"Lightlinien"für die deutsche Theaterlandschaft?

Eine Polemik zur Qualitätssicherung der Interessensgemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e.V.

Die INTHEGA, die beansprucht "Vertreterin der Städte mit Theatergastspielen" zu sein, besticht in ihrer Hochglanz-Imagebroschüre "Engagiert für das Theater in der Fläche. Die Leitlinien der INTHEGA" mit revolutionären Zielen, welche die deutsche Theaterwelt nachhaltig beeinflussen werden. Die INTHEGA beschreibt sich als "anerkannter Berufsverband der Theaterveranstalter ohne eigenes Ensemble, die ihre Mitglieder in vielfältiger Weise unterstützt."


Derzeit gibt es 375 Mitgliedsstädte, zu denen bedeutende Städte wie z.B. Bad Fallingbostel, Brackenheim, Ramstein- Miesenbach und Unterschleißheim gehören, denen ein "qualifiziertes kulturelles Angebot am Herzen liegt." Somit liegen mehr als 12 Millionen Bewohner in der "Daseinsfürsorge" der INTHEGA.

Die Interessensgemeinschaft gibt "Anregungen für neue Stoffe", "Hinweise zu Trends" und warnt vor "Fehlentwicklungen". Speziell dafür werden in regelmäßig stattfindenden Tagungen Arbeitskreise zur Qualitätssicherung gebildet. Die INTHEGA ist durch ihre langjährige Erfahrung so kompetent zu wissen, was Qualität ist, wie diese festzulegen sei und wie man so den Tourneetheatern helfen kann, solche zu erkennen und zu erlangen.


Die theaterbegeisterte Provinz kann beruhigt sein, die INTHEGA als qualitätssicherende Instanz hinter sich zu wissen. Die INTHEGA weiß, was gut für die Theaterlandschaft ist, sogar ohne ein eigenes Theater mit Ensemble zu führen. Ein guter Theaterkritiker ist schließlich auch kein Schauspieler!


Die INTHEGA sucht nach Partnern, besonders privaten Tourneetheatern und den Landesbühnen, mit denen sie ein Netzwerk aufbaut und die ein "Theater in der Fläche" machen.


Eine spezielle Kompetenz der INTHEGA scheint das Aufspüren von Fehlentwicklungen zu sein. Glücklicherweise verhindern die INTHEGA- Arbeitskreise das Aufkommen eigener Fehlentwicklungen. Man sollte sich überlegen, ob man die hervorragenden Qualitätssicherungsmerkmale nicht auch auf Theater mit festem Ensemble ausweiten sollte. Kaum vorstellbar, zu welchen Qualitätssteigerungen es kommen könnte, wenn selbst ein Haus wie die Burg in Wien sich an den INTHEGA- "Qualitätszielen" orientieren würde.


Vierzehn innovative Leitlinien manifestieren den Ausbau einer "geistigen Infrastruktur". Eine Leitlinie fordert zum Beispiel Kulturarbeit für die sogenannte Provinz. Selbstbewusst stellt die INTHEGA endlich klar, dass es gerade die Provinz war, welche die "innovativen kulturellen Prozesse" in der Bundesrepublik geprägt und vollzogen hat. Als Beispiel wird Weimar genannt. Weimar, die zweifellos kleine Provinzstadt mit nur 66 ooo Einwohnern, könnte auch heutzutage noch wichtige kulturelle Prozesse initiieren, wenn es eine INTHEGA- Mitgliedsstadt wäre und ihr überflüssiges Stadttheater mit Ensemble besser einer "Mehrzweckhalle mit Hallenmischnutzung" weichen würde. So bleibt Weimar nur, sich auf eine kulturelle Hochzeit mit Goethe und Schiller zu besinnen. Fraglich ist aber, ob Goethe, wenn er heute noch leben würde, überhaupt eine Qualitätskontrolle der INTHEGA bestanden hätte. Friedrich von Schiller wäre wahrscheinlich auch an den Qualitätsmerkmalen gescheitert, da er im Gegensatz zu der INTHEGA sich leider nicht an das Publikumsverhalten angepasst hat und das Publikum z.T. mit unnötigen rebellischen Ideen verscheucht hätte.


Die INTHEGA aber besitzt ein besonderes Feingefühl dem "veränderten Zuschauerverhalten" Rechnung zu tragen, in dem sie das Theatergeschehen aus den Metropolen beobachtet und für die Provinzen anpasst. Ein Vorschlag wäre vielleicht eine Theater-Dokusoap in die Mehrzweckmischhallen der Provinzstädte einzuführen, ganz nach dem erfolgreichen Fernsehtrend "Bauer sucht Frau". Dies wäre garantiert ein Publikumsmagnet für ein "Theater in der Fläche" mit dem man selbst das provinzielle Publikum erreichen würde. Auch würde ein solches Format sicherlich die noch nicht erschlossene Gruppe der "zahlreichen Zuwanderer" ansprechen, da die "aktive Zuwendung an Migranten" der INTHEGA sehr wichtig ist. Im Ãœbrigen wäre eine Namensänderung von INTHEGA in ‚INTEGRA‘ überlegenswert, die einen wunderbaren Symbolcharakter nach außen tragen würde.


Die INTHEGA trägt dazu bei, den Menschen Kultur selbst in entfernten Provinzen nahezubringen, und somit Ãœberlieferer von kulturellen "Lebensmitteln" zu sein. Ein Trend in der wirtschaftlichen Lebensmittelindustrie ist die Herstellung von Lightprodukten. Da wäre es auch für die INTHEGA Zeit, sich trendbewusst zu zeigen und ihre bewährten Leitlinien in ‚Lightlinien‘ umzunennen, die so auch besser ihre tiefgehenden Intentionen verdeutlichen würden. Nur muss man aufpassen, dass aus den ‚Lightlinien‘ keine ‚Leidlinien‘ werden und somit aus dem "Theater in der Fläche" ein flaches Theater wird.