Theatermanifest

> Theatermanifest des Deutschen Bühnenvereins von 2003.

Heute vor zehn Jahren genau wurde in Berlin das Schiller Theater geschlossen. Dieses falsche Signal, das ausschließlich die Finanzierbarkeit des Theaters problematisiert und die Frage nach seinem Sinn in unserer Gesellschaft ausgeblendet hat, dieses Signal eröffnete ein Denken, das zunehmend die gesamte deutsche Theaterlandschaft in Frage stellt. Theaterschließungen und Theaterfusionen gehören mittlerweile zu einem Alltag, der aus dem status quo der Krise öffentlicher Finanzen Tatsachen schafft, die die Zukunft des Lebens in unserem Land bedrohen. Theater sind Räume eines kollektiven Gedächtnisses, Orte der aktiven Erinnerung, in ihnen wird das Vergangene Gegenwart in der Frage nach unserer Zukunft: Es sind die Geschichten von Hoffnungen und Träumen des Menschen, von seinen Niederlagen und Empörungen, von der Sehnsucht, sein Leben selbst gestalten zu wollen. Gäben wir diese Orte auf, indem wir sie ausschließlich einer kalten Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen, gäben wir hin, was menschenmöglich wäre. Überlassen wir Sprache, Bewegung, Musik, überlassen wir die Erzählungen von der Welt jenen, die ausschließlich das ökonomische Prinzip des Mehrwertes, die Einschaltquote im Kopf haben, so werden wir uns nicht wundern müssen, wenn menschliche Gestaltungsmöglichkeiten in diesem eisigen Interesse ertrinken.

Die Bundesrepublik Deutschland besitzt die bedeutendste Theaterlandschaft der Welt. Ihre Kreativität und Vielfalt ist ein nicht zu veräußerndes Gut und jedes geschlossene Theater, jedes wegrationalisierte Ensemble ist ein folgenschwerer Verlust und kommt einer Bestrafung wacher Sinne gleich.

Angesichts der angespannten Situation und der drohenden Gefahr für die Existenz der Theater fordern wir Gemeinden, Länder und den Bund auf, mit uns zusammen alles zu unternehmen, jene noch bestehenden Enklaven des Risikos der Phantasie, des kreativen Streites und der produktiven Auseinandersetzung, der sinnlichen Konkretion und des Glückes des Augenblickes zu erhalten. Der Begriff der Enklave ist tatsächlich angebracht, wenn deutlich wird, dass die Ausgaben für das Gesamte der Kultur der öffentlichen Hand nur 0,8 % der Haushaltsvolumen ausmachen. Kunst und Kultur müssen wieder stärker in den Mittelpunkt des politischen Handelns rücken. Das heißt:

Wir brauchen eine Bildungspolitik, die ästhetische Erziehung als unverzichtbar realisiert.

Wir brauchen eine Finanzpolitik, die Kunst und Kultur nicht dem Markt ausliefert und die Städte finanziell so ausstattet, dass sie eine Zukunft haben.

Wir brauchen eine Kulturpolitik, die wieder Perspektiven für die Gesellschaft entwickelt und nicht vorrangig den finanziellen Mangel verwaltet.

Die Theater müssen verstärkt den offensiven und konstruktiven Dialog mit der Öffentlichkeit über ihre Position innerhalb der Gesellschaft suchen.

Wir wollen ein Theater, das im Mittelpunkt des kulturellen Lebens einer Stadt steht.

Wir wollen ein Theater, das den Diskurs über die zentralen Fragen der Menschen aufnimmt und fördert.

Wir wollen das Ensemble- und Repertoiretheater, das eine intensive und kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Vielfalt der musikalischen und dramatischen Literatur ermöglicht.

Das Publikum entscheidet Abend für Abend selbst, welchen Stellenwert es dem Theater in der Gesellschaft beimisst.

Immer ist das, was ist, erneuerungsbedürftig, weil die einmal akzeptierten Grenzen erweitert werden müssen. Darin liegt die Zukunft des Theaters.

Berlin, den 3. Oktober 2003