Heimspiel an Stadttheatern

Als die Kulturstiftung des Bundes im Jahr 2006 einen Fonds mit Namen „Heimspiel" für (Stadt-)Theater ausschrieb, trat sie eine Welle von beispielhaften Projekten los. Vom kleinen Stadttheater in Senftenberg bis zum großen Staatstheater in München wollte man sich plötzlich mit seiner Stadt und seinen Menschen auseinandersetzen und gemeinsam mit ihnen eine Aufführung stemmen. Ziel sollte es laut der Stiftung sein, neue Publikumsgruppen zu gewinnen und die Auseinandersetzung mit der Rolle des Theaters in der Gesellschaft zu befördern.

Jetzt sind die Vorreiterprojekte beendet und lassen eine erste Auswertung zu.

Die Kulturstiftung des Bundes selbst veröffentlichte in ihrem Magazin Heft 10 (2007) zwei umfangreiche Artikel zur Arbeit an den Stadttheatern in Weimar und Heidelberg, die Grundlage waren für die folgenden Kommentare.

 

 

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Ein Kommentar von Jan Gehler

Der Heimspiel-Fonds der Kulturstiftung des Bundes fördert Theaterprojekte, die neue Berührungspunkte zwischen Städten und ihren Bewohnern schaffen, d.h. im Klartext die in Deutschland öffentlich geförderten Theater bekommen finanzielle Mittel zugesprochen, wenn sie an die Peripherie ihrer Städte gehen, neue Orte erschließen, neue Themen gewinnen. Ein böser Schelm, der jetzt denkt, dass die Bundeskulturstiftung diesen Fonds eingeführt hat, weil das Theater in seiner institutionellen Form schnell dazu neigt in seinem eigenen elitären Kreis zu verhaften.

Schnell bewarben sich Stadt- und Staatstheater um diesen Fonds. Ob Weimar, Hannover oder Hildesheim, alle wollten ein Stück vom Kuchen abhaben und bekamen es auch. Viele spannende Projekte wurden entwickelt. In „My God Rides a Skateboard“ wurden Skaterinnen und Skater ins traditionsreiche DNT Weimar geholt, das Staatsschauspiel Hannover ging mit seinen Projekten raus in die Stadt, platzierte Container auf Schulhöfen, während das Stadttheater Hildesheim Bürger der Stadt auf den Theatervorplatz einlud.

Den Möglichkeiten scheinen offenbar keine Grenzen gesetzt.

Pardon, ein kleines Problem gibt es da noch: die Zeitbegrenzung. Alle haben sich nach erfolgreichen Projekten auf die Schulter geklopft. Doch was passiert danach. Dass die Kulturstiftung des Bundes den Stein ins Rollen gebracht hat, ist löblich und gut. Jetzt sind die Theater an der Reihe die Arbeit weiter aufzunehmen. „Theater, für wen eigentlich?“ Ein Diskurs ist entfacht, doch ohne Geld zum Nachlegen scheint das Feuer schneller auszugehen, als uns allen lieb ist. Der Heimspiel-Fonds darf keine Alibi-Veranstaltung sein. Theater muss aufklärerisch sein, muss vernetzen, muss ein Ort des Austausches sein, darf sich nicht in seinem Abo-Publikum verlieren oder sicher glauben. Mit mehr kreativ integrativen Projekten, die unter anderem durch den Fonds angestiftet wurden, hat das Theater auch die Möglichkeit neues Publikum zu erreichen. Theater darf sich nicht in unlesbaren Codes verlieren, muss an den Menschen und ihrer Umgebung dran bleiben, das Leben mitgestalten. Der Startschuss ist gegeben, das erste Heimspiel ist gewonnen, doch das nächste Spiel ist immer das entscheidende, mit oder ohne Fonds.

 

 

Subvention trifft Subkultur
Ein Kommentar von Nora Otte

»Was will das Theater, wenn es sich dem ‹kleinen Mann› von der Straße zuwendet? (...) Wenn ich es ernst meine, dass ich etwas verändern will im Leben der Leute, muss ich mich doch fragen, warum ich dann nicht Sozialarbeiter werde wie Mario.« argumentiert Eve Kolb, Schauspielerin am Deutschen Nationaltheater Weimar im Magazin der Kulturstiftung des Bundes (Heft 10).

