Wissenschaftler befürchtet kulturellen Kahlschlag

INTERVIEW: Wolfgang Schneider spricht über die Zukunft von Theatern

 

Bielefeld. Die Kultur im Land ist unter Druck. Die finanziellen Spielräume werden angesichts klammer Kassen in den Kommunen immer enger. In Wuppertal und Oberhausen wird bereits über Theaterschließungen debattiert. Allüberall werden Kultur-Etats gekürzt und Eintrittspreise – wie jetzt auch für das Bielefelder Theater – erhöht. Stefan Brams sprach mit Professor Schneider, Kulturwissenschaftler, an der Universität Hildesheim.

 

Herr Schneider, warum wird in diesem Land immer dann, wenn es um Kürzungen in den Finanzhaushalten geht, sofort an die Kultur gedacht?
Obwohl wir uns als Kulturgesellschaft verstehen und Politiker sich in Sonntagsreden unermüdlich zur Bedeutung der Kultur bekennen, ist die Praxis in der Tat eine andere. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Kultur für die Kommunen zu den so genannten freiwilligen Leistung zählt. Daher kommen sie – im Gegensatz zu den Pflichtaufgaben – sofort auf den Prüfstand. Trotz aller Bekenntnisse zur Kultur in all den Sonntagsreden.

 

Die NRW-SPD schlägt vor, die Kultur-Ausgaben als rechtlich verbindlich zu erklären. Ein Ausweg?
Da ist die SPD auf einem richtigen Weg. Als ich sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages war, war es unser gemeinsames Interesse, einen zusätzlichen Artikel ins Grundgesetz aufzunehmen. Der Artikel 20 b sollte festschreiben, dass der Staat die Kultur schützt und fördert. So wären zwar keine Etats definiert worden, aber wir hätten eine Grundlage für die Debatte gehabt, was in der Kultur zu schützen und zu fördern ist. Die fehlt bisher.

Was könnte denn konkret getan werden?
Ein Bibliotheksgesetz wäre ein Weg. So wäre sichergestellt, dass kleine Kommunen und auch die Provinz mit ordentlichen Bibliotheken ausgestattet würden. Anschaffungs- und Veranstaltungsetats der Bibliotheken könnten so vor weiterer Aushöhlung durch die Kommunalpolitik geschützt werden. Denkbar wären aber auch Theaterentwicklungsplanungen auf Landesebene wie Brandenburg sie betreibt.

Was bedeutet das?
Ich glaube nicht, dass wir überall in den Theatern das ewig Gleiche vorhalten müssen. Wir müssen in Theaterlandschaften denken und das mit drei Zielen: möglichst viel Theater für möglichst viele Menschen und das auf hohem Niveau. Dabei geht es mir um das Vernetzen von Theatern, nicht ums Schließen, nicht um Fusionen, sondern um eine Umverteilung innerhalb der Theaterlandschaft, damit nicht nur die privilegierten Orte gutes Theater bekommen. Es ist doch so, dass nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung regelmäßig in die Theater gehen, die aber Zweidrittel der Bevölkerung mit ihren Steuern finanzieren. Das sind drei Milliarden Euro jährlich für Deutschlands Theater. Da haben wird doch eine Verpflichtung, etwas Gutes daraus zu machen.

 

Ihr Modell gleicht einer kleinen Kulturrevolution.
Ich hätte auch nichts gegen eine große. Denn Theater am Leben zu erhalten, in die keiner mehr geht, das ist kein Weg. Und nur zu fördern, was kommerziell erfolgreich werden könnte, ist auch nicht der Sinn unserer Theaterförderung. Sie soll doch eigentlich eine Risikoprämie sein, um auch etwas ausprobieren zu können und auch mal scheitern zu dürfen. Ich will ein besseres Theater, das es sich zu fördern lohnt. Die Träger der deutschen Stadttheater und der Bühnenverein sind übrigens selbst Schuld an der Misere, weil sie die Krise nicht nutzen, sondern auf einem gestrigen System beharren.


Es gibt Forderungen nach einem Rettungsschirm des Bundes für die Kultur. Was halten Sie davon?
Wenn der Bund für viele Milliarden Banken rettet, dann ist es sicherlich nicht falsch, auch Geld für die Rettung von Kultureinrichtungen einzusetzen. Es kann aber nur eine kurzfristige Maßnahme sein. Denn grundsätzlich muss das System strukturell verändert werden. Wir brauchen endlich einen vernünftigen Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Das geht so nicht weiter. Für die Kommunen ist das eine einzige Katastrophe, dass zahlreiche Belastungen, die in den Ländern und im Bund veranlasst werden, einfach an sie durchgereicht werden. Das muss sich ändern.

Und wenn wieder nichts passiert, droht uns dann der kulturelle Kahlschlag?
Ja, denn die Kommunen wissen wirklich nicht mehr, wo sie noch kürzen sollen, also wird es munter weiter gehen mit den Kürzungen in den Kulturetats. Für die Theater heißt es dann, dass sie in noch kürzerer Zeit noch mehr leisten müssen. Unter solch einem Druck ist doch gar kein engagiertes, gutes, experimentierfreudiges Theater mehr möglich. Das Theater wird so seiner Funktion, der Selbstverständigung einer Gesellschaft, beraubt.

Lässt sich der Prozess noch umkehren?
Wir sind doch alle Optimisten und sehen in der Krise auch Chancen. Warum sollte es also nicht möglich sein, diese Chance zu nutzen? Aber das geht nur in einem grundsätzlich kulturfreundlichen Klima. Wenn man sich aber fühlt wie auf der Flucht, dann wird das kaum in kluger Art und Weise gelingen.

 

 

Quelle: http://www.nw-news.de/owl/kultur/?em_cnt=3509656&em_cnt_page=1