Es geht um die Zukunft unserer Theaterlandschaft

 

Eine kulturpolitische Polemik aus gegebenem Anlass

 

Es scheint so zu sein: Die deutsche Theaterlandschaft ist sich ihrer normativen Kraft des Faktischen auch weiterhin sicher. Oder ist es nur die Ruhe vor dem Sturm? Wenn nach dem 27. September diesen Jahres der allseits befürchtete Kassensturz stattfindet, wird die öffentliche Axt auch an die Kulturförderung gelegt werden. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hat diesbezüglich schon Redebedarf bei den kulturell aktiven Landeskindern angemeldet. Zwar verkündete er auf dem Kunstkongress seiner Landesregierung Anfang Mai in Karlsruhe, dass es 2009 keine Kürzungen geben werde. Aber wenn alle den Gürtel enger schnallen müssen, dann wird wohl auch die Kulturpolitik Maßnahmen erwarten dürfen. Es wird also gewartet. In dieser Haltung lässt es sich ganz gut leben. Harren wir der Dinge, die da kommen. Und gegen die Milliarden Euro, mit denen derzeit Krisenmanagement betrieben wird, sind die Beträge, mit denen die Kultur alljährlich rechnen darf, doch eher Peanuts. Redebedarf besteht, aber wie sieht es denn mit den konzeptionellen Ãœberlegungen aus, die ein sinnvolles Handeln zur Folge haben könnten? Wie reagieren Theater auf das, was sich abzeichnet? Und warum agiert denn keiner?

 

In der Berliner Akademie der Künste saßen immerhin ein paar Hundert Tanz- und Theaterschaffende zusammen. Für ein paar Tage ging es um die soziale und wirtschaftliche Lage von Künstlern der Darstellenden Künste. Eine Studie hatte bestätigt, was wir alle wussten, aber die meisten nicht wirklich wahrnehmen wollen: Kunst bringt keineswegs Gunst, im Gegenteil – sie führt unweigerlich ins Prekariat. Die Zahl der Beschäftigen am Theater, die in der Stunde weniger als 5 Euro verdienen, ist in den letzten Jahren um 30 % gestiegen. An festen Häusern verdienen 50 % der Theaterkünstler nur 5 bis 10 Euro pro Stunde. Bei einer regelmäßigen Einzahlung in die Künstlersozialkasse über einen Zeitraum von 45 Jahren liegt die zu erwartende Rente bei 447 Euro pro Monat in den alten, bei 408 Euro in den neuen Bundesländern. Die Altersarmut unter den Künstlern der derzeit tätigen Generation ist also vorprogrammiert. Das ist doch niederschmetternd! Die Einkommensverhältnisse haben sich dramatisch verschlechtert und das obwohl die öffentliche Förderung um ein Vielfaches gestiegen ist. Wo versickern denn die mehr als zweieinhalb Milliarden Euro, die sich die Steuerzahler in Deutschland alljährlich leisten, um das "Weltkulturerbe" Theaterlandschaft zu pflegen? Warum leisten wir uns ein solch unsoziales System? Ein System, das durch Selbstausbeutung geprägt ist, das die Lebenskunst predigt, aber die Lebensverhältnisse unwürdig sein lässt, das die kreativen Potentiale unsere Gesellschaft bei jeder Sonntagsrede beschmust, aber im Alltagshandeln die (Menschen)Rechte der Künstler mit Füßen tritt.

 

Umbau, Umsturz oder Umverteilung?

Wie gesagt, in Berlin hat man zumindest zusammengesessen – auf Initiative des Fonds Darstellende Künste, auf Einladung des Internationalen Theaterinstituts, mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Aber hat man auch zusammengefunden? Die so genannten freien Theater, gelegentlich gehypt, wenn es um theatrale Innovation und künstlerische Avantgarde geht, ansonsten am unteren Ende der Karriereleiter, solidarisieren sich notgedrungen, sie listen auf, was ihnen an Empfehlungen einfällt und stellen sogar kulturpolitische Forderungen. In ihrem Entwurf für den Bundesverband Freier Theater liest sich das dann so: "Stärkung der deutschen Tanz- und Theaterlandschaft", "Aufstockung des Budgets des Fonds Darstellende Künste", "Förderung strukturschwacher Regionen", "Förderung der kulturellen und ästhetischen Bildung" und gipfelt in dem Postulat, dass "die Kulturetats des Bundes, der Länder und der Kommunen dringend erhöht werden" müssten. Ja, sind die denn von allen guten Geistern verlassen? Ja, wo leben die denn? Ja, fällt denen denn tatsächlich nix anderes ein als mehr Geld zu fordern?

