Kulturverluste im städtischen Raum. Deutsche Theater und die Krise der Kommunen. Eine Diskussion

27. April 2010 Werden dereinst die deutschen Theater nicht nur umgebaut, wie hier das Berliner Schillertheater, sondern gleich abgebrochen?

Joachim Güntner. Der schönste Neubau, den ein Theater in Deutschland seit dem Krieg erhalten hat, steht in Wuppertal. Das wird der Bühne aber nichts nützen. Die dramatisch überschuldete Stadt will ihr den Betriebskostenzuschuss um zwei Millionen Euro kürzen. Unter den gegebenen Umständen bleibt die örtliche Oper erhalten, dem Schauspielhaus aber droht mit der Kürzung das Aus im Jahre 2012. Für die deutsche Theaterszene ist Wuppertal zum Fanal geworden. Leere kommunale Kassen und Kämmerer mit Sparplänen gibt es schliesslich auch anderswo. Ob Schleswig im Norden, Dessau und Neubrandenburg im Osten oder Bonn, Essen, Hagen, Krefeld, Moers, Oberhausen im Westen - allen diesen klammen Städten fehlt zur Schliessung ihrer Bühnen vielleicht ja nur noch ein bisschen Hemmungslosigkeit. Stiftet der Tod des Wuppertaler Schauspiels ein Vorbild, dann ist die vielgerühmte deutsche Theaterlandschaft demnächst womöglich gezwungen, gleich reihenweise Spielwiesen in Brachen umzuwidmen.

Perspektiven sind gefragt

Seit Jahrzehnten bluten in Deutschland die Städte aus. Bund und Länder praktizieren eine Steuerpolitik, die den Kommunen Einnahmen wegnimmt und zugleich mehr Aufgaben aufbürdet. Das Thema ist nicht neu. Die gegenwärtige Finanzkrise aber hat die Lage zugespitzt. Als am vergangenen Sonntagabend im Stadttheater Bielefeld eine Runde von Kennern der Verhältnisse zusammentrat, um vor einem erstaunlich gut gefüllten Zuschauersaal die Lage zu diskutieren, war man sich einig: Es geht vor dem Hintergrund sinkender Zuschüsse und steigender Eintrittspreise zwar auch um die Nöte des Theaters, um schliessende Sparten, um Kürzung der Gehälter via "Haustarif" oder um Häuser, die aus Not und widerwillig fusionieren. Auf dem Spiel stehe aber mehr als die darstellende Kunst. Die Frage sei: Was wird aus der städtischen Kultur? Ist uns allen hinreichend klar, wie sehr Stadt und bürgerliche Gesellschaft zusammengehören? Wollen wir es hinnehmen, dass städtische Bäder, Museen, Musikschulen schliessen und dass, wie jetzt schon in Oberhausen, abends nach neun Uhr keine Busse mehr fahren?

"Wertlos oder wertvoll: Theater in der kommunalen Finanzkrise" lautete die Ãœberschrift des Abends. Den ersten Teil dieses Titels strich man sogleich: bitte keine Selbstbeweihräucherungen; der Wert des Theaters sei unter den Anwesenden doch sowieso unstrittig. Perspektivisch sei zu denken, Finanzierungskonzepte seien zu erwägen, und die Praxis, beim Balgen um Etats die städtischen Kultureinrichtungen gegeneinander auszuspielen, müsse aufhören. Allerdings ist die Solidarität der Theater mit Museen oder Musikschulen leichter beschworen als praktiziert. Wie aus den Worten der beiden anwesenden Kulturpolitiker, Thomas Sternberg (CDU) und Jörg Stüdemann (SPD), hervorging, geniessen die Bühnen, als städtische "Leuchttürme" ohnehin der dickste Brocken im Kulturetat, eine Vorzugsbehandlung. Sie bleiben bei Sparrunden gelegentlich ausgeklammert und hätten von einer paritätischen Verteilung der Zuschüsse am meisten zu fürchten.

Als Holk Freytag, heute Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, noch in Wuppertal amtierte, verfügte er dort am Schauspielhaus über dreissig angestellte Schauspieler. Seinem Nachfolger liess die Stadt noch dreizehn. Personalabbau ist in der Wirtschaft eine gängige Rationalisierungsmassnahme, am Theater indessen stösst sie an Grenzen. Man kann aus einem dramatischen Stück nicht einfach Rollen herausstreichen, und auch ein Chor muss, um wie ein Chor zu klingen, eine gewisse Grösse wahren. Jetzt in Bielefeld meinte Freytag, der Schlüssel zu den Finanzproblemen liege in Berlin bei der Bundesregierung, stiess aber mit seiner Position bei den eingefleischten Föderalisten der Runde auf Vorbehalte. Ein Land wie Nordrhein-Westfalen, das mehr Köpfe zähle als die Schweiz, Österreich und Slowenien zusammengenommen, müsse sich durchaus aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen können. Umso blamabler für dieses bevölkerungsreiche Bundesland, dass es zusammen mit Schleswig-Holstein den niedrigsten Landeszuschuss zu den Theatern zahlt. Der deutsche Städtetag hat einen Zuschuss in Höhe von 20 Prozent gefordert. Dem schloss sich die Bielefelder Runde an. Von den Ländern also wäre die Stabilisierung der Kommunen zu verlangen.

Stärken und Defizite

Müssen nicht aber auch die Theater selber ihr Scherflein beitragen? Das täten sie doch längst, erklärte Rolf Bolwin, der als geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins die Seite der Arbeitgeber vertritt. Siebentausend Arbeitsplätze seien in den letzten 15 Jahren an deutschen Theatern abgebaut worden. Wolfgang Schneider, der Deutschlands einzige Professur für Kulturpolitik innehat, sah aber doch Defizite, nämlich in der Jugendarbeit. Er erntete Widerspruch, auch aus dem lebhaft mitdiskutierenden Publikum, suchte aber unbeeindruckt einer Stärkung des Kindertheaters das Wort zu reden. Dahinter stand die von allen als brennend empfundene Frage: Wie gewinnt man den Bühnen neues Publikum?

Lehrer und Eltern führen ihre Kinder nicht mehr an Schauspiel, Oper und Ballett heran. Dass in unteren Gesellschaftsschichten oder unter Zuwanderern immer noch Schwellenängste vor dem Theaterbesuch existieren, berichtete Reinhard Zinkann, ein Sponsor des Bielefelder Stadttheaters. Zinkann, der viel in der Welt herumkommt, pries den deutschen Föderalismus. Der erlaubt - anders als in den USA oder Frankreich - grosses Theater auch in der Provinz, nicht nur in den Metropolen. Stolze siebzig Prozent der Uraufführungen in Europa finden auf deutschen und Schweizer Bühnen statt. Wie lange noch?