10 Thesen zur Zukunft der Theater und Orchester in der Bundesrepublik Deutschland

1. Im Theaterpolitischen Thesenpapier des Deutschen Bühnenvereins aus dem Jahre 1993 heißt es: "Jedes Theater muss mit eigenem künstlerischen Profil sein eigenes Publikum finden". Dieser Satz gilt nach wie vor. Er bedeutet vor allem, dass das Theater sich mit seinem Spielplan nicht dem Massengeschmack unterwerfen darf. Dringend erforderlich ist es aber, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit die Schwellenangst der potentiellen Besucher vor dem Betreten des Theaters abzubauen. Der Theaterbesuch muss wieder Teil des urbanen Lebensgefühls werden. Nähe zum Publikum dürfen die Theater nicht als Verlust künstlerischer Freiheit empfinden. Das Theater muss Kopf und Herz der Menschen erobern und erobern wollen.

2. Der Dialog zwischen Kultur und Politik ist zu intensivieren. Kultureinrichtungen wie Theater und Orchester dürfen nicht als Mittel zum Stopfen von Haushaltslöchern betrachtet werden. Künstler und Politiker müssen aufeinander zugehen. Dies gilt im lokalen und regionalen Bereich genauso wie im Bereich des Landes und des Bundes. Zwischen Politik und Kultur muss es zu Gesprächen kommen, in denen kreativ über die Zukunft der Kulturpolitik gestritten wird.

3. Bereits 1993 zeichnete sich eine weitere Zuspitzung der öffentlichen Haushaltskrise ab. Parallel dazu wurde vor allem in den Feuilletons eine heftige Debatte über die Struktur der deutschen Theater und Orchester geführt. Dies veranlasste den Deutschen Bühnenverein zu einer detaillierten Stellungnahme. Vorgelegt wurden neben dem schon erwähnten "Theaterpolitischen Thesenpapier" die "Tarifpolitischen Leitlinien" und im Zusammenhang mit einem vom Bühnenverein einberufenen "Runden Tisch über die Zukunft des deutschen Theaters" - der "16-Punkte-Katalog".

4. In Anlehnung an die seinerzeitigen Vorschläge des Bühnenvereins haben die Theater und Orchester Maßnahmen ergriffen, um die Haushaltskürzungen aufzufangen, denen sie in den letzten Jahren ausgesetzt waren. Parallel dazu wurden Tarifverhandlungen geführt, in deren Ergebnis ein Teil der damals gemachten Vorschläge realisiert wurde. Für das künstlerisch-technische Personal sowie das nichtkünstlerische Personal wurde die Jahresarbeitszeit vereinbart. Die Probenzeiten für die Orchester wurden im Sinne einer Flexibilisierung der Arbeitszeit verlängert. Das Recht auf Arbeitsbefreiungen wurde ebenso eingeschränkt wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Durch zahlreiche vom Bühnenverein abgeschlossene Haustarifverträge, mit denen z. B. das 13. Monatsgehalt ganz oder teilweise gestrichen wurde, konnten Theater und Orchester erhalten werden, die infolge der Haushaltskürzungen in eine besondere Notlage geraten waren. Die Tarifverträge für das Ballett und den Chor wurden gekündigt. Inzwischen befinden sich die Tarifverhandlungen, mit denen diese beiden Tarifverträge zusammengeführt werden sollen, in einem fortgeschrittenen Stadium. Mit Abschluss eines entsprechenden Tarifvertrages würde der Grundstock für ein in sich geschlossenes Theatertarifwerk gelegt.

5. Obwohl in zahlreichen Theatern bestehende Hausbräuche, die zugunsten der Arbeitnehmer über die bestehenden Tarifverträge hinausgingen, zu einem Teil abgeschafft wurden, gibt es hier in manchen Häusern noch Handlungsspielräume, die nicht genutzt werden. In diesem Zusammenhang ist jedoch auch darauf hinzuweisen, dass die Abschaffung solcher Hausbräuche oft mit erheblichen, teilweise gerichtlichen Auseinandersetzungen verbunden ist, die den künstlerischen Betrieb empfindlich stören können.

6. Durch die allgemeine wirtschaftliche Situation stehen viele Theater und Orchester trotz der Einsparungen, die in den letzten Jahren erzielt wurden, vor erneuten drastischen Kürzungen der öffentlichen Finanzmittel. Diese Kürzungen lassen sich jedoch nicht mit den seinerzeit vom Bühnenverein geforderten Korrekturen von Fehlentwicklungen auffangen, sondern werden zu einem weiteren einschneidenden Personalabbau führen.

