Notprogramm für Theater

Rede von Richard Blömer

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Theaterprobleme“ heißt eine Schrift des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt.
Er erläutert darin, was er für die unverzichtbaren Bestandteile einer dramatischen Handlung hält. Dabei kommt er auch darauf zu sprechen, was für ihn Tragödie und was Komödie ist. „Tragödie“, so schreibt er, „als die gestrengste Kunstgattung, setzt eine gestaltete Welt voraus. Die Komödie eine ungestaltete, im Werden, im Umsturz begriffene, eine Welt, die am Zusammenpacken ist wie die unsrige“.

 

Eigentlich müsste man ja von einer Tragödie sprechen, die die Landesregierung zur Zeit aufführt. Ich frage mich dann immer, ob wir noch im dritten Akt, am Wendepunkt stehen, ob es der vierte Akt ist, der das Unvermeidliche noch ein wenig hinauszögert oder ob wir schon bei der Katastrophe sind. Im Dürrenmattschen Sinne aber vollführt die Landesregierung eine groteske Komödie, die setzt nämlich das Chaos voraus. Wir haben es mitnichten mit einer gestalteten Welt zu tun.

Wir können auch sagen: Angesichts der dramatischen Einsparungen weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Und ich bedauere zutiefst, dass sich der Ältestenrat nicht hat dazu durchringen können, diesem wichtigen Thema im Plenum mehr Zeit zu geben.

1. Situation

Bei Einbringung des Antrags war uns die aktuelle Situation in dem Ausmaß noch nicht bekannt. Inzwischen häufen sich die Hiobsbotschaften, und nicht nur aus Köln. In Aachen soll eine Sparte im Zweispartenhaus geschlossen werden. Andernorts kündigen die Intendanten, weil kein Geld mehr da ist. Den Freilichtbühnen geht die Luft aus, weil ihnen das wenige, was sie haben, auch noch weggenommen wird.

Der Kulturminister sagt zwar, alles ja im Grunde Kleinstbeträge, aber Zweitausend Euro für eine Freilichtbühne sind eine Menge Geld. Gerade in diesem Bereich haben solche Zuwendungen Signalcharakter. Denn hier ist man auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen. Wenn hier gekürzt wird, ist die Botschaft: Freilichtbühnen sind nicht so wichtig. Und nebenbei: Die Freilichtbühnen haben insbesondere Kinder, junge Menschen als Publikum. Warum will man bei dieser Form der Breitenkultur sparen?

Ich darf aus einem Brief zitieren, den Herr Jansen, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Freilichtbühnen, an den Kulturminister geschrieben hat: „Gerade die Amateurbühnen leisten einen großen Teil der Kulturarbeit vor Ort. Sie engagieren sich ausnahmslos ehrenamtlich für die Sache Theater, für die Integration junger Menschen.... nicht umsonst besuchen Zuschauer gerne die Kinder- und Jugendvorstellungen der Freilichtbühnen, weil hier Kinder und Jugendliche mitspielen dürfen.“

Aber lassen Sie mich zurückkommen auf die Situation der kommunalen Theater, deren
Intendanten ihre Angst vor der Zerschlagung gewachsener Strukturen nunmehr öffentlich äußern und die Frage stellen, wie es eigentlich konzeptionell mit der Kultur in diesem Lande weitergehen soll.
Wir haben gemeinsam mit Ihnen, Herr Minister, in der Kulturkonferenz am 10. März, eine Entschließung gefasst, in der wir ausdrücklich festgestellt haben (Zitat): „Um die Qualität und Innovationsfähigkeit des kulturellen Lebens in Nordrhein-Westfalen auch in den kommenden Jahren zu bewahren und zu entwickeln, bedarf es einer breiten gemeinsamen Anstrengung für effektive Strukturen und verlässliche Partnerschaften. Grundversorgung ist ebenso wichtig wie Förderung des Nachwuchses, der Künstler, innovativer, kooperativer und außergewöhnlicher Vorhaben, denn freie Kunst und Kultur sind unverzichtbarer Bestandteil einer freiheitlichen, vielfältigen, friedlichen und vor allem lebendigen Demokratie.“
„Effektive Strukturen und verlässliche Partnerschaften, Grundversorgung...“ - das sind die Stichworte für unsere heutige Diskussion. Leider folgen auch der von Ihnen mitgetragenen Deklamation keine Taten, im Gegenteil. Wenn Sie z.B. 70.000 Euro für ein kommunales Theater wie in Bielefeld streichen, kann das schon den Verlust mindestens einer Stelle oder den Verlust eines Aufführungszyklus bedeuten. Wenn Sie den Städtischen Bühnen in Köln 260.000 Euro nehmen, hat das in der gegenwärtigen Situation ganz erhebliche Folgen für den Spielplan und damit für die Leistung dieses Theaters.
Im übrigen fällt auf, Herr Minister, dass Sie hier unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Denn die Zuweisungen der Kürzungen treffen die Theater in Nordrhein-Westfalen in sehr unterschiedlicher Weise. Hierzu erwarten wir von Ihnen Transparenz und klare Aussagen.