Für Jugendliche gibt es kaum Plätze im Stadtbild. Ruhestörung ist das Schlagwort, das einen scharfen Keil zwischen Alt und Jung rammt. Aber welche Chancen haben Jugendliche, diese kulturelle Situation in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken? Das scheint die Chance für den Heimspiel-Fonds zu sein.

Mit dem Projekt „My God Rides a Skateboard“ holte das Deutsche Nationaltheater Weimar die Skater vom Theatervorplatz auf die große Bühne. Was auf den „Brettern der Welt“ passiert ist noch keine Politik, denn die jungen Menschen zeigen in erster Linie ihr Können und äußern ihr Anliegen nach mehr Raum für ihr Dasein. Die politische Dimension könnte sich im nachhinein zeigen, wenn derartige Projekte Nachhaltigkeit erfahren würden, wenn nach dem Theatererlebnis auch Taten folgten.

In Zeiten von Superstars und Topmodels, in denen einzig die Regel „Hop oder Top“ gilt, ist es wichtig, das Selbstbewusstsein der Jugendlichen für ihre individuellen Begabungen zu stärken und eine realistische Einschätzung des Lebens zu vermitteln. Der Heimspielabend erfordert selbstbestimmtes Handeln und die Bereitschaft zur Kommunikation. Das Theater scheint ein geeigneter Ort, an dem Fähigkeiten und Forderungen der Heranwachsenden im direkten Kontakt mit einem aufgeschlossenen Publikum aufgezeigt und verhandelt werden könnten.

Natürlich müssen Shakespeare und Co mit ihren Stücken an dieser Stelle erst einmal eine Nebenrolle spielen. Klartext ist angesagt auf der Bühne.

Die Begegnung zwischen dem ‹kleinen Mann› und dem selbstkreierten Theatererlebnis bietet allerdings die Chance, das Interesse bei den Teilnehmern für andere Formen von Theater zu wecken. Die direkte Arbeit mit Schauspielern, Regisseuren, Technikern, etc. könnte förderlich sein, um Barrieren gegenüber dem unbekannten Schnürbodenhaus abzubauen.

Theater kann und sollte sich als öffentliches Sprachrohr verstehen und versuchen, das Leben der Bürger zu verändern.

Das ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken und den eisernen Vorhang dafür zu öffnen ist ein wichtiger Schritt. Was kann bzw. muss Theater in unserer Zeit leisten? „My God Rides a Skateboard“ ist eine Antwort auf diese Frage. Und Sozialarbeiter Mario ist dadurch möglicherweise ein wenig entlastet.

 

 
Plattform für Spiellust?
Ein Kommentar von Alexandra Faruga

Heimspiel – so titelt die Kulturstiftung des Bundes einen Fonds, mit dem Projekte gefördert werden, die eine Anbindung des Theaters an die lokale Bevölkerung herstellen, neue Zuschauerkreise gewinnen und sich intensiver mit den Bürgern, ihren Vorstellungen und Wünschen auseinander setzen wollen.

Doch wo ist der Mehrwert dieser Projekte für diejenigen, die nicht direkt involviert sind? Der Regisseur des Projektes “My God Rides a Skateboard“ Sven Miller sagt, es gehe in erster Linie nicht um das künstlerische Resultat. Der Prozess sei wichtig. Der Prozess ist für die Teilnehmenden sicherlich sehr wichtig, doch wenn man sich entschließt, das Ergebnis auf die Bühne zu bringen, der Öffentlichkeit zu präsentieren, sollte man den künstlerischen Anspruch nicht aus den Augen verlieren.

Und hier zeigt sich die Schwierigkeit solcher Projekte mit Laiendarstellern.

Es bedarf fähiger Theatermacher und Pädagogen, die es verstehen, die Stärken und Besonderheiten der Mitwirkenden zu fördern und sie in einer angebrachten Form zu präsentieren.

Laiendarsteller haben besondere Qualitäten. Sie nehmen an solchen Projekten teil, weil Spiellust in ihnen brennt, sie sich mitteilen wollen, weil sie auf der Suche nach Austausch und Erfahrungen sind.

Wenn es gelingt, dieses Mitteilungsbedürfnis und die Spiellust in einen künstlerisch anspruchvollen Rahmen zu setzten, kann etwas wundervolles entstehen, das sowohl inhaltlich als auch ästhetisch eine Bereicherung ist, seine Relevanz hat und vielleicht mehr erzählen kann, als so manch anderes, das auf den Spielplänen der großen Theater zu finden ist.

