"Ein Skandal"

Dürfen Staatstheater in die Insolvenz geschickt werden?
Ein Gespräch mit Klaus Zehelein, dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins

> Über den Finanzskandal am Bremer Theater.

Die ZEIT schrieb in ihrer Ausgabe vom 27.10.05:

In Bremen gibt es seit Jahren harte Auseinandersetzungen um die Finanzierung des Theaters. Die Hansestadt ist hoch verschuldet, und ihre Staatsbühne schiebt Verbindlichkeiten in Höhe von 4,7 Millionen Euro vor sich her. Im Streit ums Geld hat der Bremer Kultursenator Jörg Kastendiek (CDU) jetzt eine für den Umgang mit Kulturinstitutionen bisher beispiellose Strategie entwickelt: Er hat dem Dreispartenhaus, das als GmbH organisiert ist, mit dem Insolvenzverfahren gedroht.

DIE ZEIT: Herr Zehelein, wie kann es passsieren, dass einem Theater die Insolvenz droht?

Klaus Zehelein: Insolvenz bedeutet auch bei einem Theaterbetrieb Zahlungsunfähigkeit. Eine solche Zahlungsunfähigkeit kann jedoch nur bei einer GmbH, nicht bei einem städtischen oder staatlichen Regiebetrieb eintreten.

ZEIT: Was geschieht bei Insolvenz?

Zehelein: Dann kommt der Insolvenzverwalter. Theoretisch kann die Insolvenz zum Totalverlust des Theaters und der Entlassung aller Mitarbeiter führen.

ZEIT: Droht das in Bremen?

Zehelein: Das Szenario lautet wohl eher so: Der Betrieb wird geschlossen, ist alle Verpflichtungen los und kann unter anderen Bedingungen wieder neu gegründet werden. Ein solcher Umgang mit Kunst überschreitet allerdings momentan meine Vorstellungskraft.

ZEIT: Es wäre das Gleiche, was wir in der Industrie erleben. Die Drohung lautet: Produziert billiger – oder es gibt euch bald nicht mehr.

Zehelein: Es ist die gleiche Methode. Und man muss momentan davon ausgehen, dass der Bremer Senat es tatsächlich auf dieses Insolvenzverfahren ankommen lassen will. Unter einer solchen Drohung, unter diesem Damoklesschwert, beginnen nun in dieser Woche Haustarifverhandlungen des Bühnenvereins über die Kürzung der Mitarbeitergehälter. Diesen Vorgang finde ich unglaublich.

ZEIT: Aber es gibt doch einen entscheidenden Unterschied zwischen einer Bühne und einem Wirtschaftsunternehmen: Theater produzieren keine Handys, sondern Kunst. Woran soll man denn die Rentabilität von Opern-, Ballett- und Schauspielaufführungen messen?

Zehelein: Es geht doch gar nicht um Kunst. Das ist doch das Schlimme. Es ist ein Signal der absoluten Durchökonomisierung der Theater und Orchester. Das Menetekel ist an die Wand gemalt worden, zum Beispiel in Zeitungsartikeln: Warum wehren sich die Kulturinstitutionen eigentlich gegen den Begriff der Ökonomie? Als ich das gelesen habe, hätte ich nie gedacht, dass Politiker auch tatsächlich so weit gehen würden. Man kann Theater nicht nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung bewerten. Über den Nutzen der Kunst kann man nachdenken, aber man kann ihn nicht berechnen! Und man darf eines nie vergessen: Mit Einsparungen in den Kulturetats können die Kommunen ihre Haushalte nicht sanieren. Die liegen im Durchschnitt bei knapp drei Prozent der Gesamtetats.

ZEIT: Immerhin steht das Bremer Theater tief in den roten Zahlen. Woher kommen 4,7 Millionen Euro Schulden, wer hat sie zu verantworten?