Die von Ihnen geforderte, gewünschte verlässliche Partnerschaft zwischen dem Land und den Kommunen wird von Ihnen einseitig aufgekündigt. Und damit untergraben Sie das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Zusagen der Landesregierung und vor allem der Ihnen zu verantwortenden Kulturpolitik.

Durch die globalen Minderausgaben kommen wir inzwischen auf rund 20 Prozent weniger an Zuweisungen für die Gemeinden. Wenn man dann noch ausrechnet, was
die Verdi-Tarifabschlüsse kosten, dann wird schnell klar, dass den Theatern sehr viel
weniger zur Verfügung stehen werden.
Auf die Einbrüche auf Seiten der kommunalen Förderung habe ich bereits hingewiesen.

So sehr ich die zusätzliche Finanzierung der Landestheater mit 600.000 Euro begrüßt habe, leiden musste darunter die Denkmalpflege, die Museumsbauten und auch der Sport. Das ist ein Jammer.

Ich komme zurück auf unseren Vorschlag: Den Wettbewerb der Theater tragenden Städte um neue Organisationsformen und –strukturen der öffentlichen Bühnen zu fördern. Ein Wettbewerb, der vor allem dazu beitragen soll, Kosten zu reduzieren, Einnahmen zu erhöhen, um damit zu einer Entlastung der kommunalen Haushalte zu kommen.

Es ist Ihre Aufgabe, den kommunalen Theatern Mut zu machen, neue Rechtsformen zu finden, die eine gewisse Unabhängigkeit von der Öffentlichen Hand ermöglichen. Die Abkehr von bloßer Kameralistik schafft größere Flexibilität im Umgang mit dem Haushalt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen mit auf den Weg genommen werden, um den Übergang von Tarifverträgen im Öffentlichen Dienst auf privatwirtschaftliche Tarifverträge vernünftig zu gestalten.

Die Theaterfachleute fordern doch seit langem, die Tarifverträge des Öffentlichen Dienstes unabhängig davon grundsätzlich zu überprüfen. Denn diese lassen den Intendanten kaum Flexibilität für den Einsatz ihrer Mitarbeiter.

Wir haben in unserem Antrag bereits vor Monaten vorgeschlagen, mehr Flexibilität für die Ausgabe von Mitteln durch die Abschaffung des Jährlichkeitsprinzips zu schaffen.

Zitieren möchte ich am Schluss aus einem Artikel, der heute in der WAZ zu lesen ist:
„Theaterleute und Kulturdezernenten sind sich einig, dass es sich bei diesen Maßnahmen
nicht um eine politische Lösung handelt, sondern um kurzfristige Buchhalterei. Zu stellen sei die Frage, warum man sich kulturelle Events leiste, wenn gleichzeitig die kulturelle Infrastruktur zu Tode gespart werde.“
Wir haben wirklich schlimme Theaterprobleme. Und es handelt sich um eine groteske Komödie, oder wenn Sie wollen um absurdes Theater. Komödie ist nach Dürrenmatt, wie gesagt, eine ungestaltete, im Werden, im Umsturz begriffene, eine Welt, die am Zusammenpacken ist wie die unsrige.