„Nicht wir, sondern die Entwicklung der Gesellschaft bestimmt die Form des Theaters“

 

Ein Gespräch mit Jürgen Eick, Geschäftsführer und 

künstlerische Leitung des E-Werks in Freiburg

 

Stadttheater und Freies Theater – Fusion vs. Klare Grenzen

 

Redaktion: In unserem Gespräch soll es um das Stadttheater der Zukunft gehen. Warum bist du genau der Richtige, um über dieses Thema zu sprechen?

 

Jürgen Eick: Zunächst ist die Frage der Stadttheater der Zukunft eine ganz große Modefrage. Jedes Seminar beginnt damit: Was wollt ihr im Stadttheater der Zukunft? Ich glaube, es geht um eine ganz andere Frage, nämlich: Wie werden wir in Zukunft Geschichten erzählen? Das Erzählen moderner Stoffe sollte nicht von Institutionen und deren Möglichkeiten abhängen, sondern umgekehrt: die Erzählweisen sollten abhängig sein von den Themen, die wir verhandeln. Was ist der nächste Schritt in der Art und Weise Kultur, Kunst, Theater und Tanz zu denken? Ich kenne sowohl die Arbeit der Stadttheater als auch die der freien Produktionshäuser.

 

Gerade bin ich in meiner Experimentierphase mit Freien Produktionshäusern und hoffe, eine Stadt zu finden, die versucht, beide Institutionen zusammenzuführen. Ich glaube, dass es nicht an mutigen Künstlern oder mutigen Dramaturgen mangelt, sondern an mutiger Kulturpolitik.

 

R: Welche positiven Effekte erhoffst du dir davon, wenn du davon sprichst, beide Systeme zusammenzuführen?

 

JE: Im Augenblick sind wir Teil einer Revolution was die Erzählweisen, die Zuschussstrukturen, die Geschichten und die technischen Möglichkeiten betrifft. Da sollten wir forschen und offen für freiere Produktionsstrukturen sein. Aufbauen kann man auf den holländischen Ideen der Theaterhäuser und Produktionshäuser in Belgien. Das Theater sollte versuchen, über feste freiere Strukturen mehr auf Städte und deren Vielfalt einzugehen und sich weniger als Kunsttempel sehen.

R: Kunsttempel ist ein gutes Stichwort, weil das E-Werk auch als soziokulturelles Zentrum bezeichnet wird. Was würde passieren, würde man diese Vokabel auf Stadttheaterbetriebe anwenden?

 

JE: Es verändert sich im Augenblick richtig viel und die Frage ist, ob Stadttheater die alleinige Antwort darauf sind. Stadtgesellschaften verändern sich. Erzählstrukturen verändern sich. Geschichten verändern sich. Zuschauer verändern sich. Argumentationsstrukturen reduzieren sich. Stadtgesellschaften sind an anderen Fragen interessiert, haben andere Probleme als wirklich nur eine Antwort auf künstlerischem Niveau zu finden. Es müssen öffentliche Räume für wirkliche politische Diskurse stattfinden. Lange Zeit war es so, dass die Stadttheater mehr oder weniger in den Funden der Freien gefischt haben. Die Freien mussten immer besser sein, schneller sein, neue Ideen haben. Man hat die Räume der Freien besetzt, seien es Fabrikhallen, Stadtspiele oder verstecktes Theater. Aber letztendlich muss ein Stadttheater es mit den Mitteln der Kunst beantworten, worum es im Leben geht. Für mich ergibt sich momentan ein sehr diffuses Bild, in dem die Grenzen verschwimmen. Wir stehen vor der Frage, wie Stadttheater, Soziokulturelle Zentren und Produktionshäuser sich voneinander wieder weg bewegen können, was unbedingt sein muss.