 

Zur Ehrenrettung sei gesagt, es ist den Tanz- und Theaterschaffenden auch noch das ein oder andere an Verbesserungen ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage eingefallen. Mindestlohn, soziale Sicherung und Altersvorsorge wurden thematisiert, konkret wurden Modelle gefordert, die das Zusammengehen von freiberuflichen und selbständigen Erwerbsformen erleichtern, die mit der Verkürzung der Rahmenfrist für den Bezug von Arbeitslosengeld den speziellen Beschäftigungsverhältnissen gerecht werden und die in der Künstlersozialversicherung zur Reform beitragen. Aber das Klein-Klein täuscht nicht darüber hinweg, dass eine Chance vertan wurde: Mitten in der Wirtschaftskrise und vor den zu erwartenden dramatischen Folgen auf den Tisch zu hauen und Grundsätzliches zu propagieren. Keiner der Kombattanten sprach vom Umbau in der Theaterlandschaft, keiner rief zum Umsturz auf, keiner forderte die Umverteilung! Während das Theater gelegentlich auf der Bühne gern einmal die Revolution ausruft, versagt es fundamental in eigener Sache, sowohl in der Selbsteinschätzung als auch in der Selbstorganisation. Eine Krähe hackt der anderen eben nicht gerne ein Auge aus, könnte man meinen. Aber es geht doch ganz und gar nicht um das Alttestamentarische Aug’ und Auge, Zahn und Zahn, es geht ums Ganze, es geht um die Zukunft einer Theaterlandschaft, die so einzigartig ist und so produktiv und so vielfältig und so vernetzt und so gesellschaftsrelevant. Aber die Zeiten, in denen sich die Stadttheater von Haushalt zu Haushalt und die freien Theater von Projekt zu Projekt gehangelt haben, sind vorbei. Und schon lange dürfte es deshalb auch gar kein Gegeneinander mehr geben. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang wieder einmal die Haltung des Deutschen Bühnenvereins, der sich am "Report: Darstellende Künste" nicht beteiligt hat und der noch immer selbstbezogen sein eigenes Süppchen zu kochen gedenkt. Fragt man allerdings die künstlerischen Köpfe des institutionalisierten Theaterbetriebes, bekommt man die einhellige Einschätzung zu hören, dass es ohne die freie Szene nicht gehe, von Humus ist da sogar die Rede, vom kreativen Nachschub und Nachwuchs. Also geht es nur zusammen, nämlich die nachhaltige Veränderung von Strukturen gemeinsam anzugehen!

 

Theaterentwicklung planen?

