"Die Erpressung hat funktioniert"

Das Theater Bremen als Beispiel:  Wie der Ungeist in die Kulturpolitik einzieht

> Über den Finanzskandal am Bremer Theater.

Die ZEIT schrieb in ihrer Ausgabe vom 03.11.05:

In Bremen wird der Kultur so viel Respekt entgegengebracht, dass man sie im Briefkopf des Kultursenators für sich allein, quasi in Quarantäne, stehen lässt. Der Kultursenator in Bremen heißt offiziell »Senator für Wirtschaft und Häfen; Senator für Kultur«. Der letzte Kultursenator war Peter Gloystein, ein vormaliger Bankier aus Frankfurt, der im Mai 2005 bei der Eröffnung des Bremer Weinfestes in so ausgelassene Stimmung geriet, dass er einem Obdachlosen den Teilinhalt einer Magnumflasche Rieslingsekt lächelnd über den Kopf goss. Er fand dazu die Worte: »Hier hast du auch etwas zu trinken.«

Herr Gloystein trat zurück, weil Bild Fotos vom Vorgang brachte. Da sah man den Senator, wie er sich, im Bewusstsein, einen allseits goutierten Spitzenwitz zum Thema Gütiger Herr und tumber Knecht zu machen, über den Obdachlosen beugte.

Der Bremer Oberbürgermeister Henning Scherf war von den Fotos entsetzt. »Dieses Bild bedient genau die Erwartungshaltung vieler Menschen, wie Politiker mit ihnen umgehen«, sagte Scherf. »So etwas brennt sich tief in die Vorurteilslage ein.«

Inzwischen hat Witzkultursenator Gloystein einen Nachfolger, Jörg Kastendiek, der das seine dazutut, sich in die Vorurteilslage einzubrennen. Und aus dem Vorurteil ist ein begründetes Urteil geworden. Kultursenator Kastendiek, von Haus aus Betonstahlbauer, Diplomingenieur und Kalkulator, hat in einer bislang beispiellosen Aktion die fahrlässig chronische Unterfinanzierung des Theaters Bremen auf dessen Mitarbeiter abgewälzt. Er weigerte sich, den 430 Mitarbeitern die Oktobergehälter auszuzahlen. Die Gefahr der Insolvenz könne er nicht ausschließen.

Kastendiek sitzt zwar im Aufsichtsrat des Theaters, zeigte sich aber kürzlich sehr überrascht über dessen finanzielle Lage und verlangte von den Theaterleuten einen »erheblichen Eigenbetrag«, um das Finanzloch von 4,7 Millionen Euro zu stopfen. Schon zuvor hatte der Finanzsenator Bremens, Ulrich Nussbaum, früher Geschäftsführer bedeutender Fischverarbeitungsfabriken, dem Bremer Intendanten Klaus Pierwoß angedeutet, man könne das Theater Bremen durchaus in die Insolvenz gehen lassen. Er sprach vom möglichen Lohnverzicht der Theaterleute und davon, dass Geschäftsführer vorangehen sollten – und er fragte, was denn Pierwoß für ein Auto fahre. Klaus Pierwoß spricht, obwohl müde und krank, mit Wut von der »ungeheuren Koketterie« des Finanzsenators. Senator Nussbaum, sagt Pierwoß, fahre übrigens einen Maserati.

Mittlerweile hat das Bremer Theater den geforderten Eigenbetrag erbracht. Man will auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten. Im Gegenzug hat der Senat 1,9 Millionen Euro freigesetzt, um den Liquiditätsengpass zu beseitigen. Nun beginnen Verhandlungen über Nottarife; Etatkürzungen stehen im Raum. So wird man wohl die Zeit überbrücken, bis Klaus Pierwoß 2007 in den Ruhestand geht und Bremen den Rücken kehrt, weil er, wie er sagt, manche Physiognomien nicht mehr sehen könne.

Die Oktober-Gehälter werden nun also ausbezahlt. Viele im Haus sind aber dennoch empört und seltsam beschämt: Sie fühlen sich als Haftungskomparsen, als zufällige Verhandlungsmasse in einem fiesen Spiel. Der Schauspieler Siegfried Maschek schreibt: »Die Erpressung hat funktioniert! Der Präzedenzfall ist geschaffen! Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses zahlen für Versäumnisse, die sie nicht zu verantworten haben! Eine Stadt darf sich zukünftig den Luxus leisten, zu drohen, ihre größte Kultur-Einrichtung vor die Wand fahren zu lassen, offenen Auges und ohne Notwendigkeit!«

Im Bremer Theater sprechen wir mit jungen Schauspielern, die soeben von den Schauspielschulen kommen. Sie haben sich für Bremen entschieden, die Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung und der höchsten Arbeitslosenquote aller alten Bundesländer, weil sie einen Ruf als Theaterstadt hat: Hier prägte man den Bremer Stil. Kurt Hübner, Stein, Ganz, Lampe, Zadek – sie alle waren hier; und Kresnik erfand hier sein politisches Tanztheater.

Nun sind die Neuankömmlinge fassungslos. Nur ein einziges Gehalt bekamen sie, das erste ihres Lebens, 1550 Euro brutto, dann waren sie pleite. Im Theater organisierte man Patenschaften, die Bessergestellten zahlen für die Jungen und die Familienväter. Die Bremer Spieler sind wütend, weil sie spüren, dass durch ihr Haus der neue Geist ins deutsche Theater dringt. Was erleben sie? Kein Ende, aber vielleicht den Anfang vom Ende. Die endgültige Dominanz der Ökonomie über die Kunst. Man ist zum Objekt von Finanzpolitikern geworden, die sich für höhere Aufgaben empfehlen und deren spielerische Fantasie sich im Abwickeln und Aussieben entfaltet: Es sind Negativgestalter, die nun, da sich die Stadt mit zwei implodierten Riesenprojekten, dem Musical Theater und dem Spacepark (allein hier vernichtete Bremen 180 Millionen Euro), ruiniert und lächerlich gemacht hat, im Kleinen ruinös agieren.

Noch im März hatte Bremen sich Hoffnungen gemacht, Kulturhauptstadt Europas 2010 zu werden. Nun bleibt abzuwarten, ob die Stadt 2010 überhaupt noch Kultur hat. Denn 2007 geht Klaus Pierwoß. Und nach diesem schnaubenden, offensiven, listigen, das Geschäft auf zehrende Weise persönlich nehmenden Mann wird man keinen Theatermenschen mehr so mächtig werden lassen: Spartenchefs wird man zulassen, auf Projekte anstelle von Spielplänen, auf Stückverträge anstelle von Ensembles wird man setzen – vermutlich. Und in den Leitungsetagen wird man Leute installieren, die das Haus gefällig füllen.

Etwas Besseres als den Tod finden wir überall, sagt im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten der Esel zum Hahn (welcher den Briefkopf des Bremer Theaters ziert). Die vier Nutztiere waren von ihren Höfen geflohen, weil man sie dort nicht mehr duldete. Sie zogen los, um Künstler zu werden – in Bremen. Schon die erste Station auf dem Weg gefiel ihnen so gut, dass sie Bremen nie erreichten. Wenn sich das Bremer Klima so weiter entwickelt, muss man sagen: Hahn, Katze, Hund und Esel haben recht getan. Hoffentlich ziehen die deutschen Kulturpolitiker aus dem Bremer Fall nicht die falsche Lehre, die da lautet: Man kann mit den Musikanten machen, was man will; sie haben ja keine Wahl. Aber wer das Märchen liest, weiß: Nur den Musikanten ist es gegeben, die Räuber zu verjagen.

PETER KÜMMEL