 

R: Glaubst du, dass die Strukturen der Stadttheater als Repertoire- und Ensemblebetrieb geeignet sind, um mit der Stadtgesellschaft in ihrer Vielfalt und Diversität in Auseinandersetzung zu treten? Oder sollten sich Stadttheater auf ihre Kernfunktion beschränken und daneben den Soziokulturellen Zentren durch eine bessere Subventionierung ein größerer Aktionsraum ermöglicht werden? Also ist die Parallele der beiden Strukturen die Perspektive oder kann das Stadttheater sich so weit öffnen, dass es diese Funktionen auch mit übernehmen kann?

 

JE: Ich glaube, dass das Stadttheater erst einmal ein Problem hat und dass es sich weiterentwickeln muss in der Art und Weise, wie es Stücke denkt. Nicht umsonst werden sehr große freie Truppen auch am Stadttheater engagiert. Ich glaube, dass die notwendigen Erzählstrukturen, die das Theater beantworten muss, im Augenblick nicht im Stadttheater zu finden sind. Das Stadttheater sollte sich darauf konzentrieren, mit den Mitteln der Schauspielkunst Schauspieltheater zu veranstalten, während die Freien der Ort für Experimente und Produktionsideen sind. Die Berufe am Stadttheater ändern sich zwar, mittlerweile gibt es dort auch Produktionsleiter, aber die Öffnung gelingt nicht wirklich.

 

R: Am Anfang hast du von der Vision gesprochen, diese beiden Systeme, die getrennt voneinander funktionieren, zusammen zu führen. Jetzt argumentierst du aber mit ganz klaren Kompetenzzuweisungen der jeweiligen Seiten. Welches Potential siehst du letztendlich doch in der Zusammenführung von Freiem und Stadttheater?

 

JE: Andersrum: Wir bestimmen die Frage gar nicht, sondern die Entwicklung bestimmt unsere Form. Und das ist dann am Ende freie Produktionsweise oder Stadttheater. Am Ende werden wir von den ganzen neuen Erzählmöglichkeiten und Stoffen eingeholt und müssen die Frage beantworten, wie wir uns da am besten aufstellen. Die Frage ist nicht: Stadttheater oder kein Stadttheater. Letztendlich wird es eine Mischung geben. Ich glaube, dass es Theater mit kleinen Ensembles und einem Kernprogramm geben wird, die sich darüber hinaus auch in freien Produktionen betätigen. Das heißt, es wird eine Fusion geben. Hier stellt sich die Frage: wo findet das zusammen statt? Was wäre der nächste Schritt? Hierfür muss es ein klares Konzept geben. Das findet man zum Beispiel bei der Debatte um die Berliner Volksbühne, die auch Konzepte Soziokultureller Zentren aufgreift. Im E-Werk haben wir die gleiche Idee von Gegenwartskunst, die die Bildende Kunst, immersive Konzepte, Raumkonzepte, tänzerische Performance, Freies Theater und Festivals umschließt. Der Fusionsgedanke liegt natürlich auch in der Stadt- und Verwaltungsstruktur. Er liegt auch in guten Produktionsbedingungen für Freie Schauspieler, die durch die Häuser angebunden werden. Feste Freie Ensembles könnte man es nennen.

 

Eine Änderung der Strukturen erfordert mehr Risikobereitschaft

 

R: Zu Beginn hast du über Erzählstrukturen gesprochen. Welchen Einfluss hat die Soziokulturelle Ausrichtung des E-Werks auf die Erzählungen, aber auch auf die Produktionsbedingungen und die künstlerischen Ergebnisse?

