Dramen sind Kunst in der Zeit

Kategorie: Das Stadttheater - Reif für Reformen
Veröffentlicht am Dienstag, 27. Mai 2008 20:37

Ein Beitrag aus dem aktuellen Spielzeitheft des schauspielhannover

 
Bei unserer ersten Begegnung kam ich mir so peinlich vor wie eine Kandidatin für „Deutschland sucht den Superstar“, die von Dieter Bohlen beim schiefen Einsingen erwischt wird. Es war vor sieben Jahren am Deutschen Theater Göttingen. Wir saßen in dem Theater-Bistro und aus irgendwelchen Gründen hatte der joviale Chefdramaturg entschieden, es sei Zeit für einen Nachmittagscocktail. Er orderte hohe Gläser mit grellbunten Mischungen, aus denen (nach meiner Erinnerung) meterlange Obstspießchen und Lametta-Wedel hervorstaken – die Sorte Drink, an der man in Berliner Clubs die Touristen aus Waldkirch erkennt, die auch gerne cool sein wollen, obwohl sie einfach nur lächerlich aussehen. In diesem Moment trat ein dunkel gelockter Mann mit einem jungenhaften Gesicht an den Tisch und sagte: „Hallo, ich bin Lutz Hübner.“ Ich wusste nicht, ob ich lieber den Chefdramaturgen erwürgen oder davon sprinten wollte, es war aber für beides zu spät. Lutz setzte sich und wir begannen zu reden, über Literatur und Theater allgemein, dann über politisches Theater und schließlich über unser mögliches gemeinsames Projekt. Es war, als gäbe es das Bistro und seine grausamen Cocktailkreationen gar nicht, sondern als wären wir in seinem Arbeitszimmer mit deckenhohen Bücherwänden und Schränken, in denen jedes Stück über eine Material-Schublade mit Etiketten wie „creeps“ oder „Hotel Paraiso“ verfügt, und in dem wir im Lauf der Jahre häufiger sitzen sollten (bei Kaffee und Zigaretten, wie es sich gehört), weil aus dem Projekt etwas wurde und weitere folgten.

