Ist Theatermachen ein Luxusjob?

Radikal junge Regisseure reflektieren über Regie


Junge Regisseure sind zurzeit sehr gefragt, doch der Markt ist hart umkämpft, und jedes Jahr kommen neue Regieabsolventen dazu, die ihr Glück erproben wollen. Wer längerfristig Erfolg hat und auch nach Misserfolgen weiter Unterstützung erfährt, kann sich glücklich schätzen: "Theatermachen ist ein Luxusjob", wie der Regisseur Thomas Schweigen, der mit seinem Stück "Second Life" beim diesjährigen "Radikal Jung"- Treffen in München dabei war, bei der Abschlussdiskussion des Festivals provozierend bemerkte.

Vom 27. April bis zum 4. Mai 2008 fand zum vierten Mal das Theaterfestival "Radikal Jung" im Münchener Volkstheater statt. Neun herausragende Inszenierungen junger Regisseure aus dem deutschsprachigen Theaterraum trafen aufeinander, die von der dreiköpfigen Jury, bestehend aus dem Theaterpublizisten C. Bernd Sucher, dem Dramaturg Kilian Engels und der Schauspielerin Annette Paulmann, ausgewählt wurden.

Zum ersten Mal waren mit der Israelin Yael Ronen und ihrer Neuinterpretation von "Antigone" sowie dem Ungar Viktor Bodó und seiner surrealen "Alice"- Inszenierung, auch zwei Regisseure dabei, die bisher außerhalb des deutschen Sprachraums inszenierten.
Die Festivaljury konzentriert sich auf Inszenierungen, die auf dem professionellen Theatermarkt in Staats- und Stadttheaterinszenierungen bestehen müssen und klammert Hochschulinszenierungen aus.
Das "Körber Studio Junge Regie" in Hamburg hingegen, das seit 2002 besteht, würdigt einmal jährlich speziell Inszenierungen aller deutschsprachigen Regiehochschulen. So ergänzen sich diese Festivals, die beide das Ziel haben, den Regienachwuchs zu fördern.

Das Münchener Treffen der jungen Regisseure, wurde von Jette Steckels Inszenierung eröffnet. Ihre eigenwillige Adaption von Edward Bonds "Gerettet" ist eine Produktion des Thalia Theaters Hamburg.

Jette Steckel ist erst 25 Jahre alt und wurde schon letztes Jahr von "Theater heute" zur Nachwuchsregisseurin des Jahres 2007 gekürt. Ist sie ein "Paradebeispiel" der neuen und jungen Theatergeneration?
Für Jette Steckel, die schon bei ihrem zweiten Studienprojekt in ihrer Hamburger Regieschule entdeckt worden ist und schon ein Jahr vor Studienabschluss am Thalia inszenierte, bedeutet die Einladung zum "Radikal Jung"-Festival die Fortsetzung ihrer noch jungen aber radikal steilen Karriere. In einem Interview in der Juni- Ausgabe von "Theater heute" erklärt sie: "Junge Regisseure sind ja im Moment in Mode, der Markt funktioniert. Was machen wir bloß, wenn wir nicht mehr junge Regisseure sind?"
Die Regisseurin Seraina Maria Sievi, die mit Juliane Kanns Stück "the Kids are allright" vertreten war, erläuterte beim Münchener Abschlussgespräch, dass der Beruf des Theaterregisseurs nur mit Biss und viel Engagement möglich sei. Und das gilt schließlich bei jungen, wie auch bei älteren Regisseuren.
Die Regisseure wehrten sich bei der Podiumsdiskussion dagegen, einen politischen Stempel aufgedrückt zu bekommen, so wie es die zum vierten Mal erscheinende Begleitpublikation mit dem Titel "Politische und mögliche Welten" zu suggerieren versuchte. Alle jungen Regisseure waren sich einig, dass sie nicht als "politische Weltverbesserer" verstanden werden möchten.
"Ich bin weder radikal noch jung", stellte Robert Lehniger bei der Diskussion resümierend fest und erntete bei dem "Radikal Jung"-Publikum einen Lacher und bei seinen Kollegen zustimmendes Nicken.
Robert Lehniger war mit der Inszenierung von "Robinson Crusoe oder Friday, I’m in love" des Schauspiel Frankfurt eingeladen, das die Handlung des Klassikers von Daniels Defoes nur streift, dafür aber eine Vision auf die Bühne bringt, die das Theater als kollektiven Prozess reflektiert.
Für Simon Solberg ist Theater "Utopien spinnen" und "Quatsch machen, den man sich draußen nicht leisten kann". Dass er Utopien spinnen und diese auch noch wunderbar inszenieren kann, beweist er in seiner "Don Quijote"- Inszenierung nach dem gleichnamigen Klassiker von Miguel de Cervantes, dessen heimlicher Star ein einfacher aber verwandlungsfähiger Zollstock ist.
Bettina Bruinier, die den Publikumspreis für ihre Bühnenadaption von Juli Zehs "Schilf" gewann, erörterte, dass für sie Theater in erster Linie ein Ort für Visionen und ein Ort der Auseinandersetzung ist, der nicht gleich politisch sein muss, wobei letztlich nicht geklärt wurde, was unter dem Begriff "politisch" verstanden wird. Für sie ist Theater ein Raum, um öffentlich denken und fühlen zu können. Und das ist wahrscheinlich der größte Luxus und auch das größte "politische" Gut.