"Alles statt Theater!"

Sebastian Hartmann fordert das Leipziger Publikum

Nach dreizehn langen Jahren hat Wolfgang Engel das Schauspiel Leipzig als Intendant verlassen. Neuer Theaterchef wird ein Debütant. Der Risikofaktor heißt Sebastian Hartmann. Seine Kritiker bezichtigen ihn als Castorf-Kopierer und seine Kunst als Volksbühnenredundanz. Der 1968 Geborene kehrt in seine Heimat-Stadt zurück, um Stadt-Theater neu zu definieren. Bereits im ersten Monatsspielplan appelliert er "An jeden, der uns hört! Alles statt Theater. Das Haus gehört jedem, der will!"

Angelehnt an Artauds Theater der Grausamkeit sieht sich Hartmann "als einer, der sein Publikum eventuell verstört". Mit einem kuriosen Konzept will er dem theaterabstinenten Leipziger Publikum Gründe geben, die Bühne an der Gottschedstraße wieder neu für sich zu entdecken. Die Hausdramaturgie geht auf die Bevölkerung zu und aktiviert sie zur künstlerischen Mitbestimmung.

Hartmann beginnt mit der Umbenennung des Schauspiels in "Centraltheater" und scheut auch vor der Erfindung neuer Theaterberufe nicht zurück. Als erster "Hausphilosoph" "bundesweit einzigartig" trägt Guillaume Paoli programmatische Irritationen vor und wird nicht über Theater, sondern im Theater philosophieren. Der gebürtige Franzose lädt zur Gründung der "Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck" ins Rangfoyer. Im Hartmannschen Sinne wird hier laut Leipziger Volkszeitung (LVZ) "auf frisch und offensiv denkende Menschen, auch im Zuschauerraum" gesetzt.

Ebenfalls einen neu erfundenen Posten bekommt die "Kapelle der Versöhnung" als Hausband. Rainald Grebe wird als Leader und "Kultfigur deutscher Kleinkunstbühnen" seinen Sinn für regionale Zwischentöne unter Beweis stellen. Der im "Quatsch Comedy Club" bekannt gewordene Puppenspieler wird mit seiner Klimarevue "Alle reden vom Wetter" ebenfalls als Hausregisseur für die Comedy-Sparte zuständig sein. Wenn "Tocotronic" und "Peter Licht" den Zuschauern in Samtsitzen geboten werden, kommt der Dramaturg Christoph Gurk zum Einsatz. Dieser sucht als Musikkurator im Rahmen der monatlichen Konzertreihe nach innovativen und experimentellen Formen musikalischer Artikulation und anderen Klängen im Grenzbereich.

Vor allem aber der ehemaligen "Neuen Szene" ist als Nebenspielstätte Einschneidendes widerfahren. Die "Skala" ist eine Art permanente Werkstatt. Hier soll "Theater in seiner bisherigen Form hinterfragt werden". Ohne festen Spielplan, aber immer mit der Möglichkeit "reaktiv" zu sein, richtet "das Skalaprinzip einen stärkeren Fokus auf Theater als Prozess". Es "interessiert die Entstehung, nicht das Produkt". Arbeitszustände statt Premieren erwarten den Zuschauer. Täglich um 13 Uhr gibt die Homepage bekannt, wer und was ab 16 Uhr in der Skala präsentiert wird. Zwar gibt es wiederkehrende Formate und Reihen, jedoch wird die Art einer jeden Veranstaltung erst drei Stunden im Voraus verraten. Die drei eigens angestellten Jungregisseure, ihr persönlicher Dramaturg und die dreizehn Skalaschauspieler müssen demnach täglich neu um Aufmerksamkeit kämpfen.

Auch in der Theaterpädagogik scheut Hartmann nicht vor einer Reform. Der sich unter der Leitung von Katrin Richter neu formierende Theaterjugendclub heißt ab sofort "Spinnwerk". Inmitten von Künstlerateliers und Denkmalgeschütztem können Interessierte von 5-25 auf insgesamt 700m2 der Baumwollspinnerei selbstständig Theater ausprobieren und inszenieren. "Das ist nicht nur ein pädagogisches Projekt, diese Bezeichnung wäre eine Herabsetzung. Junge Leute können genauso Kunst machen wie Erwachsene", äußert Katrin Richter zu Spielzeitbeginn in der LVZ. Sie spricht sich aus für einen Theaterjugendclub, in dem jeder willkommen ist. Ohne Casting. Ohne Kosten. Jugendliche auf die Bühne! Und dahinter! Hier wird alles selbst gemacht. Ob Ton- oder Lichttechnik, Masken- oder Kostümbild. Auch junge Theatertexter, -regisseure und -dramaturgen sind gern gesehen.