Zehelein: Ganz grob: Es gibt einen mitgeschleppten Verlustvortrag aus den vergangenen Jahren in Höhe von 1,65 Millionen Euro, dann eine Ausgabenüberschreitung und Mindereinnahmen in Höhe von 760000 Euro, für die der Intendant Klaus Pierwoß die Verantwortung übernommen hat. Die will er in dieser und der nächsten Spielzeit durch verschiedene Maßnahmen und Mehreinnahmen wieder einspielen. Ich denke, dass das gelingen kann. Die Stadt hat gegen den Willen von Pierwoß einen Verwaltungdirektor eingestellt, dem sie dann wieder fristlos gekündigt hat. Da sind wohl Dinge schief gelaufen, etwa ein Liquiditätsverlust durch Investitionen, durch die Sanierung des Theaters am Goetheplatz in Höhe von 820000 Euro. Aber es gibt auch einen Liquiditätsverlust durch Haushaltssperren in Höhe von 1,5 Millionen Euro – Geld, das von der Stadt in Aussicht gestellt, aber nicht gezahlt wurde.

ZEIT: Sie würden also sagen: In Bremen ist nicht mit dem Geld geaast worden?

Zehelein: Am Bremer Theater mussten in zwölf Jahren sieben Millionen Euro gespart werden. Da ist nicht geaast worden. Das Theater ist und war in der Vergangenheit schlicht und ergreifend unterfinanziert.

ZEIT: Merkwürdig ist, dass die Kulturpolitiker, die jetzt mit der Insolvenz drohen, gleichzeitig im Aufsichtsrat des Theaters sitzen. Sie waren also über die Schulden informiert und setzen sie nun plötzlich als Machtmittel ein?

Zehelein: So sehe ich es auch.

ZEIT: Welche Signalwirkung haben die Bremer Vorgänge für die Theaterlandschaft insgesamt?

Zehelein: Sagen wir mal so: Für all diejenigen, denen Theater sowieso zu teuer ist, ist es ein Signal nach der Devise: Jetzt zeigen wir diesen subversiven Kunstträumern mal, wo die Keule der Realität sitzt.

ZEIT: Die GmbH ist in den letzten Jahren als eine besonders zukunftsträchtige Organisationsform für Theater empfohlen worden, weil sie mehr Eigenverantwortlichkeit ermöglicht. Gibt es viele Theater, die als GmbHs strukturiert sind?

Zehelein: In Hamburg zum Beispiel sind die Staatsoper, das Thalia-Theater und das Deutsche Schauspielhaus GmbHs. Eigentlich ist das eine hervorragende Betriebsform, weil man viel eigenständiger wirtschaften kann. Man ist freier bei Personalentscheidungen, bei der Verwendung von Einnahmeüberschüssen und so weiter. Man kann viel unbürokratischer und verantwortungsvoller handeln.

ZEIT: Ist die GmbH als Betriebsform nun diskreditiert, wenn in letzter Konsequenz immer eine Insolvenz droht?

Zehelein: Es steht zu befürchten, dass die Mitarbeiter in Zukunft Umwandlungen von städtischen oder staatlichen Betrieben in GmbHs nicht mehr zulassen werden. Ich erinnere mich noch gut an den Fall der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Dort hatte der Personalrat eine GmbH abgelehnt mit dem Hinweis auf die Insolvenzgefahr. Auch ich habe damals den Kopf geschüttelt und die Befürchtung für übertrieben gehalten. Ich hielt es für völlig ausgeschlossen, dass es so weit kommen könnte wie jetzt in Bremen – ein Skandal.

ZEIT: Die Mitarbeiter in Bremen haben im Oktober kein Gehalt mehr bekommen. Wie lange kann der Betrieb aufrechterhalten werden?

Zehelein: Das weiß ich nicht. Aber eine Stadt, die noch vor einem Jahr Europäische Kulturhauptstadt werden wollte, kann doch ihr Theater nicht einfach aufgeben.

Die Fragen stellte Claus Spahn