Kultur im Konjunktiv

Zum Ende des Jahres wird die Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages mit einem Bericht an die Öffentlichkeit gehen: Elf Abgeordnete und elf Sachverständige haben fast vier Jahre lang über die Entwicklung der Deutschen Kulturlandschaft diskutiert. Der Kommission gehören, neben  Wolfgang Schneider, u.a. Nike Wagner, Oliver Scheytt und der Sänger Heinz-Rudolf Kunze an.

TdZ: Was macht die Enquête-Kommission?


Wolfgang Schneider:
Naja, wir tagen … (überlegt) Wir sind am Anfang euphorisch und hochmotiviert an die Sache gegangen und haben das ganze Feld aufgelistet. Wir haben dann schnell festgestellt, dass wir uns beschränken und arbeitsteilig verhalten müssen, um nicht stecken zu bleiben. Es war ein Prozess von weit über einem Jahr, um herauszufinden, wie das große Feld Kultur in Deutschland zu bearbeiten sei.


TdZ: Wie sieht dieses Feld denn aus?


W.Schn.: Es gibt einen konkreten, mehrseitigen Einsetzungsbeschluss, der auch formuliert, was nicht berücksichtigt werden soll: z.B. Auswärtige Kulturpolitik, Filmpolitik, Bildungspolitik. Über diese Bereiche wird schon an anderer Stelle nachgedacht. Und es gibt den dezidierten Auftrag, sich mit den Kulturinstitutionen zu beschäftigen, denn wir haben hierzulande eine ausgeprägte Infrastruktur. Es geht um die Sicherung von Kulturbetrieben, aber auch um so etwas wie Kulturbetriebswirtschaft. Kultur hat durchaus auch ökonomische Dimensionen, und dieses Wechselverhältnis kann effektiver befördert werden.


TdZ: Merkt man einen Unterschied in Wahrnehmung und Sprache zwischen den elf Abgeordneten und den elf Sachverständigen?


W.Schn.:
Ja! Aber bei aller Unterschiedlichkeit gibt es allerdings einen Grundkonsens in der Kulturpolitik: Wir wollen alle kämpferische Fürsprecher für Kultur sein und dafür sorgen, dass bestimmte Standards und Qualitäten gesichert und Perspektiven für eine Weiterentwicklung formuliert werden. Wir bemühen uns also, nicht in einer Bestandsaufnahme zu verharren. Evaluation ist zwar unser Geschäft, aber nur die Basis für das, was wir in der Kulturpolitik „Handlungsempfehlungen“ nennen.


TdZ:
Blicken wir mal inhaltlich auf einen möglichen Bericht, und zwar auf die Stelle, an der es um Theater geht …


W.Sch.: Ich versuche, im Konjunktiv zu antworten: Was den Erhalt einer Theaterlandschaft angeht, könnte ich mir vorstellen, dass die Pflege des Repertoires mit kontinuierlich arbeitendem Ensemble im Mittelpunkt steht. Aus der Erfahrung der Stadt- und Staatstheater in Deutschland heraus könnten Empfehlungen gegeben werden, rechtliche Veränderungen zu ermöglichen, um über neue Trägerschaften eine Strukturreform einzuleiten. Vom Staatsbetrieb über den Regiebetrieb zum Eigenbetrieb und der vielfach genutzten Form der GmbH, die dem Theater Freiheiten ermöglicht, mit dem zugewiesenen Budget umzugehen. Das musste die Enquête nicht erfinden. Die Fragen nach Tarif- und Arbeitsrecht werden mit Sicherheit zu behandeln sein, sofern sie den Gesetzgeber überhaupt etwas angehen. Diese Kommission fixiert sich nicht alleine auf das traditionelle System und das jährliche Fortschreiben des Haushalts der Institutionen. Wir beschreiben Deutschland als Theaterlandschaft, und diese ist weit größer als die 150 Theater, die im Deutschen Bühnenverein organisiert sind. Es gibt in de  Tat noch andere und ebenfalls erfolgreich produzierende Theaterbetriebe. Das Freie Theater in Deutschland spielt eine wichtige Rolle. Man darf es nicht überbewerten, aber auch nicht ausklammern. Theater ist auch Forschungsstätte, Experiment. Und das muss sich in den Formen ausdrücken. Manchmal lässt sich das auch im Stadttheater machen, manchmal im Freien Theater, manchmal muss man ganz neue Formen auf der Ebene europäischer und internationaler Koproduktionen suchen.


TdZ: Das Staats- und Stadttheater ist also nicht die allein selig machende Form?