Mit seinem Vorhaben, maßgeblich auch junge Menschen Theater ausprobieren zu lassen, ist Hartmann in Leipzig nicht der einzige Anbieter. Das "Theater der jungen Welt" beispielsweise bietet als städtisches Kinder- & Jugendtheater ebenfalls Kursangebote an. Der Intendant Jürgen Zielinski "blickt nicht ohne Irritation auf das Spinnwerk", wie die LVZ zu berichten weiß. Er bemängelt die fehlende Abstimmung, wenn er sagt "die Tatsache, dass in Leipzig zwei Stadttheater existieren, erfordert einfach einen Abgleich. Der hat bis jetzt nicht stattgefunden". Zielinski plädiert für den Beginn eines Dialoges, bezeichnet Hartmann aber im selben Atemzug als "Dampfwalze der Theaterlandschaft". Das Schauspielhaus wildere gewissermaßen auf dem ureigensten Terrain seiner Einrichtung, so Zielinski im Interview. Die jungen Wilden im Stadtzentrum "nehmen uns die Leute weg." Da helfen auch die Beschwichtigungen des centralen Sprechers Jörg van der Horst nicht, wenn dieser versichert, man ziele nicht darauf ab, untereinander in Konkurrenz zu treten. Zielinski hat da aber eine andere Meinung.

Das soziokulturelle Theatrium im leerstehenden Plattenbauviertel Grünau indes versucht von der Kulturförderungskonjunktur zu profitieren. Die Leiterin Beate Roch wird nicht müde, immer wieder auf die katastrophalen Verhältnisse ihrer Immobilie aufmerksam zu machen. Seit 1999 drängt sie auf eine neue Unterbringung, doch der Stadtrat lässt sie warten. Als nun dem "Spinnwerk" binnen kürzester Zeit durchaus produktivkünstlerische Bedingungen zugesprochen werden, wird man misstrauisch. Hier wie da fühlt man sich nicht genug beachtet. Hartmann hingegen verzichtet für die Finanzierung seiner jungen Theatersparte auf eine Produktion und macht somit seinen Standpunkt deutlich. Ohne Hemmungen spricht er nicht nur ein Erwachsenenpublikum an, sondern holt auch die Jugendlichen in sein Theater. Er bietet ihnen einfach Raum und Equipment, um zu experimentieren und Theater zu untersuchen. Das alles ist kostenfrei und unbürokratisch. Wer will, kann kommen. An dieser Stelle lohnt es sich, den weiteren Verlauf der Kinder- und Jugendtheaterdiskussion in Leipzig zu verfolgen, es bleibt spannend!

Auch die Leipziger Bevölkerung tut sich schwer mit so viel Neuem. Traditionsgetreu sprechen sie noch immer von "ihrem Schauspiel", anstatt die Umbenennung wahrhaben zu wollen. Nach 50-jähriger Bühnentradition verabschiedet Hartmann sich von dieser Bezeichnung und leitet den künstlerischen Neubeginn ein, mit der Rückbenennung in "Centraltheater", wie es einst 1902 in den Fundamenten des jetzigen Hauses eröffnet wurde.

Dennoch: Leipzig rumort. Das städtische Schauspiel ist in aller Munde, wie schon seit Jahren nicht mehr.

Die Zeiten der halbleeren Zuschauerräume sind passé. Beobachtet man die Publikumszusammensetzung, fällt einem ohnehin sofort ins Auge: Die Jugend ist zurück. Plötzlich spricht man wieder über das Theater an der Bosestraße. Auch auf www.nachtkritik.de melden sich zahlreiche Leipziger zu Wort. Die Userin Amanda etwa hält "es für möglich, dass Leipzig durch das Centraltheater ein neues Selbstbewusstsein gewinnt". Heiko bekennt "Ich glaube wieder ans Theater" und "Danke, dass ihr einen interessierten, intelligenten Zuschauer voraussetzt!"

Hartmann selbst streicht das Wort Stadttheater aus seinem Vokabular und lässt auf seinem Plakatbild ausgestorbene Echsen in einer urzeitlich anmutenden Sumpflandschaft signalisieren: "Ende Neu". Das also ist das neue Image. "Stadttheater klingt für mich so nach: Wir sind für alle da", wie er der Leipziger Internet Zeitung verrät. Hartmann aber will gar nicht, dass jeder bei ihm auf seine Kosten kommt. Lieber will er polarisieren, denn "dafür bin ich bekannt". Dass nicht jeder Zuschauer mit diesem Konzept konform geht, ist vorprogrammiert. Das wird jedenfalls nichts für Leute mit traditioneller Theatererwartung. Theater, so scheint es, wird wieder ein Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung. An manchen Abenden wird man wohl wirklich nicht wissen, was einen drinnen erwartet. Augen auf fürs Abenteuer! Nirgendwo sonst ist ein Neuanfang so viel versprechend wie im Centraltheater Leipzig.