Alles Theater

12 Thesen zur Reform des deutschen Theaterwesens

1. „Die Theaterlandschaft in Deutschland, um die uns viele beneiden, hat ihre historische Prägung im 18. und 19. Jahrhundert erfahren.“ (August Everding) Wäre Deutschland früher zum Nationalstaat erstarkt, hätten wir heute nicht 143 Stadt- und Staatstheater, geschweige denn 73 Orchester. Die deutsche Institution Theater ist ausweislich ihrer Entwicklungsgeschichte eine vor-demokratische Erfindung. Dies spiegelt sich bis heute auch in ihrer inneren Struktur wider. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit hat sich nicht nur die Art und Weise verändert in der künstlerischen Schaffen verläuft, sondern auch die in der der Mensch seine Realität wahrnimmt. „Sie fand nicht mehr im Rahmen von säkularen Messen und Gebeten statt, deren Kirchen, wie noch in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die Museen, Galerien, Konzertsäle und Theater waren.“ (Erik Hobsbawm) Die „alte Tante Theater“ befindet sich in einem ungeklärten Zustand der Ungleichzeitigkeit.

2. Mit dem Wechsel in das neue Jahrtausend, dem Ende des kalten Krieges, dem Entstehen einer neuen Weltordnung, haben die politischen Eliten, unabhängig von ihrer jeweiligen Parteizugehörigkeit, an einem neuen Staatsbild gearbeitet. Wir nehmen Abschied vom alten Wohlfahrtsstaat, mithin von den Modellen eines Kultur- und Sozialstaates, wie er selbst vom „fordistischen Kapitalismus“ noch verstanden wurde. Das Theater als „Bildungs- und moralische Anstalt“ ist nicht mehr breit akzeptiert. Es funktioniert in den politischen Systemen als Subventionsnehmer, als Dienstleistungsbetrieb. Sein Management hat für reibungslose Betriebsabläufe im Produktionsprozess „Kunst“ zu sorgen. Gleichgültig wie Intendanten, Dirigenten, Spielleiter, Spieler, Sänger und Musiker ihr eigenes „Tun“ begreifen, sie sind in einem hohen Maße abhängig von den politischen Entscheidungsträgern und ihren eigenen Verkaufszahlen, wie sie es vorher noch niemals waren.


3. Da die Theater und Orchester in Deutschland, als gesellschaftliches Subsystem auch noch nie so teuer waren, wie sie in den letzten 20 Jahren teuer geworden sind, da das kulturelle Niveau der politischen Entscheidungsträger, gemessen am humanistischen Bildungsideal beständig sinkt, standen die Theater noch nie so stark zu Disposition wie heute. 6.000 Künstlerstellen wurden in den letzten Jahren eingespart, wenigstens 15 Theatern und Orchestern in Deutschland droht die Schließung innerhalb der nächsten fünf Jahre. Die Verteilungskämpfe auf der Ebene der Bundesländer und letztlich ja auch auf der Ebene der Bundeshauptstadt werden anarchische Züge annehmen, wenn sich die Theaterleiter und Künstler auf Lösungsmodelle der Politik verlassen werden.


4. Sponsoring- oder Stiftungsmodelle in Deutschland erweisen sich als fehlgeleitete Hoffnungen, sie sind zu Irrwegen geworden. Unter den Verteilungskämpfen werden zunächst die kleineren Theater oder die schwächeren Sparten wie Tanz, Puppen- und Kindertheater zu leiden haben. Der Verlust von Theater vor allem in der Provinz, wird noch nachhaltiger sein, als das Sterben der kleinen Provinzkinos oder Bibliotheken, die als Orte Gemeinsinn stiften konnten.


5. Die inneren Verteilungskämpfe in den Theaterhäusern haben unwidersprochen dazu geführt, daß das Lohn- und Arbeitszeitgefälle im Theateralltag ein unerträglich hohes Maß an Ungerechtigkeit angenommen hat. Dieses Gefälle innerhalb der gleichen Institution, existiert in keinem anderen deutschen gesellschaftlichen Gebilde in dieser extremen Weise. Es ist es gleichsam ein soziales Wunder, daß in den Theatern noch ein innerer sozialer Friede existiert und solidarisch am Gesamtkunstwerk Oper, Schauspiel oder Tanz weitergearbeitet werden kann. Während im gleichen Haus wöchentlich die Orchestermusiker zu maximal 28 Stunden Arbeit verpflichtet, die technischen Gewerke und die Verwaltung eine 38, 5 Stunden Woche haben, gilt für Dramaturgen und Opernsolisten, Schauspieler, Assistenten und Inspizienten lediglich die bundesdeutsche Arbeitszeitordung, mithin eine Zahl von bis zu 60 Arbeitstunden pro Woche.