In dem Jugendstück „creeps“, das im Ballhof zwei zu sehen ist, geht es um drei Mädchen, die bei einem Fernsehcasting gegeneinander antreten. Die erste von ihnen, Maren Terbuyken, hat ein großes Anliegen und wenig Talent für Äußerlichkeiten. Sie ist genau die Sorte Kandidatin, die Dieter Bohlen schlachten würde (und der unsichtbare Aufnahmeleiter im Stück tut es auf seine Weise auch). Doch von Seiten des Autors passiert genau das Gegenteil: So komisch Maren ist und so sehr sich im Laufe des Stücks ihre innere Anspannung und Verzweiflung offenbaren, so sehr lässt Hübner ihr ihre Integrität. Er zeigt ihre Schwächen, aber er führt sie nie vor. Er porträtiert schonungslos ihre geringen Chancen im Leben, aber er erklärt sie nicht für erledigt. Dieses nervige Mädchen, das hinter seinen Haltungen kaum weiß, wer es ist (und sich deshalb in die Medienwelt retten möchte), wird am Ende doch sympathisch und interessant.
Zwischen der Unvoreingenommenheit Hübners gegenüber der gefühlten Maren, die ich in Göttingen war, und der Perspektive seines Werks besteht ein Zusammenhang. Eigentlich geraten bei ihm ja dauernd Menschen in missliche bis groteske Situationen – man denke nur an Klaus Stinner in „Für alle das Beste“, der sich eines Nachts mit seiner Jugendliebe amüsiert, während seine demente Mutter im Badezimmer beinahe umkommt. Der 40jährige Journalist aus Berlin-Mitte, der im Club zweifellos immer den richtigen Cocktail wählen würde, zeigt sich in der Familiensituation hoffnungslos überfordert. Dennoch gibt es keine hohe Warte, von der aus Lutz Hübner ihn beurteilt. Die Moral seiner Stücke liegt in der Stoffwahl – Jugendnöte, Altersängste, Familienkonflikte (in deutschen wie in ausländischen Familien), Politikversagen – nicht in der Botschaft. Als politisches Theater markiert es den Gegenpol zu dem in Hannover ebenso vertrauten Regisseur und Stoffentwickler Nicolas Stemann und dessen Diskurstheater. „Erst einmal kommt die Geschichte von Menschen, auf die dann das Politische zurückschlägt“, lautet Lutz Hübners Credo. Dieses „erst einmal“ ist nicht nur zeitlich oder dramaturgisch gemeint, sondern ethisch: Der Mensch ist in seiner Würde unantastbar, er ist auch nicht auflösbar in strukturelle Determinanten und Theoriefragmente. Ich glaube, das ist der Grund, warum sich die Zuschauer seinen Stücken so gerne anvertrauen, warum man sich von den Marens und Klaus’ nicht innerlich abwendet, sondern mitleidet: Es hat etwas Tröstliches, als würde man zu sich selbst in seinen gröbsten Momenten stehen. Bei keinem Gegenwartsdramatiker habe ich so viele Menschen im Publikum weinen sehen, inklusive meiner nicht zur Rührseligkeit neigenden Mutter. Und schon gar nicht habe ich es erlebt, dass diese Menschen hinterher strahlen und glaubhaft versichern, es sei ganz großartig gewesen. „Wenn die emotionale Wahrheit der Stücke stimmt, kann man die Leute abholen, und sie gehen mit“, sagt Lutz Hübner zu dem, was ein Theoretiker als Katharsis in Reinform beschreiben würde.
Eine andere Begegnung, die sich mir eingeprägt hat, fand am Rande des Theatertreffens 2005 statt. Barbara Bürks Inszenierung von „Hotel Paraiso“ des schauspielhannover gastierte im Haus der Berliner Festspiele und wurde von 3sat übertragen. Die vielen Kameras im Saal, die High-Tech-Wagen draußen und die überall präsenten Logos des Theatertreffens und des Senders machten die Atmosphäre angespannt und offiziös. Da sah ich Lutz Hübner und seine Frau Sarah Nemitz über den Rasen vor dem Theater laufen. Sie winkten und verschwanden in einem der Wagen, um, wie sie riefen, die Aufführung auf dem Monitor zu verfolgen. Es war ein natürlicher Moment in dieser doppelt und dreifach künstlichen Situation, eine Art intuitiver Bewegung inmitten lastender Erwartungsstarre. Auch das findet sich in den Stücken (an deren Entstehung Sarah Nemitz lebhaft beteiligt ist) wieder: Sie surfen lieber unter der Bedeutungsebene hinweg und adressieren konkrete Erlebnisse und Erfahrungen. Sie siedeln sich dort an, wo persönliche Geschichten (wie der Konflikt einer Familie mit einem unberechenbaren Kind oder einer dementen Mutter) in gesellschaftliche Trends umschlagen – und werden damit zum Stoff für politisches Theater im Sinne Hübners. „Gotteskrieger“ etwa handelt davon, wie ein augenscheinlich gut integrierter junger Moslem in den Terrorismus rutscht. Es wurde 2005 bei seiner Uraufführung im Berliner Maxim Gorki Theater ungläubig bis ungnädig aufgenommen. Doch wenige Wochen später ereigneten sich in London die Anschläge. Ich weiß manchmal nicht, was mich mehr überrascht: der sichere Instinkt, mit dem Lutz Hübner in der Luft liegende Entwicklungen aufgreift, oder die ebenso große Zuverlässigkeit, mit der die meisten anderen Autoren diese Chance vergeben. Mit Ausnahme von Moritz Rinke und seinerzeit Urs Widmer gibt es keinen Dramatiker, der die gesellschaftlichen Themen, über die man jeden Tag in der Zeitung liest und die fast jeden persönlich beschäftigen, so konkret auf Figuren und Geschichten herunterbricht.
Das Entstehen seiner Stücke selbst hat etwas Organisches. Nach Sarah Nemitz sind auch der Verleger, Regisseur, Dramaturg und sogar die Schauspieler daran beteiligt, Themen zu entwickeln, Fokus und Figuren zu schärfen. Im Falle des „Bankenstücks“ am Maxim Gorki Theater 2004 entwickelten sich die Szenen während der Proben mit dem Regisseur und damaligen Intendanten Volker Hesse in einer völlig offenen Form. Das heißt nicht, dass jeder hineinquatschen kann und Dialoge oder Szenen bis kurz vor Schluss umgeschrieben werden. Es gleicht mehr einem Prozess der Sedimentierung, in dem sich Erfahrungen und Anregungen niederschlagen, die Hübner filtert und verarbeitet. Aber es bedeutet, dass der Text und der Autor nicht heilig sind. Lutz Hübner steht dazu, „Gebrauchstheater“ zu machen (was von manchen Feuilleton-Kollegen als Vorwurf gemeint ist), weil er sich gar nicht vorstellen kann, was ein Theaterstück anderes sein sollte: „Dramen sind ein handwerkliches Produkt, das erst auf der Bühne vollendet wird. Sie sind immer Kunst in der Zeit“, sagt er.
Er fühlt sich als Autor nicht über den Dingen, gleichzeitig aber weiß er sein Werk durchzusetzen und zu schützen, notfalls sogar gerichtlich wie in dem langwierigen Prozess um „Ehrensache“ – dem Stück über tödliche Gewalt gegen ein junges Mädchen. Eine Mutter sah darin ihre Tochter verunglimpft und klagte. Nach der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die auch eine Entscheidung für die Freiheit der Kunst ist, darf das Stück endlich doch gespielt werden. Hübners Souveränität hat vielleicht auch damit zu tun, dass er sich mit dem Theater- und Kulturbetrieb gut auskennt. Geboren 1964 in Heilbronn, studierte er zunächst Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Universität Münster, ehe er in Saarbrücken zum Schauspieler ausgebildet wurde. Sein erster erfolgreicher Text „Gretchen 89ff.“ entstand „als kleines Kabarett für Sarah und mich“ wie er sich erinnert. Der durchschlagende Erfolg der komischen Versuchsanordnung, in der sich die verschiedensten Typen von Regisseuren und Schauspielerinnen vordergründig an Goethe abarbeiten, ließ ihn weitermachen. „Der Einstieg begann ohne große Entscheidung im Sturmwind auf den Klippen. Es war relativ prosaisch: Der Appetit kommt mit dem Essen“, fasst er den Beginn seines Wegs zu einem der meistgespielten Theaterautoren zusammen.
In seinem neuen Stück „Geisterfahrer“, sagt die Übersetzerin Miriam an einer Stelle zu der Arztfrau Silke: „Kennst du dieses Bild vom jungen Lagerfeld, wo er einen Strauß weißer Lilien aus dem Fenster wirft? Da ärgert man sich, wie normal man ist. Ein hocheleganter, attraktiver Mann, der Blumen aus einem Pariser Fenster wirft, mit einem wunderbar arroganten Gesichtsausdruck. Man bekommt sofort Lust, es auch zu tun.“ Was Lutz Hübner betrifft, bin ich froh, dass er so normal ist und dass er daraus ohne jegliche Überheblichkeit soviel Kapital für das Theater zu schlagen weiß.

