Bist du Deutschland? Die Deutschlandsaga an der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin

Während die großen bundesdeutschen Medienkonzerne mit ihrer Social-Marketing-Kampagne "Du bist Deutschland!" danach trachten ein neues, positives Nationalgefühl der Deutschen heraufzubeschwören, fragt man sich an der Berliner Schaubühne anlässlich des 60. Geburtstags der Bundesrepublik was das eigentlich ist: Deutschland? Das verwundert, denn geschichtliche Jubiläen und Ereignisse sucht man im zeitgenössischen Theater vergebens. Da geht es um Beziehungen, Freundschaften – Personenkonstellationen im Hier und Jetzt, nicht aber um die deutsche Vergangenheit.
Dieser Tatsache versucht das von Thomas Ostermeier geleitete Theater im Moment mit dem groß angelegten Dramenprojekt "60 Jahre Deutschland. Annäherung an eine unbehagliche Identität" entgegenzuwirken.
Anlässe sich mit dem historischen Standort Deutschland zu beschäftigen gibt es in der Spielzeit 2008/2009 genug: Der Beginn des Zweiten Weltkriegs jährt sich 2009 zum 70. Mal, zehn Jahre später die Geburtsstunde der Bundesrepublik und der DDR; 1968/69 brach mit der Studentenbewegung eine turbulente Zeit für die deutsche Gesellschaft an und 1989 schließlich fiel die Berliner Mauer.
Der Großteil dieser prägenden Momente jedoch ist den zeitgenössischen Dramatikern lediglich aus dem Geschichtsunterricht oder den Erzählungen der Eltern und Großeltern vertraut, sie sind keine Zeitzeugen. Zu fern sind die Ereignisse ihrer eigenen Lebenswelt, womöglich zu fern um darüber zu schreiben?
Diese Ausrede lässt die Schaubühne im ersten Schritt von "60 Jahre Deutschland" nicht gelten, denn das Schicksal des Nachgeborenen wird hier zur Tugend gemacht: Die bereits im Herbst 2007 angelaufene Uraufführungswerkstatt "Deutschlandsaga" nahm sich bis April 2008 jeden Monat ein Jahrzehnt der deutschen Nachkriegsgeschichte vor. Dabei sollten die Kurzdramen aus dem historischen Abstand den Fragen nachgehen, welche Ereignisse für erinnerungswürdig gehalten werden und auf welche geschichtlichen Gründungsmythen sich eine junge Generation bezieht, wenn sie ihre eigene Identität aus der Vergangenheit ableitet.
Gemäß Odo Marquards Ausspruch "Ohne Herkunft keine Zukunft" wird die junge Theatergeneration (die Inszenierung übernehmen die beiden Theaterregie-Studenten Robert Bormann und Jan-Christoph Gockel) nach den identitätsstiftenden Momenten der Vergangenheit befragt.

Neue Stoffe für das Theater

Seit dem Abschluss der monatlichen Präsentationen sind die Antworten des Deutschlandsaga-Teams in einem Best-of zu erleben. Dieser Abend eignet sich hervorragend zur Ãœberprüfung des Unterfangens: Taugen die entstandenen Dramenansätze zur Auseinandersetzung mit der Geschichte? Oder bleiben sie im Klischee stecken? Gelingt es den Autoren dramatisches Potential aus den Ereignissen zu schlagen? Oder ist der historische Kontext eine lästige Bürde?
Der Zuschauer erlebt einen auf verschiedenen Ebenen äußerst heterogenen Abend: Die Inszenierung der Kurzdramen reicht von einem konventionellen, naturalistisch anmutenden Auftakt ("Fräuleinwunder", "Kill Willy"), über den performance-lastigen Positionstausch zwischen Akteuren und Zuschauern ("Freiburg" "Big Mitmache"), bis hin zur musealen Anordnung einzelner Spielstationen im Raum ("Die Mechanik der Ereignisse").
Genauso unterschiedlich wie die inszenatorische Arbeit der Regisseure sind auch die Vorlagen der Autoren. Das erste Stück des Abends, "Fräuleinwunder" von Johanna Kaptein, bleibt - trotz der Kürzungen für den Best-of Abend - kryptisch und ohne jede dramatische Brisanz. Der Monolog einer jungen Frau in den 70ern wie ihn uns Claudius Lünstedts Text "Freiburg" zeigt, ist da wesentlich eindringlicher. Im Jahrzehnt der RAF präsentiert uns Lünstedt eben nicht die Terroristin, sondern eine junge Frau, die die Eltern- und Nazigeneration genauso ablehnt wie die mörderischen Aktionen der Gleichaltrigen.
Am Ende des Abends ist klar, dass die Intention der Schaubühne der "thematischen Enge" der zeitgenössischen Dramatik zu entkommen und "neue Stoffe für das Theater zu erschließen" sich nicht immer eingelöst hat. Natürlich mag daran auch der Auftragscharakter des Projekts Schuld tragen, denn wie bei jeder Auftragskunst ist der Inhalt den Autoren zunächst mal kein persönliches Anliegen, sondern eben ein Auftrag. Nichtsdestoweniger ist das Engagement der Schaubühne als theaterpolitische Intervention zu werten, die dem Haus Begegnungen mit jungen Autoren und neuen Themen beschert. Dies kann niemals schaden. Des Weiteren ist mit der "Deutschlandsaga" lediglich die erste Stufe des bis April 2009 angesetzten Projekts erklommen. Ihr folgen der Komödienwettbewerb "Deutschlands missratene Kinder", sowie die Entstehung von fünf Stücken profilierter Autoren unter dem Titel "Zusammenbrechende Ideologien. Identitätsstiftung aus der Krise."
Insgesamt entstehen beinahe 30 dramatische Texte über die Entwicklung Deutschlands seit 1949. Die Qualität der einzelnen Werke mag stark divergieren und sicherlich hat nicht jeder Text das Potential zur Wiederaufnahme. Dennoch wird ein Zuwachs an junger Dramatik erreicht, den die Kulturstiftung des Bundes für förderungswürdig (500 000 Euro) erachtet.
Das Publikum zieht aus dem "60 Jahre Deutschland" -Projekt bestenfalls die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Nation, in der sie leben. Indem von den 50ern bis zu den 00ern jedem Jahrzehnt die Frage gestellt wird: "Bist du Deutschland?", kann man erfahren zu was man sich im kollektiven "schwarz-rot-geil" –Rausch eigentlich bekennt. Und wenn deutsche Prominente von Uli Wickert bis Olli Kahn einem das nächste Mal "Du bist Deutschland!" zurufen, kann die Antwort auch "Nein, lieber nicht." sein.