Auf die Agenda einer neuen Theaterpolitik gehört ganz oben auf eine Theaterentwicklungsplanung. Das ist schon lange kein Teufelszeug mehr, nachdem selbst Hinterbänkler der Kommunalpolitik langsam kapiert haben, dass es sich um konzeptionelle Planungsansätze handelt, die nicht vergleichbar sind etwa mit der kommunistischen Planwirtschaft vergangener Zeiten. Auch die Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages empfiehlt "den Ländern und Kommunen, regionale Theaterentwicklungsplanungen zu erstellen, mittelfristig umzusetzen und langfristig die Förderung auch darauf auszurichten, in wiefern die Theater, Kulturorchester und Opern auch Kulturvermittlung betreiben, um möglichst breite Schichten der Bevölkerung zu erreichen". (2007) Und gleich vorweg sei hinzugefügt, dass ein solches kulturpolitisches Instrument nur dann langfristig Erfolg beschieden ist, wenn es kontinuierlich fortgeschrieben wird. Auch das kann man nachlesen. Im Dokument der folgenreichsten Evaluation im Kulturföderalismus, der "Kunstkonzeption des Landes Baden-Württemberg" von 1990. Schon damals konstatierte der Autor, Hannes Rettich, dass eine kunstpolitische Konzeption kein Dogma sein kann und darf, weil Kunst das Gegenteil von Dogmatismus sei. "Jede kulturpolitische Standortbestimmung muss das gesellschaftspolitische Umfeld und die zeithistorischen Bezüge reflektieren, um die Interessen und Bedürfnisse der Menschen zutreffend erfassen zu können". (1990) Im Musterländle macht man sich auf den Weg, Rahmenbedingungen für Kulturpolitik zu formulieren. Ein gewichtiges Kapitel wird dabei eine Theaterentwicklungsplanung einnehmen. Da könnte zunächst einmal festgehalten werden, dass neben Liberalität, Pluralität, Subsidarität und Dezentralität die Diversifität eine neue Rolle spielen sollte. Denn in der Differenz liegt der Schlüssel zum Großen und Ganzen. Dabei dürfte die alte Spartentrennung zwischen Musik-, Tanz-, und Sprechtheater ebenso ausgedient haben wie die Sektiererei in Puppentheater, Kindertheater oder Kleinkunst. Das gilt natürlich auch für alle Formen der Institutionalisierung. Langfristig darf es keinen Unterschied mehr machen, ob Theater am Staatstheater und Stadttheater oder an der Landesbühne und im Freien Theater produziert wird. Wer öffentliche Förderung erhält, muss sich durch künstlerischen Anspruch und ästhetische Praxis auszeichnen, muss den Auftrag wahrnehmen, den es in Zielvereinbarungen zu formulieren gilt. Dabei gilt selbstverständlich Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes, aber es sollte auch der Grundsatz gelten, dass eine Vielfalt an Produktionsformen eine Polyphonie der Stile ermöglicht, dass Koordination, Kooperation und warum nicht auch mehr Koproduktion kulturpolitisch gewollt sind. Und dass Schülertheater und Studentisches Theater oder Amateurtheater und Privattheater im Netzwerk Berücksichtigung finden. Auch wenn Ensemble und Repertoire zu den Errungenschaften des deutschen Theatersystems zählen, lässt sich nirgends die Verpflichtung ableiten, dass das von Flensburg bis Konstanz und von Aachen bis Dresden auch so zu sein hat. Theater findet auch im Bürgerhaus statt, Theater wird im Theaterhaus ermöglicht und Theater kann auch auf der Straße entstehen. Warum nur muss das an dieser Stelle gesagt werden, warum muss darauf hingewiesen werden, warum ist das längst nicht eine Selbstverständlichkeit? Die Standesdünkel einer konservativen Standesorganisation, eines zum Teil reaktionären Feuilletons und einer historisierenden Theaterwissenschaft sind noch immer allgegenwärtig. Das Theater ist da ganz oft schon viel weiter. Denn ausschlaggebend ist die Standortsensibilität, eine immer wieder neu zu entdeckende Kategorie der theatralen Vermessung von Raum und Zeit der dramatischen Künste. Was produziere ich für wen an welchem Ort? New Spaces for the Arts? Im klassischen Guckkasten, im leeren Raum oder als site specific?

 

Theater für alle?

