Jammervolle Veranstaltung

Der erste Deutsche Theaterpreis

> Zur Verleihung des ersten Deutschen Theaterpreises "Faust"

Das Beste am Deutschen Theaterpreis ist, dass es ihn endlich gibt. Nach manchen gescheiterten Anläufen in den vergangenen Jahren haben sich nun der Deutsche Bühnenverein, die Kulturstiftung der Länder und die Akademie der darstellenden Künste auf ein Konzept geeinigt. Die Form – oder genauer: »das Format« – der ersten Preisverleihung im Essener Opernhaus war allerdings die Selbstabdankung des Theaters zugunsten des Fernsehens. Acht Einzelpreise wurden in unterschiedlichen Kategorien jeweils von einem prominenten Paten nach dem verheerenden Beispiel von Filmpreis-Galas präsentiert und vergeben: Sie gingen an Jürgen Gosch für die beste Regie, Katharina Schüttler (beste Darstellerin), Jossi Wieler (bester Opernregisseur), Evelyn Herlitzius (beste Sängerin), Meg Stuart (beste Produktion), Marijn Rademaker (bester Tänzer), Klaus Schumacher (Kindertheater) und Katrin Back (Ausstattung). Es war ein Rundblick in die deutsche Kulturlandschaft.

Allerdings waren die Grenzen des Versuchs, ein ganzes Jahr deutschen Bühnengeschehens mit vielen hundert Produktionen in acht Preise zu fassen, mit Händen zu greifen. Die nominierten Künstler und Inszenierungen wurden »TV-gerecht« in jeweils 60 bis 90 Sekunden zur Unkenntlichkeit entstellt, ob Hedda Gabler oder Macbeth, ob Tristan und Isolde oder Schwanensee: Es war ein Jammer.

Einmal mehr war zu sehen, was passiert, wenn der Trend zur großen Kulturinszenierung zum Selbstzweck wird und das gesellschaftlich-mediale Ereignis den künstlerischen Anspruch überlagert und schließlich verdrängt. Man muss Kultur und »Events« nicht prinzipiell für unvereinbar halten. Nichts spricht gegen Ereignisse, schon gar nicht im Bereich von Kunst und Kultur – wenn das Wesentliche erkennbar bleibt. Aber dies muss auch die Kunst bedenken, wenn sie sich inszenatorisch dem Fernsehen ausliefert.

Wieso muss eigentlich der Faust mit dem Oscar konkurrieren? Und wird die Vergabe eines Deutschen Theaterpreises wirklich erst durch eine Fernsehübertragung geadelt – übrigens im ZDF-Theaterkanal, also doch unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit? Warum unterwirft sich Theater einem Format dermaßen – mit Show-Treppe, Bühnennebel, kreisenden Scheinwerfern und Aufwärm-Applaus-Animation –, dass am Ende nicht Theater im Fernsehen, sondern auf Fernsehformat geschrumpftes Theater entsteht? Das grandios gescheiterte Konzept zu kritisieren ist freilich einfacher, als eine überzeugende Alternative vorzuschlagen. Vielleicht wäre die Vergabe eines großen Theaterpreises, der einmal jährlich für herausragende Leistungen darstellender Kunst in einer der vereinbarten Kategorien vergeben und mit einer exemplarischen Aufführung verbunden würde, die bescheidenere und zugleich großzügigere Lösung.

George Tabori, der große alte Mann des deutschen Theaters, der den Faust für die Würdigung seines Lebenswerkes nicht persönlich entgegennehmen konnte, hat nichts verpasst, was er nicht auch am Fernsehgerät bequemer hätte verfolgen können. Was im ganz kleinen TV-Format nicht zu sehen war, hat an diesem Abend auch nicht stattgefunden: großes Theater. Norbert Lammert

Norbert Lammert, CDU, ist Präsident des Deutschen Bundestages

©  DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49