6. Die Lohn- und Gagenverteilung stellt sich entgegen gesellschaftlicher Vorurteile im Theater als eine unglaubliche Ausbeutung der Solisten als schwächster Gruppe im Theatergefüge dar. Die Gagen der Frauen liegen weit unter denen der Männer. Während auch an Staatstheatern studierte Schauspieler ein Anfangsgehalt von brutto 1.400,- €, später bei einer Durchschnittsgage von 2000,-€ brutto landen, liegt die Anfangsgage eines jungen Konzertmeisters nicht unter 4000,-€. , während ein Chefdramaturg noch weit unter 3.000,-€ liegt, kommt es vor, daß der Leiter des Malsaals ein Monatsgehalt von über 4.000,-€ erhält. Die jungen Sängerinnen und Schauspielerinnen liegen nicht selten in ihrem Nettogehalt am Niveau der Sozialhilfe. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Intendanten und Direktoren dort gespart wo sie noch konnten, bei den Solisten, die von keinem Tarifvertrag und von keiner Gewerkschaft geschützt worden sind. Diese Gagenstruktur muß geändert werden, teils auf Kosten der besser verdienenden im Theater, wovon Intendanten nicht ausgeschlossen werden dürfen, teils durch höhere Zuschüsse durch die staatlichen Träger.
 

7. Die Tarifparteien sind durch hergebrachte Tarifgespräche und Gesprächsrituale, die nicht zuletzt der Bühnenverein zu verantworten hat, kaum in der Lage den Theatern eine Zukunftsperspektive zu geben. Festgefahrene Gesprächsrituale, erstarrte Funktionäre und eine nur an der eigenen Gruppe orientierte Interessenvertretung haben einen Gruppenegoismus geschaffen, der den jeweils anderen vor allem aber die Solisten aus den Augen verloren hat. Weg von der zentralen Ebene, ist es notwendig auf lokaler und regionaler Basis Konsensgespräche zu initiieren. Dies mit dem Ziel einer Umverteilung, eines einheitlichen Tarifvertrages, insgesamt aber dem kompromisslosen Erhalt der gegenwärtigen Theaterlandschaft. Eine Anhebung der Arbeitszeit in Technik, Verwaltung und Orchester ist dabei unausweichlich.
 

8. Die Theater brauchen eine größere künstlerische und organisatorische Autonomie gegenüber ihren jeweiligen politischen Trägern. Ihre Umwandlung in Eigenbetriebe, kaufmännische Buchführung, die Toleranz gegenüber Experimentierphasen, muss größer werden und normativ abgesichert werden. Bei der Finanzierung durch kommunale Träger muß kann das sächsische Kulturraumgesetz und die daraus gemachten Erfahrungen mehr als zuvor als Lernhintergrund dienen, die Landesgesetzgeber müssen die angrenzenden Gebietskörperschaften an der Theaterfinanzierung beteiligen.


9. Die sukzessive Entmachtung der Intendanten durch scheinbar rationaler planende Verwaltungsdirektoren erhöht die Effizienz der Theaterbetriebe nicht. Vielmehr ist in den Drei- Spartenhäusern die Position der Generalintendanten zu stärken. Ihre Grenzen finden sie eher in demokratischen Partizipationsprozessen, so größerer Beteiligung und Mitbestimmung der Spartensprecher, als in modifizierten Doppelspitzen. Die Träger sollen Experimentierklauseln schaffen nach denen Theater künstlerische Mitbestimmungsmodelle proben können und damit die Chance erhalten, die Legende das „Frankfurter Modell der Theatermitbestimmung“ sei für alle Zeiten gescheitert, zu widerlegen. Die Wahl der Intendanten muss transparenter werden. Ihre Stellen sind auszuschreiben, kommunale Kulturbeiräte, unabhängige künstlerische Berater sind an den Auswahlverfahren zu beteiligen.


10. Möglicher Weise werden ganze Gruppen weniger verdienen, andere Theatermitarbeiter aber mehr, andere Tarifgruppen im Theater werden eine höhere tarifliche Arbeitszeit erhalten, die Ungeschützen müssen stärker geschützt werden, während die Anzahl der Theaterstellen und Etats nicht gekürzt werden darf, wird es mehr flexiblere Stellen geben müssen. Zugleich werden die Theater und Träger einen Bundesfond gründen, aus dem heraus Tänzern, deren Beruf in der Regel mit 35 bis 40 Jahren endet, unabhängig von anderen Sozialleistungen eine Mindestrente gezahlt wird. All dies setzt voraus, daß die Tarifparteien in einen großen Diskurs eintreten, der davon geprägt ist eines sicherzustellen: die Theaterkunst als emanzipatorische Kraft zu achten bis in den letzten Winkel der Republik. Dieser Diskurs setzt Moderatoren voraus, die schwer zu finden sind, denn in der Landschaft von Kunst und Politik fehlen die Hamm-Brüchers, die Heinemanns und die Weizäckers, an ihre Stelle sind politische Besserwisser getreten.
 

11. Alle Armen erhalten freien Eintritt in alle Theater der Republik. Alle Entscheidungsträger, wie Sparkassendirektoren oder Polizeipräsidenten, Bürgermeister oder Schulrektoren, Chefärzte oder Geschäftsführer der Handelskammern gehen einmal im Jahr ins Theater: all dies geschieht natürlich freiwillig.


12. Schützt die Theater vor der Politik und vor ihren politischen Personalentscheidungen! Kämpft gegen das Mittelmaß und den künstlerischen Kompromiss.