Stadttheater in der Krise

Überall kann man es lesen! Jeder führt es im Munde: Das Ziel der deutschen Kulturpolitik ist der Erhalt der in ihrer Dichte und Qualität beispielhaften deutschen Kulturlandschaft. Insbesondere bei den großen kulturellen Einrichtungen, wie Theatern und Museen sind alle Anstrengungen darauf gerichtet, mit Hochdruck Reformen durchzuführen, damit alles so bleiben kann, wie es ist! Inzwischen gibt es sogar Überlegungen, die deutsche Theaterlandschaft als UNESCO-Weltkulturerbe quasi wie die Chinesische Mauer unter Schutz zu stellen.

Die Bewahrung des Status quo als Reformziel? Der Erhalt des Bestehenden steht in der Kulturpolitik derzeit derart massiv im Vordergrund, dass kaum noch gefragt wird, was denn den sogenannten Status quo überhaupt ausmacht und ob es wirklich Sinn macht, die Bewahrung des Überkommenen für wichtiger zu halten als die Entwicklung des Neuen. Hierzu einige Gedanken am Beispiel des klassischen Stadttheaters:

Die heutigen deutschen Stadttheater in städtischer Trägerschaft hatten verschiedene Vorläufer. Für das „große“ Theater, Oper und Ballett war dies meist Hoftheater ansonsten oft auch private Schauspiel-Compagnien oder privat geführte Komödien.

Die meisten Stadttheater in ihrer heutigen Form sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Architektonisch stilbildend für das Theater waren sicherlich die Bauentwürfe Sempers für die Dresdner Oper. Untrennbar ist das deutsche Stadttheater in seiner Entstehungszeit jedoch vom Gedankengut Richard Wagners zu sehen. Theater erhält in diesen Jahren eine quasi sakrale Bedeutung in Form einer Weihestätte, der das Museum als Musentempel gleichgewichtig gegenübersteht. Dieser Gedanke einer Weihestätte wird noch heute z.B. bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth spürbar.

Wagner selbst schreibt in seiner 1850 erschienen Schrift „Das Kunstwerk der Zukunft: “Der höchste Zweck des Menschen ist der künstlerische. ... Der künstlerische Mensch kann sich nur in der Vereinigung aller Kunstarten zum gemeinsamen Kunstwerk vollkommen genügen.“ „Das höchste gemeinsame Kunstwerk ist das Drama: Nach seiner möglichen Fülle kann es nur vorhanden sein, wenn in ihm jede Kunstart in ihrer höchsten Fülle vorhanden ist.“ Als Konsequenz dieser Vision vom Gesamtkunstwerk nimmt das Theater in der Form des Stadttheaters nicht nur auch Baukunst, Bildhauerkunstund Malkunst in das Gesamtkunstwerk auf, sondern folgt dem bis heute geltenden Leitbild der Dreispartigkeit mit den Sparten Tanzkunst - Tonkunst - Dichtkunst.

Das Stadttheater ist bis heute auf den künstlerischen Leiter in Form des alles beherrschenden und gestaltenden Künstlers, des Intendanten, ausgerichtet. Dieser führt und formt ein festes Ensemble erlesener Künstler, die von Werk zu Werk und von Vorstellung zu Vorstellung gemeinsam reifen und den ästhetischen Ideen des alles intendierenden Künstlers an der Spitze vollkommenen Ausdruck verleihen soll. Der Intendant und sein Ensemble erarbeiten neue, unverwechselbare und originäre Inszenierungen der großen Werke.

Das Publikum hat in diesem von der Verklärung des Schöpfertums und der Idealisierung der Kunst und insbesondere des Künstlers gekennzeichneten Gedankengebäude keinen besonderen Platz und wohnt dem schöpferischen Akt quasi nur ehrerbietig bei.

In diesem Gedankengut finden wir die bis heute prägenden Merkmale der deutschen Theaterlandschaft
wieder:

  • Drei-Sparten-Häuser
  • feste Ensembles
  • Repertoirebetrieb

Dieses traditionelle (Selbst-)Verständnis des Stadttheaters beginnt sich schon seit einigen Jahren zu verändern. Nach seiner Konzeption soll das Stadttheater Ort originärer und einzigartiger Interpretationen neuer Theaterinszenierungen sein, die dem lokalen Publikum dargeboten werden. Eine Reihe von Entwicklungen lassen deutlich Veränderungen dieses Leitbildes erkennbar werden.
 