Wenn es gelingt, den Stimmen der einzelnen Teilnehmer einen größeren Rahmen zu geben und auf mehr zu verweisen als auf sich selbst, so haben diese Projekte auch Relevanz für die Menschen, die außerhalb stehen, für die Zuschauer.

Und hier kommt zu der einen Frage „Theater, für wen eigentlich?“ noch die andere Frage „Welche Art von Theater?“ hinzu. Welche Inhalte sollen auf der Bühne verhandelt werden? Hier wird Theater zum Sprachrohr, zur Plattform um Gegebenheiten zu thematisieren und einen Austausch anzuregen. Einem Austausch auf mehreren Ebenen, zwischen Theater und den Menschen der Stadt, zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären, zwischen der Hoch- und der Subkultur.

Theater von den Menschen und für die Menschen um uns herum, das wäre die ideale Anbindung des Theaters an die lokale Bevölkerung.

 

 
Theater! Für wen eigentlich?

Ein Kommentar von Julia Schmolling

Vielleicht auch angeregt durch das tolle Gruppengefühl bei der Fußball WM 2006 in Deutschland schmiss die Kulturstiftung des Bundes den Heimspiel-Fonds auf den Markt und ermunterte so die Stadt- und Staatstheater, aus ihren Häusern in die unmittelbare Umgebung zu schauen und in Projekten zu erproben, was die Menschen wirklich interessiert. Es geht vor allem darum, ein neues Publikum zu gewinnen und zusätzlich zur Traditionsbewahrung und finanziellen Absicherung auch ein bisschen neue Kultur zu entwerfen. Und das macht man am besten, wenn man dran ist am Leben und das pulsiert bekanntlich auf dem Fußballplatz. Hochkultur und Subkultur, die Mischung macht’s, und so schickt man die Theaterschaffenden in die Vorstädte und schaut sich um nach Laien, denen etwas auf der Seele brennt und die etwas zu erzählen haben. Überall entstehen spannende und, darf man den Theatern glauben, äußerst erfolgreiche Projekte. In Weimar holte man mit dem Projekt „My God Rides a Skateboard“ die jugendlichen Skater vom Vorplatz des DNT Weimar auf die große Bühne, in Heidelberg besann man sich auf die traditionsreiche Liederfibel „Des Knaben Wunderhorn“ und sammelte ein Jahr lang eifrig aktuelle Texte und Lieder in der Bevölkerung. Es brodelte an allen Orten. Doch hoppla, ist das nur ein schnelles Strohfeuer, eine neue Mode? Ist es schick, sich mit der Peripherie zu verbandeln? Oder geht es tatsächlich um die Zukunft der Theater? Die Zeiten des Repertoire sind vorbei, das ist, gemessen an der Vielzahl der Bewerbungen um den Fonds sicher auch den Theatern klar, aber wissen sie auch, dass der Fonds, nur Anregung sein kann, der Ruck in die richtige Richtung? Denn was bleibt nach dem Projekt? Für die fehlende Skater-Rampe in Weimar zumindest wurde ein Parkplatz der örtlichen Sparkasse gefunden. Kann sich das Abo-Publikum also beruhigt in die samtenen Sitze zurücklehnen und sich begeistert von dem kleinen Intermezzo erzählen? Oder will das Theater weiterhin das Leben der Menschen mitbestimmen?

  

Freie Theater als Stadttheater?
Ein Kommentar von Sascha Hermeth

Die Vorboten einer besseren Theaterpolitik klopfen an die Tore deutscher Städte!

Der Heimspiel-Fonds der Kulturstiftung des Bundes fördert nämlich jetzt Theaterprojekte, die eine stärkere Partizipation breiterer Schichten der Stadtbevölkerung am kulturellen und ästhetischen Know-How ermöglichen.

Insbesondere die freien Theater sind für diese Aufgabe geradezu prädestiniert, weil sie am ehesten die Tendenz haben, Theaterformen an anderen Spielstätten und unter veränderten Produktionsbedingungen zu entwickeln. Diese Ausrichtung ist nicht alleine damit zu begründen, dass sich freie Theatergruppen oftmals gezwungen sehen, Alternativen zu den etablierten Spielstätten zu suchen. Vielmehr gibt es seit jeher einen Diskurs über die Verantwortung der Kunst und infolgedessen zahlreiche Theaterkünstler, die mit ihrer Arbeit eine stärkere Anbindung an sozio-kulturelle Gegebenheiten verfolgen.