W.Schn.: Man muss sich einmal die Bandbreite von Theatermöglichkeiten vor Augen führen und eben auch das Puppen- und Figurentheater sowie das Tanztheater einbeziehen. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass es Theater für spezielle Zielgruppen gibt: Kinder-, Jugend-, Altentheater. Wenn ich mir vergegenwärtige, wie viel Theater von Amateuren gemacht wird, ob es das Schultheater, der  Jugendklub ist oder die Studentenbühne – da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass das insgesamt noch stärker vernetzt und vor allem auch kulturpolitisch zusammen wahrgenommen werden müsste.


TdZ: Letztendlich läuft es darauf hinaus:Wie viel Kultur will man sich leisten. Was halten Sie vom Sächischen Kulturraum-Gesetz?


W.Schn.: Es ist toll, dass dieses Bundesland aussagt, was es zu fördern bereit ist. Kultur ist nicht teilba  zwischen Kommunen, Kreisen und Freistaat. Aber das auf alle Länder zu übertragen, wäre zu einseitig. Wir waren uns allerdings von Anfang an einig, dass wir eine grundgesetzliche Übereinkunft brauchen etwa mit einem Artikel 20b: „Der Staat schützt und fördert die Kultur.“ Kultur ist immer wieder das fünfte Rad am Wagen und sollte deshalb Pflichtaufgabe werden.


TdZ:
Weil viele die Kultur finanzieren und nur wenige sie nutzen.


W.Schn.: Die Studien, die etwa das Zentrum für Kulturforschung zur Einschätzung des Auftrags von Kulturförderung durch Staat und Gesellschaft durchgeführt hat, sind ja erstaunlich! Zwei Drittel oder gar drei Viertel der Leute sagen, das finden wir gut, obwohl sie selbst Kulturbetriebe gar nicht in dieser Dimension nutzen. Das führt aber dazu, dass diese Enquête-Kommission in ihrem großen Schwerpunkt der Kulturellen Bildung Vorschläge machen muss, wie wir weiterhin daran arbeiten, eine größere Partizipation zu ermöglichen.


TdZ:
Diskutieren Sie auch über einen Kulturabbau, wie er in Thüringen stattfindet?


W.Schn.:
Thüringen ist überall. Nur noch nicht so extrem. Wir sind durch die Lande gereist, viele Experten eingeladen. Wir haben Gutachten in Auftrag gegeben und festgestellt, dass die Kulturförderung nach wie vor ein fragiler Politikbereich ist. Auf Thüringen können wir eigentlich nur mit dem Konzept antworten, das ich vorhin angesprochen habe: In der Theaterlandschaft muss es auch vielfältige Strukturen geben. Wenn in Thüringen ein Konzept für eine Theaterlandschaft weiterentwickelt wird, muss man einfallsreicher sein, als nur zu fusionieren oder zu zentrieren. Man kann mit den gleichen Mitteln durchaus mehr Theater machen. Dabei bin ich wirklich fernab, irgendeinem Politiker zu empfehlen, den künstlerischen Kategorien marktwirtschaftliche voranzustellen. In einem Flächenland sollte man allerdings Theaterformen unterstützen, die neben dem Stadt- und Staatstheater entstehen können. Warum gibt man nicht einer bunten Truppe von zwölf Schauspielern und zwölf technischen Mitarbeitern und einem Leitungsteam von drei Leuten die Möglichkeit, wie eine freie Truppe zu arbeiten, und gibt ihnen den Auftrag, das Land zu bespielen? Wenn ich an Künstler denke wie Willy Praml rund um Frankfurt/M. oder Uli Jäckle rund um Hildesheim, wo der künstlerische Output größer ist als die Finanzierung des Apparates, wenn ich mir das Theater an der Ruhr oder das Theater in Jena vergegenwärtige, wenn ich die erfolgreichen Modelle von Theaterhäusern in Düsseldorf oder Stuttgart wahrnehme, dann fällt es mir leicht zu sagen: Es geht auch anders!


TdZ:
Entwickelt Deutschland zunehmend freiere Modelle, wie wir sie aus den Niederlanden kennen?


W.Schn.:
Es geht nicht um Umsturz, sondern um Umgestaltung. Niemand hat jemals beschlossen, das  es von Kiel bis Konstanz und von Aachen bis Dresden die gleichen Betriebsstrukturen geben muss. Theater erfordert nun mal besondere Produktionsbedingungen. Sonntagsarbeit gehört dazu. Und zunehmend muss es möglich sein, Schauspieler und Musiker zusammenarbeiten zu lassen. Die jetzigen Strukturen sind zu verändern. So könnte ich mir vorstellen, dass zur Verbesserung der künstlerischen Produktivität die Enquête-Kommission diesbezüglich Vorschläge unterbreitet. Wir brauchen nicht nur eine Vielfalt der Künste und Kulturen, wir brauchen auch eine Vielfalt an Produktionsformen.


TdZ:
Werden die Abgeordneten die Detailfragen verstehen?


