Sonderzuwendungen

Die Bremer Politik hat das Theater zahlungsunfähig gemacht

> Über den Finanzskandal am Bremer Theater.

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU schrieb in ihrer Ausgabe vom 08.11.05:

Es könnte eine jener Bürgerschafts-Debatten werden, die man nicht so schnell vergisst. In Bremens Parlament geht es heute um die bange Frage, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit das Bremer Theater in zwei Jahren, wenn die dann vierzehnjährige Intendanz Pierwoß endet, weiter so erfolgreich bleibt wie zuletzt. Erfolgreich? Für Kultursenator Jörg Kastendiek, wie auch für manch anderen Bremer Politiker, mag der Begriff angesichts der aktuellen Geldsorgen des Hauses nicht so recht passen. Auch hat sich der Senator offenbar noch nicht damit abgefunden, dass es noch zwei Jahre dauern könnte, ehe er Klaus Pierwoß endlich los würde. Seit Wochen tut der CDU-Politiker alles in seiner Macht stehende, um den unbequemen, streitlustigen Intendanten und sein Theater zu diskreditieren.

Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Kaum war von einem vermeintlichen Etatloch am Goetheplatz die Rede, war Kastendiek zur Stelle und forderte lauthals einen "großen Eigenbetrag", den das Theater zu leisten habe, um die Probleme zu lösen. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt die Finanzen des Theaters überprüft, doch für Kastendiek stand bereits fest, dass die Verantwortung für das Debakel im Theater lag. Lutz-Uwe Dünnwald, kaufmännischer Direktor des Theaters, wurde beurlaubt, ohne dass man einen Grund nannte. Zwischenzeitlich sah es so aus, als müssten die Mitarbeiter des Theaters auf ihre Oktober-Gehälter verzichten, um die Insolvenz des Hauses abzuwenden. Erst nach langem hin und her und unter massivem öffentlichen Druck bewilligte die Stadt ihrem Theater einen Kredit in Höhe von 1,9 Millionen Euro.

Allerdings nur unter einer Bedingung: Bis zum 20. November müssen die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in Absprache mit dem Betriebsrat des Theaters einen Vorschlag zur Lösung der Geldnöte vorlegen. Andernfalls wird die Stadt neuerlich mit der Insolvenz des Theaters drohen, beziehungsweise stehen die November-Gehälter auf dem Spiel.

Der ultimative Umgang des Bremer Senats mit dem städtischen Theater ist umso befremdlicher, als es mittlerweile einen Bericht unabhängiger Wirtschaftsprüfer zur Kassenlage gibt. Zwar zitiert Kultursenator Jörg Kastendiek in einer Senatsvorlage vom 1. November durchaus fröhlich aus dem Bericht und erweckt den Eindruck, dass die Geschäftsführer Pierwoß und Dünnwald über Jahre eine skandalöse Misswirtschaft am Theater betrieben hätten.

Wo die eigentlichen Probleme des Bremer Theaters liegen

Liest man dagegen im Bericht, was die Wirtschaftsprüfer geschrieben haben, entsteht ein grundlegend anderes Bild: Zwar hat Klaus Pierwoß aufgrund eines Rechenfehlers in der vorigen Spielzeit den künstlerischen Etat um 580 000 Euro überzogen und überdies die Besucherzahlen ein wenig zu optimistisch eingeschätzt. Beides sind jedoch gemessen am Gesamtetat des Theaters von rund 30 Millionen Euro jährlich Lappalien, die sich unter normalen Umständen zudem leicht korrigieren ließen: durch entsprechende Minderausgaben in der laufenden und in den kommenden Spielzeiten.

Doch leider kann von "normalen Umständen" nicht die Rede sein. Womit die eigentlichen Probleme des Bremer Theaters benannt sind, die in den politischen und haushälterischen Rahmenbedingungen liegen. Es beginnt damit, dass das Bremer Theater, welches allein der Stadtgemeinde Bremen gehört, gerade einmal über ein Eigenkapital von 184 000 Euro verfügt. Das ist noch nicht einmal ein Zehntel dessen, was Betriebswirte für vergleichbare Einrichtungen empfehlen. Folglich muss das Theater bereits seit Jahren Investitionen in das Anlagevermögen durch die Zuflüsse aus dem Spielbetrieb finanzieren, was, wie die Wirtschaftsprüfer vorsichtig schreiben, den "wirtschaftlichen Handlungsrahmen" - also jenen der Theaterleitung - "eingrenzt". Die Wirtschaftsprüfer bezeichnen die geringe Eigenkapitaldecke denn auch als "Basisproblem" des Bremer Theaters.

Nicht so schwerwiegend, dafür aber unseriös erscheint ein anderer Posten auf der Defizitsliste des Bremer Theaters. So berichten die Wirtschaftsprüfer von Sonderzuwendungen, mit denen der Senat schon in den Jahren 1994 bis 1997 Liquiditätsengpässen des Theaters begegnete - von Sonderzuwendungen, die allerdings "nicht kassenwirksam" waren. Soll heißen: es ist überhaupt gar kein Geld geflossen, sondern lediglich in die Bilanz eingetragen worden, dass dem Theater Geld von der Stadt zustehe - was die Stadt aber gleichwohl nie zahlen werde. Weder Pierwoß noch Dünnwald können sich heute erklären, wie eine derartige Praxis jemals genehmigt und mehrere Wirtschaftsprüfungen überleben konnte. Insgesamt handelt es sich hierbei um rund 700 000 Euro - um 700 000 Euro, die Dünnwald letztlich wieder ausgebucht hat: Was hat Geld, das es nicht gibt, in einer Bilanz zu suchen?

Es gibt offenbar noch eine Reihe anderer schwer durchschaubarer Gründe dafür, dass das Bremer Theater nicht liquide ist. Sie aufzuspüren, scheint jedoch eine echte buchhalterische Herausforderung zu sein. Nicht umsonst betonen die Wirtschaftsprüfer ausdrücklich die Vorläufigkeit ihres Berichts. Gleichwohl steht fest, dass die Stadt Bremen ihr Theater über viele Jahre mit viel zu wenig Geld ausgestattet hat. Und das, wo sie immer noch den Anspruch erhebt, ein Mehrspartentheater mit "überregionalem Anspruch" zu unterhalten, das "über Bremens Grenzen hinweg Aufmerksamkeit" auf sich ziehen möge - wie ausgerechnet Kultursenator Jörg Kastendiek in seiner Senatsvorlage schreibt.

Man fühlt sich unwillkürlich an jene Worte erinnert, die Klaus Pierwoß sagte, nachdem er sich vor zwölf Jahren im Bremer Rathaus vorgestellt hatte: "Der Anspruch geht in Richtung Bundesliga, die Finanzausstattung entspricht der zweiten." Immerhin dachte man damals noch in professionellen Dimensionen.

ALEXANDER SCHNACKENBURG