Die institutionen-abhängige Theaterförderung in Deutschland hat sich in vielerlei Hinsicht ungünstig auf die Theaterlandschaft ausgewirkt. Grundsätzlich ist die Förderung Sache der Kommunen, denen es wegen knapper Etats jedoch in erster Linie um den Erhalt der Stadttheater geht. In der Folge agieren die freien Theater mit Ressourcenknappheit und die Etablierten konservieren die Tradition. Projektförderung ist oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Fördermittel zudem werden umgekehrt proportional zur “Bedürftigkeit” ihrer Empfänger vergeben. Die Oper schöpfte den Großteil der Subventionen der öffentlichen Hand ab, obwohl sich diese Bühnenform extrem spezialisiert hat und ihr Rezipientenkreis in ökonomischer Hinsicht als der geringst-bedürftigste bezeichnet werden kann. Einerseits wurde also trotz Förderung der Großteil der Menschen dem Theater entfremdet. Und andererseits das Potential der freien Theater durch eine allzu einseitige Förderung vernachlässigt.

Der Heimspiel-Fonds verschiebt den Fokus bewusst auf einen partizipativen Ansatz und somit auch auf eine Veränderung des Rezipientenkreises. Dieses scheinbar formale Kriterium hat logischerweise inhaltliche Konsequenzen – eine Änderung der Kunst.

Und wenn sich die Theaterform ändert, bedarf es Theatermacher mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen für ein “Theater außer sich”.

Dies sind eben die zahllosen freischaffenden Theatermacher, denen es ja ohnehin selten an Ideen mangelt. Diese können sich theoretisch mit ihren Projektvorschlägen an den oder die IntendantIn des nächstgelegenen Stadttheaters wenden. Das ist eine Chance. Und praktisch ist dies auch schon hin und wieder so geschehen.

Aber allzu blauäugig sollte die Initiative der Kulturstiftung nicht bewertet werden. Der ironischen Überspitzung einer Verstaatlichung der freien Theater wohnt eine Polemik über die weiterhin wenig fürsorglichen Förderstrukturen aus Sicht der deutschen Theaterlandschaft im Ganzen und der freien Szene im Besonderen inne.

Es bleibt zu hoffen, dass die Gäste an den Stadttoren nicht nur freundlich eingelassen werden, sondern auch wegen einer nachhaltigen Gastfreundschaft gerne dauerhaft verweilen.

 

 
Besucher-Beschaffung.

Ein Kommentar von Sabine Stein

Dem Theater entwächst sein Publikum. Was das heißt? Um eine Antwort zu bekommen, muss man nur eine Aufführung im Stadttheater besuchen und den Blick entgegen normaler Rezipientenrichtung schweifen lassen, nämlich in den Zuschauerraum. Dort sieht man ein treues Publikum, dessen einziges Manko in seinem überdurchschnittlichen Durchschnittsalter liegt.

Das macht den Theaterschaffenden Kopfzerbrechen, denn, wenn die jetzige Besucherschaft mal nicht mehr ist – was so in den nächsten zwanzig Jahren der Fall sein kann – was dann?

Dank des Heimspiel-Fonds sind in verschiedenen Städten in der letzten Zeit Menschen ins Scheinwerferlicht gerückt worden, die bisher dort nichts zu suchen hatten. Vom Kindergartenkind zum Skater, vom Asylbewerber bis zum Harz IV Empfänger. Jeder darf mal die heiligen Bretter betreten und bestaunen.

Die Einmaligkeit dieser Projekte nimmt ihnen jedoch die nachhaltige Wirkung und sorgt für reichlich kritische Fragen. Denn das Präsentieren von Randgruppen vor dem gehobenen Abonnentenpublikum bekommt schnell einen Zoocharakter. Je nachdem wie feinfühlig die Teilnehmer auf der Bühne inszeniert werden, kann der Versuch, Minderheiten eine Stimme zu verleihen, auch zur Ausstellung ihrer Andersartigkeit führen. Nach dem Motto „ist ja mal ganz interessant“ werden dann Meinungen, Wünsche und Lebensnöte als ästhetisches Konzept verkauft. Weitere Defizite lassen sich u.a. am Beispiel einer Informationsveranstaltung über eines jener Projekte beschreiben. Auf die Frage, ob sie denn nun, nach Ende ihres Projekts, noch ins Theater gehe, antwortete eine Teilnehmerin: „Nee, das is doch nix für Leute wie mich!“ Eine Aussage wie diese – auch wenn sie nur eine Meinung unter vielen ist – dürfte dem Image des Heimspiel-Fonds ein empfindliches Eigentor verpasst haben. Denn, wenn mit der Initiative mehr als ein kurzes Aufeinandertreffen zweier Welten gewünscht ist, dann bleiben diese Projekte durch ihre Kurzlebigkeit der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Und dem Stadttheater eine Zukunft mit leeren Sitzreihen.

