Wenn du 3 Wünsche für die Zukunft des Theaters frei hättest…

Interview mit #rettedeintheater Initiatorin Antje Thoms

Von Lina Wölfel und Marie Gedicke

Die Göttinger Hausregisseurin Antje Thoms gründete zu Beginn der Spielzeit 2018/19 die Initiative #rettedeintheater, welche sich mit der kommunalen Förderung der Theater beschäftigt und mit Protestaktionen auf sich aufmerksam machte. Im November 2018 sprach sie mit uns.



 
Frage: (1) Wie bist du auf die Idee gekommen die Initiative #rettedeintheater zu gründen? Das Problem der Kürzungen stand ja im Raum, aber warum hast gerade Du gedacht „Ich muss da jetzt was machen“?

Antje Thoms: Ich bin ehrlich gesagt mehr oder weniger aus Zufall dazugekommen. Ich bin Regisseurin in Göttingen und war auf der Begrüßung zu Beginn der Spielzeit vom Intendanten. Bei dieser Rede ging es darum, dass die Theater monatelang mit dem Kulturministerium gesprochen ha- ben, dass 9 Millionen Euro Mehrbedarf angefordert wurden, man sich auf 6 Millionen geei- nigt hat und dann 0 Euro im Haushaltsentwurf übriggeblieben sind. Am Ende der Versammlung wurde gefragt, ob die Mitarbeitenden noch Fragen oder Anmerkungen hätten, da hat es mich ehrlich gesagt sehr überrascht, dass keiner etwas gesagt hat. Ich habe mich gemeldet und gesagt, dass ich gerne nochmal etwas zu den 6 Millionen Euro wissen möchte. Und hatte die Frage ob nicht die Mitarbeitenden der Theater auch etwas verändern könnten. Es haben sich noch 3 Schauspielerinnen dazu gefunden. Wir haben ganz klein angefangen: Unterschriften gesammelt in Göttingen und mit den Zuschauer*innen Fotos gemacht. Da ich aber auch im Regie-Netzwerk und im Ensemble- Netzwerk bin und mit der Dramaturgischen Gesellschaft in Kontakt stehe bin ich eben auch auf die Netzwerke zugegangen und habe versucht dort zu agieren.

Frage: (2) Also hast du ungefähr gut einen Monat gebraucht bis das dann größere Züge annahm?

Antje Thoms: Mindestens. (lachen)
Es waren tatsächlich auch Häuser dagegen – also nicht Häuser, nicht die Mitarbeitenden – sondern Intendant*innen die nicht wollten, dass ihre Mitarbeitenden an dieser Aktion teilneh- men.

Frage: (3) Kannst du dir das irgendwie erklären, warum so wenige Mitarbeitende im Moment der Be- kanntmachung der Kürzungen etwas zu sagen hatten? Für uns hat das einen ganz komischen Beigeschmack.

Antje Thoms: Normalerweise sind Zahlen kein Thema, über das mit den Mitarbeiten gesprochen wird, das heißt man müsste schon sehr genau nachforschen. Die einzigen zwei Zeitungsartikel die dazu erschienen waren kamen von der Lüneburger Landeszeitung. Aber warum nicht sofort alle aufschreien weiß ich auch nicht. Vielleicht hat das damit zu, dass man es gewohnt ist, sich um Zahlen nicht zu kümmern.

Frage: (4) Du hast dann die Protestaktion am 24.10.2018 in Hannover organisiert, hast du das Gefühl, dass das Problem dadurch nochmal richtig zum Thema geworden ist? Wir haben gelesen, dass Herr Thümler anwesend war und alle Vorwürfe abgetan hat. Sind trotzdem mehr Steine ins Rollen gekommen?

Antje Thoms: Auf jeden Fall! Vor allem ist es seitdem ein öffentliches Thema geworden. Lobbyarbeit zum Beispiel, wie in anderen Arbeitsbereichen üblich, gibt es im Theater nicht. Das muss man berücksichtigen! Wir haben als Aktionsteam einen Termin mit dem Minister, aber es ist mühsame Arbeit, weil man eigentlich mit allen Politiker*innen ins Gespräch kommen müsste. Vor Allem mit den kulturpolitisch nicht Wohlgesonnenen, damit sie überhaupt eine Ahnung davon bekommen, wie die Arbeitsbedingungen am Theater aussehen.

Um in der Politik irgendetwas erreichen zu können muss man laut sein und täglich trommeln, sagen die Politiker*innen selber. Es hat ja jetzt auch etwas gebracht, 3 Millionen Euro sind für die kommunalen Theater eingeräumt worden.

 
Frage (6): Was hat dieser Impuls, die Aktion an sich, eine so große Bandbreite an Theaterschaffenden und Künstler*innen zu involvieren? Es ist ja einzigartig, dass sich die Mitarbeitenden aus ver- schiedensten Bereichen sowohl von freien Theatern, Stadt- und Staatstheater, Orchestern und Schauspielschulen zusammenschließen.

Antje Thoms: Für Niedersachsen, hat es glaube ich so gut funktioniert, weil es schnell viele Unterstützer*innen gab, zum Beispiel die Petition, die relativ schnell relativ viele Unterschriften hatte. Es gab auch vom Ensemble Netzwerk eine Pressemitteilung, die war auf nachtkkritik.de und auch in Theater der Zeit . Plötzlich dachten dann die anderen Häuser „Das dürfen wir nicht verpassen“, die machen diese Aktion, und sie machen die sowieso, irgendwie wollte niemand mehr nicht dabei sein. Und was ich so toll fand: unter den Theatermitarbeiter*innen gab es keinen Neid, es war klar, dass das eine gemeinsame Aktion ist und wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen wollen.

