Berliner Theatertreffen - Was ihr nicht wollt

Von allen Sätzen, die in der Jury des Berliner Theatertreffens immer wieder gern gesagt werden, lautet der weitaus dümmste: "Das können wir in Berlin nicht zeigen." Der Satz ist auch der gemeinste und der perfideste. Ob er auch dieses Jahr gefallen ist, ist bei der Veröffentlichung der Auswahl jetzt natürlich nicht bekannt gegeben geworden. Aber nehmen wir es mal an. In den vergangenen Jahren wurde er gern verwendet und die Auswahl dieses Jahres spricht auch sehr dafür, dass der Satz vielfach und mit Nachdruck gesagt worden ist.

Der Satz ist so dumm, gemein und perfide, weil er letzten Endes an der Abschaffung des Theaters mitwirkt. Er sagt: "Das ist Provinz, das wird das verwöhnte Berliner Großstadtpublikum gnadenlos durchfallen lassen. Das hat einfach nicht das Niveau, das es für Berlin braucht. Das geht einfach nicht." Mal abgesehen davon, dass man die Berliner und insbesondere ihr Theater damit weit überschätzt (in der diesjährigen Auswahl des Theatertreffens ist ja auch nur eine Produktion aus der Theaterhauptstadt zu sehen, Jürgen Goschs überragende "Möwe"), drückt dieser Satz eine fatale Tendenz aus, die die gesamte Theaterlandschaft immer mehr bestimmt.

Es gibt nämlich nur noch eine bestimmte Schicht von Theatern und eine ganz bestimmte Ästhetik - modern aber nicht zu radikal, zeitgemäß aber doch anschlussfähig, kostspielig und auf gehobenem Niveau - die überhaupt für das Theatertreffen in Frage kommt. Der Rest des Theaterlandes ist abgehängt und kommt nicht mehr vor. Man müsste sich das als Jury gar nicht mehr ansehen. Von einer zusammenhängenden, deutschen Theaterlandschaft sollte man jedenfalls nicht mehr sprechen. Was in der Provinz, zu der inzwischen auch Hannover, Leipzig oder Frankfurt zählen, gezeigt wird, zählt nicht.


Es ist - mit einem Wort - nicht mehr kunstfähig. "Das können wir in Berlin nicht zeigen", und weg damit. Da fallen bewegende, gefeierte Aufführungen wie zum Beispiel "Eine Familie" in Mannheim hinten runter und niemand weiß warum. Es gibt eben die Ästhetik-Metropolen und die Theaterlandschaft, die Leuchttürme und das flache Land, die Kunstkunst und die Grundversorgung. Und die sind streng getrennt. Es ist wie bei Kassen- und Privatpatienten.

Für eine solche Auswahl müsste eine siebenköpfige Jury wahrlich nicht ein Jahr lang unter großen Mühen durch das deutsch sprechende Theaterland reisen. Zwei, drei Leute, die sich in München, Wien, Zürich, Hamburg und, ja, auch Berlin ansehen, was dort läuft, würden vollkommen ausreichen.

Ohne dass es das bisher bemerkt hat, stellt sich das Theatertreffen also selbst in Frage. Es soll die bemerkenswertesten Aufführungen aus der deutschsprachigen Theaterszene zeigen. In der Vergangenheit wurde immer über das Kriterium "bemerkenswert" diskutiert. Inzwischen ist es Zeit darüber nachzudenken, was man eigentlich unter Theaterszene versteht.

Hervorragendes Merkmal der deutschsprachigen Theaterlandschaft ist die Vielfältigkeit der Stadt- und Staatstheater und der freien Szene. Die findet sich in der Auswahl seit Jahren nicht wieder. Es ist ein Witz, die einzige Produktion außerhalb der Metropolen, Christoph Marthalers "Waldhaus" aus Sils-Maria nach Berlin einzuladen, obwohl sie in Berlin nicht gezeigt werden kann - sie mag ansonsten so schön sein, wie sie will. Hat es wirklich sonst gar nichts Präsentables gegeben?

Das Theatertreffen repräsentiert also nicht mehr die Theaterlandschaft sondern nur noch einen kleinen Ausschnitt. Weil eine Einladung aber immer noch die wichtigste Auszeichnung der Theaterwelt ist, weil sich alle Theater immer noch stark an der Auswahl des Theatertreffens orientieren, wird sich der Sog der Metropolen immer weiter verstärken. Der Rest wird mit der Zeit immer überflüssiger werden.

Was kann man tun? Das Theatertreffen in anderen Städten stattfinden lassen? Abschaffen? Die Jury verkleinern, um der Auswahl eine subjektive Handschrift zu geben? Das Theatertreffen tut noch immer so, als wäre es für alle da. Es wird Zeit, der neuen Wirklichkeit zwischen Berlin und Wien ins Auge zu sehen.

Ansonsten gilt in diesem Jahr: Es ist eine gute Auswahl. Gegen die eingeladenen Produktionen ist an sich wenig zu sagen. Die einzige Ãœberraschung ist Joachim Meyerhoffs Soloabend "Alle Toten fliegen hoch 1-3". Sehr schön, dass Christoph Schlingensief dabei ist, schön und auch verdient, dass Jürgen Gosch zweimal dabei ist. Es ist auch schön, dass Völker Lösch endlich berücksichtigt wird. Schön, dass das Schauspiel Köln unter Karin Beier mit Katie Mitchell zum zweiten Mal dabei ist. Vielleicht wird wenigstens noch Köln im Kreis der Theaterstädte akzeptiert. Schön auch, dass Martin Kusej, Andreas Kriegenburg und Nicolas Stemann wieder dabei sind. Ãœberhaupt alles sehr schön.

Quelle: www.fr-online.de

 

Die Auswahl für das Theatertreffen der Berliner Festspiele

Jürgen Gosch / Deutsches Theater Berlin
Die Möwe von Anton Tschechow

Volker Lösch / Deutsches Schauspielhaus in Hamburg
Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
von Volker Lösch, frei nach Peter Weiss

Nicolas Stemann / Thalia Theater, Hamburg / Salzburger Festspiele
Die Räuber nach Friedrich Schiller

Katie Mitchell / Schauspiel Köln
Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz

Andreas Kriegenburg / Münchner Kammerspiele
Der Prozess von Franz Kafka

Christoph Schlingensief / RuhrTriennale 2008
Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir
Fluxus-Oratorium von Christoph Schlingensief

Joachim Meyerhoff / Burgtheater, Wien
Alle Toten fliegen hoch 1–3
von und mit Joachim Meyerhoff

Martin Kušej / Burgtheater, Wien
Der Weibsteufel von Karl Schönherr

Jürgen Gosch / Schauspielhaus Zürich
Hier und Jetzt von Roland Schimmelpfennig

Christoph Marthaler / Waldhaus, Sils-Maria (Schweiz)
Das Theater mit dem Waldhaus
Ein Projekt von Christoph Marthaler und Ensemble

 

(Quelle: www.berlinerfestspiele.de)