", "Schönheit", "Freiheit", "Wünsche" bieten durchaus viel Platz zum Wiedererkennen der eigenen Person, egal wer man ist.

Und genau diese Offenheit wird zur Schwammigkeit: die Themen bleiben für mich unverbindlich, oberflächlich. In ihnen wird kein konkreter Bezug zu mir und meiner Stadt herausgegestellt. Sie provozieren niemanden und nichts. Wo bleibt die Aktualität, die Brisanz, das, was sie zu Hildesheimer Themen werden lässt? So könnte der Wunschpavillon überall platziert sein, auch in Hamm oder Hof.

Natürlich – ganz losgelöst vom Ort wird er nicht stehen gelassen. Durch Kooperationen und Kontakte mit hiesigen Institutionen und Menschen streckt der  Theaterkontainer seine Fühler aus und versucht Wurzeln zu schlagen in der breiten Bevölkerung. Jedoch bleiben die Begegnungen mit "Außen" hauptsächlich auf den Raum des Pavillon beschränkt. Wenig wird davon sichtbar, für den, der nicht involviert ist. Blutspendekontainer eben. Zur Halbzeit des Projektes Wunschpavillon ist vielen immer noch nicht klar, dass es ihn gibt und wozu. Und was hat das Stadttheater mehr damit zu tun, als dass es Organisator des Ganzen ist?

"Der Wunschpavillon als Schleuse zum Theater ..." – überträgt sich die Zugänglichkeit und Offenheit des ausgelagerten Pavillon so ohne weiteres auf das hochschwellige Stadttheater?

Wenn der Wunschpavillon im Juli 2007 vom LKW dereinst abtransportiert werden soll, bleibt dann etwas Heimspielstimmung irgendwo in Hildesheim, seinem Theater und seinen Bewohnern hängen?