Der Theaterbetrieb ist verstaubt. Diesen Staub gilt es zu beseitigen!

Ein Einblick in die Theaterdebatte des Jahrbuchs für Kulturpolitik

In vielen Köpfen verankert, von vielen immer wieder gebraucht und doch als verstaubt, museal und vor Stolz erstarrt empfunden: der Begriff der Tradition. Einer dieser oft verwendeten Buchstabenreihungen, wenn es um die Begründungszusammenhänge für das Theater ging und geht. Warum aber nur der Begriff der Tradition im Zusammenhang mit der Bestätigung der Daseinsberechtigung von Theater? Unter Tradition versteht man die Überlieferungszusammenhänge, die als Sitten, Bräuche, Lebensformen, Erfahrungsstandards, Handlungsregeln, Institutionen von Generation zu Generation weitergeben werden und auf diese Weise die Kontinuität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzeugen. Wenn aber diese traditionsgeleitete Kontinuität fragwürdig wird oder infolge sozialen Wandels die gesellschaftliche Weiterentwicklung nach Maßgabe tradierter Handlungsnormen und –regeln nicht mehr gewährleistet ist, entsteht die Frage nach ihrem Sinn und ihren Grenzen.

Und an diesem Punkt befindet sich der Legitimationsanspruch des Theaters schon seit den 70er Jahren, wie es Bernd Wagner und andere Autoren des „Jahrbuch für Kulturpolitik 2004. Thema: Theaterdebatte“ zum Ausdruck bringen.

Der Begriff der Debatte gesellt sich in letzter Zeit häufiger dazu und es stellt sich die Frage nach dem Kern dieses Gegenstandes, der so wichtig ist, dass er in Verbindung mit dem Theater sogar den Titel eines Buches ausmacht. Die Debatte ist eine Erörterung und eine Aussprache zu einem bestimmten festgelegten Thema, wobei verschiedene Meinungen dargelegt, sowie Gründe für das Für und Wider dargelegt werden. Das dürfte den meisten klar sein. Die Theaterdebatte dümpelt jedoch mit ihren Meinungen und ihrer Diskussion vom Für und Wider der Stellung des Theaters heutzutage immer noch allzu statisch in der Darlegung des ungemeinen Wertes von Theater in und für die Gesellschaft. Oft wird es als der Ort beschrieben, an dem Wissen und Erfahrung vermittelt und ein besonderer Blick auf die Welt ermöglicht werden. Diese Sichtweise ist noch im Denken vieler heute wie damals beherbergt. Es ist der Versuch, eine Kulturnation zu konstituieren, durch die Berufung auf Tradition und Konzepte. Eine Kulturnation, wie sie schon Lessing, Schiller und Goethe im Sinn hatten. Nur mit dem Unterschied, dass ihre Ideen zu der damaligen Zeit erneuernd – ja – reformierend gewesen sind. Und diese Zeit war einmal.

Das Theater muss sich aber neu behaupten, gegenüber den neuen Medien und einer anderen, einer neuen Zeit gegenüber. Dabei kann es nicht im tradierten verstaubten Urschleim wühlen und hoffen, ihm flöge beim Suchen im Alten etwas entgegen, das vor Jahrhunderten noch nicht entdeckt wurde. Wir befinden uns in einem mediengelenkten Zeitalter, in dem es möglich ist, Wirklichkeiten zu erschaffen, die selbst über die Vorstellung unser eigenen Realität hinausgehen. Und da können sich nicht Traditionsbewusste hinstellen und behaupten, das Theater erschaffe Wirklichkeit. Hier muss ein neuer Ansatz her!

Durch Deutschland weht der Geist der Reformen, sei es auf sozialer, kommunalpolitischer oder auch auf schulischer Ebene. Und so ist es auch auf dem Gebiet des Theaters. Brachten die 70er Jahre noch frischen Wind, indem sie mit alten Seh- und Rezeptionsgewohnheiten brachen und sich zunehmend aus einem Unterhaltungskontext in einen politischen bewegten, indem sie unter Einbeziehung des Demokratisierungs- und Sozialisierungsgedanken auch Kinder und Jugendliche als Theaterpublikum und Partner entdeckten; so gerät diese frische Brise aus alten Zeiten heute ins Stocken, wird lau, flacht ab.