Frage (7): Würdest du dem zustimmen, dass es auch eine Art Befreiungsschlag war, dass man gesagt hat „wir trauen uns jetzt etwas zu sagen und als Theater politisch aktiv zu werden“?

Antje Thoms: Zumindest ist man mal aktiv geworden. Ich glaube das Trauen ist gar nicht das Problem, es muss einfach irgendjemand anfangen, damit alle anderen mitziehen können. Man muss auch schauen, wie lang sowas jetzt noch zusammen bleibt. Es ist einfach wahnsinnig viel Arbeit und mein Respekt vor allen, die ehrenamtlich arbeiten, ist enorm gestiegen. Man muss einen Teil seiner persönlichen Zeit hergeben. Auch dafür, dass man sich z.B. an den Unterschriftenstand setzt, Unterschriften sammelt und mit den Zuschauer*innen redet. Insofern hat es mit Mut wahrscheinlich gar nicht so viel zu tun. Eher, dass man sagt „so jetzt im Moment gibt es einfach politisch und haushaltslagentechnisch keinen Grund, warum das so sein soll und wir das so zu akzeptieren haben“.

Frage (8): Eure neueste Aktion waren die Solidarisierungsvideos anderer Theater. Laut unserer Recher- che waren auch Solidarisierungen von Theatern außerhalb Niedersachsens dabei, sogar aus Indien. Wieso Indien? Und was sagst du zu der großen Solidarisierungsbandbreite?

Antje Thoms: Es ist tatsächlich ein Aufruf rausgegangen, indem wir die anderen Häuser angeschrieben ha- ben. Das Video aus Indien erklärt sich so, dass die dramaturgische Gesellschaft diesen Aufruf weitergeleitet hat an ihre Mitglieder, und die sind auf der ganzen Welt verteilt. In Indien sitzt Maja Das Gupta. So sind wir zum Beispiel auch an Russland gekommen, durch einen Regisseur aus dem Regie-Netzwerk. Ich finde das toll und es dürften gerne noch mehr Videos werden.

Frage (9): Wir reden die ganze Zeit darüber, dass Geld fehlt. Wie äußert sich das im Alltag der Theater- häuser konkret?

Antje Thoms: Im Grunde bedeutet das für alle kommunalen Häuser, von denen ich jetzt mal spreche, ganz verschiedene Probleme. Bei einigen Theatern bedeutet das früher oder später die Insolvenz. Bei uns ist es so, dass ohne Erhöhung des Haushaltsbetrags und ohne Übernahme der Tarifsteigerungen , ganz einfach die Qualität der Kunst und die Arbeitsverhältnisse schlechter werden. Und was in Göttingen ganz konkret der Fall sein wird, ist, dass das Theater seinen Zielvereinbarungen, Vorantreiben der Digitalisierung, Ausbau der Theaterpädagogik etc., nicht mehr nachkommen kann. Da fehlen einfach Gelder für Stellen um den Bedarf, der besteht, decken zu können. Regiegagen sinken seit 10 Jahren enorm, Kostümbildner*innen werden gerade an den kommunalen Theatern immer weniger. Ausstattungsetats werden kleiner, es geht zu Lasten der Qualität von dem was die Zuschauer*innen auf der Bühne sehen. Der Spielplan orientiert sich nicht mehr an den Inhalten sondern an Finanzen.

Frage (10): Wenn man jetzt in die Zukunft schaut, wie wollt ihr weiter mit diesem Netzwerk, dass #rette- deintheater aufgebaut hat umgehen, was sind eure Pläne?

Antje Thoms: Es wird jetzt auf jeden Fall im Dezember ein Treffen von Allen, die niedersachsenweit betei- ligt waren, geben. Es gibt die „Erklärung der Vielen“, das wäre auch ein Chance für die niedersächsischen Kultureinrichtungen. Es geht nicht immer nur um Geld sondern auch darum sich gesellschaftspolitisch einzumischen.

Die Zusicherung von 3 Millionen ist nett und mehr als es vorher war. Aber das Geld gibt es auch nur für ein Jahr, das hat sich nicht erledigt. Die Frage wäre also: Was kann man machen, dass dieses Geld mindestens bleibt, besser aber mehr wird? Da engagieren sich im Moment vor allem erstmal wieder die Theaterleitungen,  die im Kontakt mit dem Kulturministerium stehen und die Zielvereinbarungen verhandeln.

Frage (11): Wenn du 3 Wünsche frei hättest im Bezug auf die Zukunft der Theater, welche wären das?

Antje Thoms:

1.  Dass man am Theater nicht permanent über Geld reden muss, sondern sich über Inhalte unterhalten kann.

2.  Dass das freie Theater langfristig ebenso gut gefördert würde, wie die Stadttheater, damit man als Künst- ler*in die Wahl hat, in welchen Strukturen man arbeiten möchte.

3.  Dass alle Theater wieder anfangen, sich nur noch mit Inhalten zu beschäftigen, anstatt Eigeneinnahmen generieren und Auslastungszahlen erfüllen zu müssen.