Theaterentwicklungsplanungen verstehen Theaterförderungen als Risikoprämie, setzen ebenso auf Prozessorientierung und Projektförderung wie auf Konzeptionsförderung zur Planungssicherheit. Wichtig wird wieder, Theater als Laboratorium sozialer Fantasie zu verstehen, mit dem Mut zum Scheitern und der Lizenz zum Irrtum. Kennzahlenempirie war gestern, jetzt zählen künstlerische Diskurse und Theatervermittlung. Die neuen Herausforderungen ergeben sich durch Interdisziplinarität, Interkulturalität und Internationalität. Und wenn schon Zahlen gewünscht sind, dann wäre es doch wünschenswert, die rund zehn Prozent Happy Few, die regelmäßig ziemlich exklusiv am Theater partizipieren, zu vervielfachen. Ein Ziel könnte sein, jedem Kind zwei Mal im Jahr Theater zu bieten. Davon sind wir meilenweit entfernt. Ein anderes Ziel wäre, Menschen mit Migrationshintergrund für Theater zu begeistern. Vielleicht indem man sie einlädt, selbst zu spielen. Auf alle Fälle indem man Theater als kulturelle Bildung versteht. Ohne theaterpädagogisches Brimbamborium. Vielleicht steht ja auch in der Theaterentwicklungsplanung, dass der Theaterbesuch selbstverständlicher Bestandteil des schulischen Curriculums ist. Auch deshalb, weil von der Kinderkrippe bis zur gymnasialen Oberstufe Theater ein gewichtiger Lernbereich geworden ist. Theater als Schule des Sehens – das wäre ein Programm für Kinder und Jugendliche, weshalb solcherlei Aktivitäten gestärkt werden müssten. Und das ginge auch dadurch, indem man nicht mehr nur Produktion und Distribution von Theater fördert, sondern anteilig auch seine Rezeption. Die Verpflichtung zur Vermittlung sollte in jeden Intendantenvertrag. Die Engländer nennen das "Audience Development". Noch ist es ein Fremdwort für viele Theater in Deutschland, aber schon bald werden sie sich ernsthaft Gedanken machen müssen, wie sie das Publikum für morgen akquirieren. Der Wettbewerb in der Freizeitgesellschaft ist heute ebenso hart wie der Wettbewerb um die Steuern zukünftig sein wird. Die Zukunft liegt in Theaterentwicklungsplanungen. Auch das hat das Symposium in Berlin gezeigt.

 

Die bisherigen kulturpolitischen Diskurse um das Theater standen eher in der Tradition, Kulturpolitik als System zu betrachten – als strukturelles Phänomen zur Gestaltung von Gesellschaft. Das Berliner Programm Anfang Mai drehte den Spieß um und fokussierte auf die Seite der Produzenten von Kunst, erörterte die Bedarfe der Künstler und entwickelte daraus Forderungen und Handlungsempfehlungen für die Kulturpolitik. Das ist eher ungewöhnlich und deshalb bemerkenswert. Ein Großteil der kulturpolitischen Debatten in unserem Lande sind systemimmant. Wir beschäftigen uns vor allem mit der Tatsache, dass mehr als 90 % der Kulturförderung aus öffentlichen Mitteln bestritten werden. Die werden zwar von den Bürgern erwirtschaftet – über staatliche Abgaben, Kirchensteuern und den Gebühren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aber von oben nach unten verteilt – und zumeist institutionalisiert, d. h. sie schaffen Rahmenbedingungen und erhalten Apparate sowie Instrumente der Kulturlandschaft. Die direkte Künstlerförderung ist in der Summe eher bescheiden. Das Berliner Symposium geht auch hier den anderen Weg – zumindest in Teilen der Debatte: Es geht auch um die institutionelle Existenzsicherung der Tanz- und Theaterschaffenden und um Arbeitsbedingungen für den Einzelnen, zumindest um die Ãœberprüfung einer Kulturpolitik auf ihre direkte Wirkung für die Kulturschaffenden. Kulturpolitik ist in der inhaltlichen Auseinandersetzung zumeist Angelegenheit der Kommunen, der Länder, des Bundes – mehr und mehr auch der EU. Die anderen Symposien beschäftigten sich mit dem Konstrukt unter ökonomischen, gelegentlich auch konzeptionellen Fragestellungen. Das Berliner Symposium war dezidiert ein Forum der Künstler, der Beteiligten oder sollte ich sagen der Betroffenen! Es ist ein demokratisches legitimes Recht, der Eigenverantwortlichkeit, das hier ausgeübt wird und das eine Art Selbstverwaltung, zumindest den Anspruch auf Beteiligung pflegt. Es ist die Selbstorganisation der Tanz- und Theaterschaffenden, die Kulturpolitik betreibt. Und meist nicht vorgesehen.

 

Wir brauchen aber eher mehr die Selbstverständigung der Künstler. Und die brauchen mehr kulturpolitische Kompetenz. Denn Kulturpolitik sollte nicht allein den Kulturdezernenten, Kulturverwaltern und Kulturräten überlassen werden. Und das gilt auch für die Theaterpolitik. Die Theaterlandschaft lebt von den Künstlern. Tanz und Theaterschaffende vereinigt euch – und seid in der Kulturpolitik so mutig wie in der Kunst.

 

Veröffentlicht in: "Kulturpolitischen Mitteilung" Heft 125, II 2009, S. 50 - 52