1.) Das Ideal der Erarbeitung einzigartiger Interpretationen beginnt zu verschwimmen:
Zwischen den Theatern selbst haben sich in den letzten Jahren die Kooperationsbestrebungen im Hinblick auf einen Austausch von Produktionen verstärkt. Dort wo früher jedes Stadttheater „seine“ Inszenierung erarbeitete, findet heute teilweise weitverzweigte Kooperation statt. Die Spannbreite reicht von einfachen Bühnenbildausleihen über den Ankauf fertiger Produktionen anderer Theater bis zur gemeinsamen Herstellung und Einstudierung von Theaterproduktionen, die dann von beiden Kooperationspartnern zeitlich versetzt gezeigt werden. Wenn diese Kooperationsformen behutsam eingesetzt werden, um hauseigene Neuinszenierungen und Eigenproduktionen zu ergänzen, kann das zu einer Bereicherung des Spielplanes führen und muss nicht für Niedergang und Profillosigkeit stehen. Letztlich darf die Frage durchaus gestellt werden, ob denn nun wirklich jedes Stadttheater unbedingt seinen eigenen, neuinszenierten „Vogelhändler“ oder „Vetter aus Dingsda“ haben muss.

2.) Die Funktion des Theaters als Weihestätte wird zunehmend fraglich. In Konsequenz scheint die bisherige Unterscheidung zwischen institutionalisierten Stadttheatern einerseits und andererseits der sogenannten Freie Szene seit einigen Jahren immer mehr aufzuweichen. Als „Hildesheimer Modell“ sind jüngst sehr erfolgversprechende Kooperationsvorhaben bekannt geworden (siehe Kasten).

3.) Auch heute noch prägt die meisten Stadttheater der Gedanke der Dreispartigkeit. Spartenübergreifende Kooperationen an einem Haus sind aber selten. Im Regelfall spielt jede Sparte ausschließlich Werke ihres Genres. Als konsequente Fortsetzung des Kooperationsgedankens könnte eine verstärkte Zusammenarbeit der einzelnen Sparten unterschiedlicher Häuser, bis hin zur Zusammenlegung - im Ballettbereich gibt es hierzu eine ganze Reihe von Beispielen - eine durchaus sinnvolle Alternative sein, die nicht zwingend für schlechteres Theater stehen muss. Geopfert wird hierbei aber das Wagner´sche Ideal des Künstlerischen Leiters, der quasi alle Bereiche und Sparten des Theaters mit seinem künstlerischen Konzept durchdringt.

4.) Eine echte deutsche Theaterspezialität ist der fast tägliche Programmwechsel. Wer sich den Spielplan eines beliebigen Stadttheaters anschaut, dem fällt auf, dass dort jeden Tag ein anderes Stück gegeben wird. Der tiefere Sinn dieser täglichen Umbauarbeiten ist jedoch inzwischen verloren gegangen. Eine künstlerische Handschrift, die dem täglichen Stückwechsel heutzutage zugrunde läge, ist kaum noch erkennbar. In der Theaterwirklichkeit wird der Stückwechsel heute vielmehr häufig von technischen oder dienstplanmäßigen Gegebenheiten geprägt. Ob in Zukunft eine verstärkte Umstellung auf einen En-Suite-Betrieb, bei dem dasselbe Stück an mehreren Tagen hintereinander gespielt wird, zum Untergang des Kulturerbes des deutschen Theaters führt, mag zumindest bezweifelt werden. Im Ausland ist dieses Modell jedenfalls der Normalfall.

Kulturpolitik darf sich nicht auf das bloße Ziel der Bewahrung und Konservierung des Bestehenden ausrichten, sondern muss zukunftsweisend denken und handeln. Gerade im Bereich der Theater gilt es, Konzepte für eine zukunftsfähige, vielfältige und bezahlbare Theaterlandschaft der bloßen Bewahrung des Überkommenen entgegenzusetzen. Theaterpolitik, die ausschließlich den Status quo im Auge hat, wird kaum in der Lage sein, aktuelle Veränderungen und Entwicklungen in der Theaterszene als möglicherweise zukunftsweisend wahrzunehmen und ökonomische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Herausforderung zu begreifen.