7. Ein solcher Personalabbau geht, vor allem im künstlerischen Bereich, zu Lasten der Qualität. Sofern der Träger sich ein eigenes Theater oder Orchester nicht mehr leisten kann und die Betriebe in räumlicher Nähe zueinander stehen, lassen sich diese Qualitätseinbußen durch regionale Zusammenschlüsse vermeiden. Zusammenschlüsse dieser Art hat der Deutsche Bühnenverein bereits konstruktiv begleitet und unterstützt. Solche Lösungen dienen in einzelnen Regionen trotz des damit verbundenen Personalabbaus dem Erhalt von leistungsfähigen Kollektiven (Chor, Orchester) und Ensembles sowie der Sicherung von künstlerischer Qualität in der Region. Dieser Vorschlag durchbricht den Grundsatz einer festen Bindung des künstlerischen Personals an ein Theater und damit an eine Stadt. Solche Regionalisierungen führen voraussichtlich auch zur Einführung eines begrenzten Stagione-Betriebs an den unterschiedlichen Theaterstandorten.

8. Unabdingbare Voraussetzung für eine Regionalisierung ist, dass sich Umlandgemeinden an den Kosten, die einer Stadt für Kultureinrichtungen wie Museen, Theater und Orchester entstehen, beteiligen. Dies wird bei den Landesbühnen schon heute auf freiwilliger und vertraglicher Basis praktiziert. Für diese Umlandfinanzierung bedarf es gegebenenfalls gesetzlicher Regelungen der Länder.

9. Durch seine frühzeitige Entscheidung für eine Reform des Flächentarifvertrages und den Abschluss von Haustarifverträgen für notleidende Theater- und Orchesterunternehmen hat der Deutsche Bühnenverein einen in die Zukunft weisenden tarifpolitischen Kurs eingeschlagen. Dieser Kurs ist weiter zu verfolgen. Dabei ist ein in sich geschlossenes Theatertarifsystem anzustreben, welches überschaubar und praktikabel ist und für alle Theatermitarbeiter gilt. Unterschiede in der Arbeitsweise der verschiedenen Beschäftigungsgruppen sind jedoch zu beachten. In entscheidenden Fragen sollen Theaterunternehmen die Möglichkeit haben, zwischen mehreren Möglichkeiten, die ihnen der Flächentarifvertrag bietet, zu entscheiden. Die Gewerkschaften werden aufgefordert, an der Erarbeitung eines solchen Tarifsystems auch weiterhin konstruktiv mitzuarbeiten.

10. Die Theater und Orchester sind ohne eine überwiegende öffentliche Finanzierung nicht überlebensfähig. Dennoch sind sie auch auf die Hilfe privater Förderer angewiesen. Deshalb fordert der Bühnenverein ein kulturfreundliches Steuerrecht. Im Rahmen der Steuerreform müssen die diesbezüglich notwendigen politischen Entscheidungen von der Politik getroffen werden. Wer öffentlich aufruft zu mehr privatem finanziellen Engagement in der Kultur, muss dafür auch die rechtlichen Voraussetzungen durch steuerliche Anreize für die private Kulturförderung schaffen. Auch eine Entlastung der selbständigen Künstler bei der Umsatzsteuer stünde einem Kulturstaat gut zu Gesicht. Die Besteuerung ausländischer Künstler ist trotz einiger Verbesserungen erneut korrekturbedürftig. Der Bühnenverein hat zu diesen Steuerfragen gegenüber den im Bundestag vertretenen Parteien bereits die Initiative ergriffen.

Diese in den eigenen Reihen heftig diskutierten Vorschläge macht der Deutsche Bühnenverein auch, weil die Gefahr droht, dass gerade die Uraufführungen von neuen Kompositionen und neuen Stücken immer mehr dezimiert werden. Bei aller notwendigen Pflege des Repertoires im Ensembletheater leben wir vom zeitgenössischen Theater. Um die neue Musik und das neue Drama möglichst vielen Zuschauern zugänglich zu machen, sollten die Theater noch mehr geplante Kooperationen in Angriff nehmen. Theater bewahrt das Bewährte und wagt das Neue. Theater muss sein.

25. Mai 1997