 

JE: In Zukunft sind vor allem andere Künste gefragt. Wir werden Geschichten in anderen Räumen erzählen. Das Publikum wird selbst Erzählräume entdecken. Es wird nicht mehr darum gehen, linear eine Geschichte zu erzählen, auch wenn es das natürlich immer geben wird. Menschen brauchen Geschichten. Aber die Art und Weise, wie sie erzählt werden, ändert sich und damit auch die Berufe. Es wäre wichtig, an einem Stadttheater mal Bildende Künstler, Immersionskünstler oder Autoren aus dem digitalen Bereich anzustellen. Man sollte Risiken eingehen und nicht ständig über Geldstrukturen nachdenken. Die Mittel der Erzählungen wie Ton, Licht und Technik werden sich in Zukunft verändern. Jetzt stehen wir natürlich vor dem Problem: wie bekommen wir Texte und Vorlagen? Da befinden wir uns im Bereich der Künstlerischen Forschung. Wir erforschen die Themen, die uns wichtig werden. Ich glaube, dass das die Arbeitsweisen und Berufe am Theater verändern wird, auch im Bereich der Verwaltungsstrukturen. Mit der modernen Technik, Kulturbetriebe flach zu verwalten, ist ein Management am Theater auch mit der Hälfte der Belegschaft möglich.

 

R: Was braucht das E-Werk, um diese Vision weiter zu verfolgen? Was wünscht du dir hier von der Kulturpolitik?

 

JE: Das E-Werk braucht selbstverständlich Produktionsmittel, um davon beispielsweise Regisseure und Ausstatter zu bezahlen, aber auch um in den Festivalbereich zu gehen. Wir machen sehr faszinierende Versuche hier in Freiburg. Das ist einmalig. Das Stadttheater Freiburg, das E-Werk und das Kinder- und Jugendtheater in Marienbad tun sich zusammen und machen ein großes modernes Kunstfestival, das Festival Freiburg. Jede Institution bringt ihre eigene Erzählweise und die eigenen Stärken mit. Kultur muss immer ein gemeinsames Anliegen einer Stadt sein und kein Gegeneinander. Und genau diese Vernetzung ist meiner Meinung nach einer der wesentlichen nächsten Schritte, die stattfinden müssen.

 

R: Wenn man die Frage explizit auf einen Wandel von Stadttheater bezieht, welche kulturpolitischen Entwicklungen müssen dort aus deiner Sicht stattfinden?

 

JE: Städte müssen im Umgang mit Kultur risikofreudiger werden. Es braucht mehr Mut. Die Kulturpolitik muss mehr riskieren und beispielsweise Teams an ein Stadttheater setzen, wie es in Zürich geschieht. Dieser Mut ist da, er muss nur wachsen. Wir haben genug Menschen, wir haben genug Leute aus Studiengängen, wir haben tolle Dramaturgentheater, wir haben gute Künstler, daran mangelt es uns nicht. Es mangelt uns an der Risikofreudigkeit der Politik und das muss ich konstatieren. Das ist verbesserungswürdig. Warum soll nicht mal ein Studiengang ein Theater übernehmen? Das wäre eine großartige Idee. Man sollte in der Praxis mehr ausprobieren und nicht immer nur theoretisch nachdenken. Es gibt viele spannende Konzepte, mit welchen sich Theater auch selbst hinterfragen können. Das machen wir zum Beispiel im E-Werk. Nächstes Jahr geben wir geflüchteten Künstlern für zwei Wochen unser Haus, unsere Logistik und natürlich Geld. Wir reden da nicht rein, sondern schauen, was rauskommt. Solche institutionellen Experimente sind wichtig. Es ist wichtig, Strukturen in diesen Häusern, in denen kreative Menschen sitzen, immer wieder aufzubrechen und Neues zu wagen.

 

R: Möchtest du zum Abschluss noch etwas sagen?

 

 

JE: Grundsätzlich ist es notwendig, dass sich das Stadttheater in seinen Strukturen verändert. Und ich glaube, dass ein bisschen mehr Etat in die Richtung der Freien Theaterhäuser fließen muss, weil die Innovation im Augenblick dort stattfindet. Manchmal sind die Stadttheater wirklich eine Kopie von Ideen an Freien Produktionshäusern. Da würde ich mir wünschen, dass die Freien selbstbewusster sind und dass sie auch besser ausgestattet werden.