Der Zuschauer ist Co-Autor

Roberto Ciullis Theater an der Ruhr in Mülheim führt einen ästhetischen, politischen Dialog mit und in der Gesellschaft

 

"Schauspieler sind die gefährlichsten Menschen." Diesen Satz von Heiner Müller zitiert Roberto Ciulli, künstlerischer Leiter des Theaters an der Ruhr, gerne und oft. Gefährlich, weil sie zu frei denken, Strukturen hinterfragen, Ästhetik wagen. Schon immer mussten sich Theaterschaffende daher ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen – und haben sich doch oft genug aus ihr zurückgezogen.

Das Theater an der Ruhr arbeitet seit seiner Entstehung 1980 daran, integraler Bestandteil der Gesellschaft zu sein, um sie gleichzeitig zu verändern, indem es neue Wege geht, neue Gedanken wagt, neue Strukturen schafft. Herkömmliche Hierarchien des Stadttheaters sind in Mülheim fast gänzlich aufgehoben: Gemeinsam wird in regelmäßigen Personalversammlungen über wirtschaftliche Fragen, den Spielplan und generelle Belange des Hauses entschieden. Die 45 festen Mitwirkenden verstehen sich als Ensemble, das sich aus dem gleichen Verständnis von Theater herausgebildet hat und sich gemeinsam weiter bewegt, in jeder Aufführung, jeder Wiederaufnahme erneut die kontinuierliche Herausforderung der Weiterentwicklung sowohl am künstlerischen Produkt, als auch am Organismus "Ensemble" annimmt. So passen sich Strukturen flexibel immer wieder neu den Bedürfnissen und Herausforderungen der Kunst und der an ihr wirkenden Menschen an. Dies betrifft, neben der Gestaltung individueller Verträge, vor allem das finanzielle Konzept: Entgegen anderer Stadttheater finanziert sich das Theater an der Ruhr zu 40 Prozent aus eigenen Mitteln, um sich, entlastet vom ökonomischen Druck, künstlerisch weiterzuentwickeln. Immer wieder werden daher neue private, kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Partnern gesucht und das Theater somit in die Gesellschaft hinein geöffnet. Ein in seiner Gesamtheit für das deutsche Stadttheatersystem einzigartiges künstlerisches und ökonomisches Modell, mit dem das Theater zu einem Ort für die Gesellschaft werden kann. Ein Ort, der Raum bietet für die Neugierde aneinander, der Mut machen will, einen politischen Diskurs zu führen und selbst für diesen bereit ist.

Das Theater und seine Partner

"Mach dich bemerkbar, dring ein und misch mit", heißt es nicht nur beim Jugendclub. Das Theater und sein Foyer stehen als öffentlicher Raum für politische und gesellschaftliche Diskussionen, Ausstellungen, Feste und vieles mehr zur Verfügung. Was auf der Bühne passiert, ist professionelles Theater – doch hier ist Theater immer politisches Theater, immer die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Mitgestaltung und zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Fragen. Es geht Ciulli dabei immer auch um einen Dialog mit dem Publikum: "Eine gute Inszenierung ist eine, die Fragen aufwirft. Der Zuschauer ist Co-Autor. Gemeinsames Ziel ist es, den Widerwillen gegen die Ambivalenz hinter uns zu lassen."

Ein Theater auf der Reise

Gemeinsam in Bewegung bleiben, Strukturen hinterfragen und Grenzen aufbrechen für eine Vielfalt an Möglichkeiten und somit gegen die Angst vor Neuem, das tat Ciulli bereits 1985, als die jugoslawische Schauspielerin Gordana Kosanovic zum dem internationalen Ensemble stieß. Oder indem er dem Roma-Theater "Pralipe" langfristig in Mülheim Asyl gewährte, als es im vom Bürgerkrieg zerstörten Jugoslawien nicht mehr arbeiten konnte. Um Neues zu sehen und Altes zu verbessern, ist das Theater an der Ruhr prinzipiell auf die Reise hin angelegt: Alle Bühnenbilder können jederzeit leicht in Container verpackt werden, um auf Tournee zu gehen. Bereits 1982, zwei Jahre nach seiner Gründung, bekam das Ensemble erste Einladungen zu Theaterfestivals in Parma und Zagreb und war dadurch weitere zwei Jahre später das erste deutsche Theater, das in Jugoslawien auf Tour ging.

Der Austausch auf internationalen Festivals generell ist ein strukturbildendes Element in Mülheim. Grade die seit 1981 stattfindenden "Theaterlandschaften" bieten hier Ländern abseits vom Theater-Mainstream die Möglichkeit, Produktionen zu zeigen und Netzwerke aufzubauen. Als Hommage auf diese Arbeit hat Mülheim für 2010 den Zuschlag zur Ausrichtung des Festivals "Theater der Welt 2010" bekommen. Die Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Essen, unter der künstlerischen Leitung von Ciulli als Vizepräsident des Internationales Theaterinstituts und Anselm Weber als iTi-Vorstandsmitglied, ist dennoch nicht als Höhepunkt zu verstehen, sondern als weiterer Schritt in einer Tradition, zahlreichen Ländern die Möglichkeit zu bietet, ihre Arbeit zu präsentieren.

Wahrnehmungsstrukturen aufbrechen

Um die Erfahrung des ästhetischen Infragestellens nicht nur bestimmten Zielgruppen, sondern allen zu ermöglichen, gibt es neben den unterschiedlichen Beteiligungs-Konzepten und zahlreichen theaterpädagogischen Angeboten auch finanzielle Unterstützung: mit so genannten Theaterschecks sind, in Form einer gelockerten Abo-Struktur, zwei Karten einer beliebigen Inszenierung für den Preis von einer erhältlich, und Hartz- IV-Empfänger zahlen prinzipiell keinen Eintritt, um den Austausch möglichst vielschichtig zu gestalten.

Neue Fragen suchen

Das Bemühen, Inszenierungen zu zeigen, die Fragen aufwerfen, die Suche nach neuen Fragen, Herausforderungen und Möglichkeiten des Einmischens bleiben Ziel des Theaters an der Ruhr: Die Zusammenarbeit mit türkischen Theatern soll weiter ausgebaut und das Format der "Theaterlandschaften" geändert werden, um noch niederschwelliger ungewöhnliche Produktionen zeigen zu können. Beständige Aufgabe bleibt es gleichzeitig für Ciulli, das Ensemble in seiner Entwicklung zu unterstützen und zu leiten, um das Theater weiter in der Gesellschaft zu verankern, denn "die Erfahrung des Spielens ist für den Menschen von großer Wichtigkeit und ein Baustein für eine demokratische Gesellschaft."