Debatten gehen voraus, um sich über den Kern der (zu gebrauchenden) Reformen, die eine Verbesserung bringen sollen, im Klaren zu sein. Diese Debatte sollten aber nicht nur auf der Stelle treten, indem sie nur die Stellung des Theaters für Mensch und Gesellschaft hervorheben. Denn, so wie es scheint hat das Theater nicht mehr die Stellung für Mensch und Gesellschaft inne, die es zu früheren nicht-mediatisierten Zeiten hatte. Und wozu sich auf etwas berufen, das keine Gültigkeit mehr hat? Fakt ist, der Theaterbetrieb ist tradiert – und verstaubt. Diesen Staub gilt es zu beseitigen, sonst ist bald nur noch Schutt und Asche vorhanden. Putzen alleine reicht da nicht, in einem Zimmer müssen die Möbel auch mal umgestellt oder ausrangiert werden, um einen neuen Blick in einen bekannten Raum zu ermöglichen.

Eine der schärfsten Kritiken geht an dem zur Zeit bestehenden Theatersystem, das von vielen als so einzigartig in dieser Welt bezeichnet wird, von dem Journalisten Wolfgang Hippe. Er beschreibt die Entstehung des Theatersystems, wie wir es heutzutage vorfinden und arbeitet bei dieser Beschreibung heraus, das dieses uns bekannte Förderungssystem der staatlichen Theater von den Nationalsozialisten entwickelt worden ist und von uns weiter übernommen wurde.

„Mit dem Ende des NS-Regimes gab es auch keinen Bruch, was das (eingestellte) Personal und die durch den NS vollendete >>Verstaatlichung<< der Bühnensituation betrifft. [...] Also keine >>Stunde Null<< oder gar ein Neuanfang.“ (S. 100)

Das sind anklagende Mutmaßungen. Doch dieser Artikel will zum Nachdenken anregen. Waren es nicht nur Lessing, Schiller, Goethe und ihre musealen Konzepte, auf die sich so oft berufen wird und wurde, so kommt in diesem Moment der Aspekt hinzu, dass unser System – die heutigen staatlichen Theater und ihre Förderung – auf der Grundlage der entwickelten Förderung der Nationalsozialisten beruhen. Ist das allein nicht schon Grund genug, nicht mehr nur über Reformen zu debattieren, sondern sich aus seiner gewohnten “Sitzhaltung“ endlich herauszubegeben?!

„Jeder Mensch umgibt sich mit einer Sicherheitszone, die aus Gesetzen, Regelungen, Erfahrungen, Instinkten usw. besteht. Innerhalb dieser Zone bewegt er sich mit relativ großer Gelassenheit und Geborgenheit. Eine solche Sicherheitszone ist unter anderem auch die gewohnte Organisationsstruktur eines Theaters“, schreiben Hans-Georg Küppers und Thomas Konietzka. Seite 208. Doch nicht nur eine Sicherheitszone umgibt uns Menschen heutzutage. Über diese Sicherheitszone hinaus, welche ein Schönheitswort für Trägheit werden könnte, befinden wir uns in dieser Zeit in einer Gesellschaft, in der der Geist, etwas zu verändern, zwar vorhanden scheint, der es aber an reichlich Durchsetzungskraft und Taten fehlt.

Was ist das? Ist das typisch Deutsch? Jeder ist sich selbst der Nächste unter den Gesetzen der Arbeitsökonomie. Aufs Kapital, auf den Gewinn, auf hohe Zahlen kommt es an. Selten wird nach einem gesellschaftlichen Wert gefragt, und wenn doch, dann nur im Hinblick auf einen antiquaren, ja veralteten. Lassen wir lieber den Gruftgeruch aus alten Gräbern in unsere Köpfe dringen, als das wir uns nach neuen Fenstern umschauen, um frische Luft herein zu lassen? Ersticken wir in unserem eigenen Mief?

Dieses „Jahrbuch für Kulturpolitik 2004“ bietet viele Anregungen und Ideen für eine Reformierung. Es ist jedoch kein Rezeptbuch, nach dem man mit den passenden Zutaten ein zukunftsfähiges Theatersystem zustande bringen könnte. Aber es bietet viele Denkanstöße und ist einen Schritt weiter in der aktuellen Theaterdebatte gegangen, indem es alles Geschriebene um und in der Auseinandersetzung schwarz auf weiß darlegt.

Eingeteilt in sechs Abschnitte beginnt es mit einem Vorwort von Theater-Staatsministerin Christina Weiss und einer Einleitung vom verantwortlichen Redakteur Bernd Wagner.