Henrike Thomsen lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin u.a. für Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die taz und den Spiegel. Auf Einladung des schauspielhannover schrieb sie dieses Porträt über Lutz Hübner.
 


Zum Stück
Nach jahrelangem Aufenthalt in Brasilien kehren Miriam und Johannes nach Hannover zurück. Bei einer Zwangsversteigerung erhalten sie den Zuschlag für eine Eigentumswohnung und alles scheint perfekt zu sein: Die Wohnung ist schön, und die beiden anderen Eigentümerfamilien des Hauses empfangen die Neuen mit großer Herzlichkeit. Chefarzt Harald, seine Frau Silke, Psychologin Gaby und ihr Mann Pitt sind heimlich erleichtert, dass nach der schwierigen Zeit mit den Vorbesitzern nun ein so sympathisches Paar eingezogen ist. Alle sechs sind gleichermaßen gespannt und neugierig aufeinander. Die unkonventionelle Miriam bringt Pitt, den resignierten Jazzmusiker, mehr durcheinander, als es seiner Frau lieb sein kann. Der dominante Harald will Johannes in seine wöchentlichen weinseligen Männerrunden integrieren, bei denen hauptsächlich er das Wort führt. Erst nach und nach wird den Zugezogenen klar, welche Hypothek sie tatsächlich mit der neuen Wohnung aufgenommen haben. Unheimliche nächtliche Anrufe und unterschwellige Aggressionen zwischen den Paaren vergiften die Atmosphäre so sehr, dass Miriam einen Fluch über dem Haus vermutet. Schließlich findet sie heraus, dass die vier alten Weggefährten schon einmal tatenlos zugesehen haben, wie ein ehemaliger Freund zum verzweifelten Geisterfahrer wurde.

Lutz Hübner (Autor)
arbeitet seit 1996 als Schriftsteller und Regisseur. Er veröffentlichte zahlreiche preisgekrönte Jugendstücke, die das Lebensgefühl Jugendlicher auf der Schwelle des Erwachsenwerdens schildern – unter anderem wurden „winner & loser“, „Nellie Goodbye“ und „Die letzte Show“ im Ballhof zwei uraufgeführt. In seinen Stücken, wie „Für alle das Beste“ oder „Blütenträume“, zeichnet Hübner mit großem Gespür für die Komik und die Abgründe des Alltäglichen lebensnahe Figuren. Die hannoversche Uraufführung seines Dramas „Hotel Paraiso“ (Regie: Barbara Bürk) wurde 2005 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „Für alle das Beste“, ein Stück über das Altern und die Probleme beginnender Demenz, wurde 2006 ebenfalls in der Regie von Barbara Bürk in Hannover uraufgeführt und zum Berliner Jugendtheatertreffen eingeladen.

Barbara Bürk (Regie)
wurde 1965 in Köln geboren. Sie studierte Regie an der Theaterakademie in Ulm. Neben ihrer kontinuierlichen Arbeit am schauspielhannover, mit insgesamt acht Inszenierungen in den vergangenen neun Jahren, arbeitet sie an den Theatern in Freiburg und Basel. Zuletzt war von ihr Hauptmanns Tragikomödie „Die Ratten“ im Schauspielhaus zu sehen.