W.Schn.: Ich kann nur der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass alle Politiker die gleiche Hochachtung ihren Kollegen, die etwas ausgearbeitet haben, entgegenbringen, wie die Kulturpolitiker wiederum den Rechtspolitikern, den Sozialpolitikern, den Gesundheitspolitikern.


TdZ:
Was schlagen Sie dem Bundestag für eine Kulturpolitik des Bundes vor?


W.Schn.:
Das Amt des Kulturstaatsministers muss aufgewertet werden und einen Kabinettsrang bekommen, der in unserer Kulturlandschaft einen Fürsprecher personifiziert. Wenn wir durch die Föderalismusreform schon einen derart reduzierten Auftrag des Bundes haben, muss man bündeln, um trotzdem die sogenannten gesamtstaatlichen Aufgaben in diesem Bereich wahrzunehmen. Man könnte in der nächsten Legislatur auch ein Ministerium für Kultur und Bildung kreieren, in dem vieles vereint wird, was sowieso zusammen gehört. Ich bin sogar der Meinung, dass auch die Auswärtige Kulturpolitik hinzukommen sollte, weil die doch immer wieder mit den anderen Säulen der Außenpolitik zu kämpfen hat. Ich halte viel davon, Kulturaußenpolitik und Kulturinnenpolitik stärker miteinander zu verbinden, zu vernetzen. Wer nach draußen geht und im Ausland deutsche Kultur repräsentiert, hat einen hohen Gewinn für sich als Künstler, wenn er mit Reputation und Erfahrung zurückkommt.


TdZ: Reden Sie eigentlich auch über Geld?


W.Schn.:
Nein, in diese Niederungen begeben wir uns nicht. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass wir stärker Zielvereinbarungen zwischen den Zuwendungsgebern und den Kulturbetrieben fordern. Dort könnten dann Umverteilungen an Kriterien wie Publikumsorientierung, Vernetzung von Kulturprogrammen oder Angebote mit Kunst für Kinder gebunden werden.


TdZ:
Da geht es um verordnete Innovationspflicht.

W.Schn.: Wir haben auch über den Tellerrand geschaut. Was die Franzosen mehr oder weniger erfolgreich mit ihrer médiation culturelle angezettelt haben, ist ja nichts anderes als der Versuch, Kultur stärker ans Publikum heranzutragen. Wenn ich sehe, wie audience development in Großbritannien zum ersten Förderauftrag geworden ist: Die haben eine Berichtspflicht und müssen nachweisen, wie sie dazu beigetragen haben, die Kunst ans Publikum zu bringen. Wenn ich sehe, wie die Niederlande so etwas wie einen Kunstplan erstellen und dann über vier Jahre – davon bin ich persönlich weniger ein Sympathisant – Themen vorgeben, die besonders berücksichtigt werden sollen. Oder wenn ich so sehe, wie die Norweger im Schulsystem einen „Kulturellen Schulrucksack“ etablieren, der allen Kindern von der ersten bis zu der zehnten Klasse ein Gutscheinpaket an die Hand gibt, damit sie Kunst und Kultur nutzen können … Wir haben viele Beispiele recherchiert. Da sollten die Deutschen nicht glauben, klüger zu sein als die anderen, sondern auch überlegen, was in das eigene System zu übernehmen ist.


TdZ: Können Sie wichtige Entwicklungen im Strukturwandel einer kulturellen Öffentlichkeit nennen?

W.Schn.: Es gibt einen Bereich, der sonst nicht so im Fokus der Öffentlichkeit steht: das Freiwillige Soziale Jahr Kultur mit einer sehr großen Nachfrage.


TdZ:
Was ist denn das?

W.Schn.: Sehen Sie, Sie kennen das auch nicht! Eine junge Generation verpflichtet sich für ein Jahr, in dieser Kulturlandschaft aktiv zu sein und lernt etwas kennen, was ihre schulische Kompetenz ergänzt. Das Angebot der Bundesregierung wird als Alternative zum Zivildienst anerkannt, steht aber auch Frauen offen. Seit 2004 gibt es jährlich etwa 500 Plätze, die bescheiden staatlich finanziert sind. Die Initiative wird von Trägern der Jugendhilfe übernommen und koordiniert. Die Kulturbetriebe selbst sind die Anstellungsträger. Das ist Basisarbeit, Kulturelle Bildung, die man sich selbst erarbeitet. Da wünschte ich mir mehr davon.

TdZ: Weitere Entwicklungen?


W.Schn.:
Noch nie ist – glaube ich – so viel Theater in Deutschland gespielt worden wie heute. Von Profis auf der Bühne, von Jugendlichen im Darstellenden Spiel oder auch durch die Theaterpädagogik. Es wird also Zeit, für ein Schulfach Theater in allen Schulformen und von der Grundschule an.

 

Das Interview ist erschienen in Theater der Zeit, Juni 2007