Johannes Rau und seine Rede zur Eröffnung des Theater-Kongresses der „Kulturstiftung der Länder“ bilden den Auftakt des ersten Teils, der verschiedene Sichtweisen zur gegenwärtigen Theaterdebatte beherbergt; u.a. mit einem Beitrag von Oliver Scheytt, der sich mit der Frage der Kulturpolitik und Theater auseinandersetzt. Roland Schneider, Raimund Bartella sowie Peter Iden widmen sich in ihren Aufsätzen dem deutschen Stadttheatersystem, ihrer Förderung und inwiefern es finanziell tragbar ist. Mit der Entwicklung des deutschen Theaters und seinen ästhetischen Ausmaßen setzen sich Andrzej Wirth und Henning Fülle auseinander. Die neun Thesen zum Symposium „Jenseits von Musealität“ von Henning Fülle und Detlef Schneider  bieten reichlich Stoff für Diskussionen.

Dietmar N. Schmidt glaubt noch an Wunder und beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Zukunft des deutschen Theaters. Auch Cornelia Dümcke und Wolfgang Hippe setzen sich mit der Zukunft des deutschen Theaters, aber auf Grundlage der historischen Entwicklung auseinander. Den Abschluss dieses ersten Kapitels bildet der Beitrag von Klaus Pierwoß, welcher die kulturpolitische Kontroverse am Beispiel Bremen erörtert.

Armin Klein und Frank-Olaf Brauerhoch beschäftigen sich mit dem „Theater und sein(em) Publikum“ sowie mit Theatermarketing.

Das dritte Kapitel ist den Strukturen und Reformen gewidmet. Stephan Märki und Wolfgang J. Ruf erörtern hier den Bedarf einer grundsätzlichen Erneuerung des deutschen Theatersystems. Rolf Bolwin erörtert die benötigten Tarifverträge im Theater. Eine gelingende Reform stellt Tom Stromberg in Frage und Udo Salzbrenner setzt sich mit Strukturfragen von Musiktheatern und Orchestern auseinander. Auch Hans-Georg Küppers und Thomas Konietzka zweifeln blinden Eifer an und diskutieren in ihrem Beitrag das Für und Wider einer eventuellen Reform, die spätestens bei den Gewerkschaften scheitern würde. Bedeutsame Beispiele aus der Praxis liefern Werner Müller, der sich zur Entwicklung des Stadttheaters Fürth äußert, Urs Bircher legt das sogenannte „Hildesheimer Modell“ schwarz auf weiß dar und Annette Heilmann schreibt in ihrem Beitrag über das „Theater an der Ruhr“ als Modell für ein modernes Stadttheater.

Die „Theaterlandschaft Deutschland“ wird im nächsten Kapitel behandelt. Wolfgang Schneider stellt Überlegungen zur Neustrukturierung der deutschen Theaterlandschaft an und ruft zum „Umsturz“ auf. Dieter Hadamczik geht auf Theatergastspiele in mittleren und kleinen Städten ein und erläutert dabei die Rolle der „Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen“. Mit den Privattheatern und deren Zuspruch beim Publikum beschäftigt sich Horst Johanning. Die Beiträge von Kirsten Haß, Frank Heuel und Reinhard Hinzpeter setzen sich mit dem freien Theater auseinander, wobei Reinhard Hinzpeter dabei explizit auf das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt eingeht.

Ein „Blick über die Grenzen“ wagen der in Paris lebende Regisseur Patrick Guinand und Wolfgang J. Ruf über deutsche Probenpläne, David Rann gewährt Einblick in das Theater in England. Victor Scoradet führt den Leser in rumänisches Theater von früher und heute ein. Ein weiterer Beitrag dokumentiert ein Gespräch zwischen dem in Kuba und Deutschland arbeitenden Tänzer und Choreograph Gonzalo Galguera und Udo Salzbrenner.

Mit den Möglichkeiten und Aufgaben von Landeskulturpolitik setzen sich die Beiträge der Minister Peter Frankenberg und Michael Versper (Nordrhein-Westfalen) sowie Alice Ströver auseinander. Die Bundestagsabgeordneten Monika Griefhahn, Antje Vollmer, Günter Nooke und Hans-Joachim Otto erörtern die bundespolitische Bedeutung der Theaterlandschaft Deutschland.

Im Anhang des Buches sind zudem der Zwischenbericht der Arbeitsgruppe Zukunft von Theater und Oper in Deutschland vom 11. Dezember 2002 und last but not least die Ergebnisse der jüngsten Kulturstatistik von Michael Söndermann  zu finden.

Dieses „Jahrbuch für Kulturpolitik 2004“ hat das Zeug zu einer Pflichtlektüre. Es ist ein Anregung stiftendes Buch für jeden Interessierten und jeden, der über die aktuelle Theaterdebatte ausreichend informiert sein will. Niedergeschrieben sind Für und Wider, Diskussionen und Ideen, jetzt muss nur noch kulturpolitisch gehandelt werden. Und aus diesem Grunde: Kulturpolitiker aller Länder vereinigt euch!