  

Streetcredibility vs. Schiller?
Ein Kommentar von Alexandra Müller

 
Eine junge Regisseurin, befragt nach ihrer Arbeit, sagte einmal in einem Interview: "Theater ist ein Eliteding und wird es auch immer bleiben. Da mache ich mir gar keine Illusionen. Den Großteil der Bevölkerung interessiert es einen Scheißdreck, was ich mache." Der Heimspiel-Fonds der Bundeskulturstiftung versucht das Gegenteil. Er will aus den snobistischen Stadttheatern herauslocken und sie auf ihre "Streetcredebility" testen.

 Vereinzelte Projekte solcherart können vielleicht blitzlichtartig in der Theaterlandschaft aufleuchten. Der ein oder andere Jugendliche wird vielleicht in einem Straßenprojekt über "seine" Sprayerszene (siehe Theater Weimar) merken, dass das städtische Theater doch nicht so uncool ist, wie er es in der Schule gelernt hat. Aber selbst hundert Stadttheaterarbeiten werden den Schauspielbühnen nicht mehr die Funktion zurückgeben können, die sie vielleicht (weit) vor der Erfindung des Fernsehens einmal hatten.

Möglicherweise aber kann das eine oder andere radikale Projekt, das die Grenzen des bildungslastigen Stadttheaters sprengt, die etablierten Theatermacher daran erinnern, dass die Kulturbetriebe der dramatischen Künste auch einmal eine andere Funktion hatten. Dass Schillers "Räuber" mal etwas waren, das nicht zu einem etablierten Kanon gehört hat, den man sich in schwarzem Rollkragenpullover und Perlenkette anschaut und dabei zustimmend nickt, weil der Regisseur vielleicht ordentlich gegenwärtig mit den neuen Medien arbeitet.

Der Heimspiel-Fonds müsste das Stadttheater ein bisschen kitzeln und daran erinnern, dass die öffentliche Förderung, die es bekommt, nicht selbstverständlich ist. Dass vielleicht eines Tages das Theater sich darüber Gedanken machen sollte, wie es eine, wie auch immer geartete, gesellschaftliche Notwendigkeit bekommt oder behält, je nach Interpretation.

Eine Notwendigkeit, die vielleicht auch mal außerhalb der Schere Bildung ODER Unterhaltung entstehen könnte. Eine Notwendigkeit, die damit spielt, dass das Theater ein Medium ist, das Menschen immer noch direkt erreichen kann:

Da sind echte Menschen auf der Bühne, mit echten Körpern und echten Geschichten und sie können Menschen noch mit einem anderen Funken "Authentizität" berühren, als es ein selbstgemachtes Youtube-Video kann.

Auch, wenn Theater ein Eliteding ist und gerne auch mal bleiben darf (weil ein Schillerfan und ein Holiday on Ice-Anhänger sich schwer auf ein und denselben Theaterabend einigen können werden), hat das Theater trotzdem die Chance, ab und zu einen solchen Abend zu schaffen: Indem es in sein direktes Umfeld geht und schaut, was "sein Publikum" UND sein Nicht-Publikum bewegt. Dass das besonders subventioniert werden muss ist traurig – aber es ist nun einmal so. Vielleicht sollte ab und an einfach mal die ein oder andere hochmodern intermediale Räubervorstellung gestrichen werden – zu Gunsten der Sprayerstory von nebenan. Denn eines verbindet sowohl die so genannten "Elite" mit dem Rest der Welt: Die Realität.

 

Jan Gehler, Nora Otte, Alexandra Faruga und Julia Schmolling studieren „Szenische Künste“, Sascha Hermeth und Sabine Stein studieren „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ und Alexandra Müller studiert „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hildesheim.

Redaktion: Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Friederike Lüdde