Einkommensverhältnisse und Gagen im deutschen Sprechtheater


Das Gehaltsgefälle an den Bühnen ist steil. Viele Theaterkünstler verdienen eher wenig, richtig gut geht es nur einem kleinen Teil der Branche.

Obwohl wenige Länder ihre Theater so großzügig subventionieren wie Deutschland, sind die Einkommensverhältnisse vieler Theaterkünstler recht bescheiden. Die monatliche Mindestgage für am Theater fest angestellte Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Dramaturgen, Regie- und Bühnenbildassistenten liegt derzeit bei brutto 1.550 Euro. Für viele ist das nicht nur zu Beginn ihrer Karriere das Einkommensniveau, an das sie sich gewöhnen müssen. "Es gibt an den Stadttheatern viele erfahrene, viel beschäftigte Schauspieler, die weniger als 2.000 Euro im Monat verdienen", berichtet der Regisseur Stephan Suschke, der selbst an mittelgroßen Stadttheatern arbeitet. 2.000 Euro: das ist, nur zum Vergleich, etwa das Einstiegsgehalt eines Lokführers und deutlich weniger als ein erfahrener Facharbeiter in der Industrie verdient. Der Karrieresprung von kleineren Bühnen an die großen, finanziell besser ausgestatteten Staatstheater, ist selten. Wer in der Provinz auftritt, Bühnenbilder baut oder inszeniert, hat wenig Chancen, von Intendanten größerer Theater gesehen und engagiert zu werden.

Eher unfrei: Die Freiberufler

Da viele Theater seit mehreren Jahren erheblichen Sparzwängen unterliegen, haben vor allem die kleineren Bühnen Stellen im Ensemble gestrichen und arbeiten verstärkt mit Künstlern, die nur mit Sückverträgen für die jeweilige Produktion engagiert werden und für Stückverträge gilt die Mindestgage nicht. Etwa 6.000 feste Stellen wurden im künstlerischen wie im nicht-künstlerischen Bereich an den Bühnen und Orchestern in den vergangenen zehn Jahren abgebaut, schätzt Rolf Bolwin, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Hans Herdlein, Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, beobachtet ein "Abdrängen der Mitarbeiter in die Selbstständigkeit. Das Angebot an Arbeitsplätzen ist in allen Bereichen geschrumpft. Viele Künstler können ihre Gage nicht mehr nach oben verhandeln, sondern müssen froh sein, wenn sie sie halten können." Die Folge: An vielen kleineren und mittelgroßen Theatern verdienen die durch Tarifverträge besser abgesicherten Verwaltungsangestellten und Bühnentechniker mehr als die Schauspieler.

Besonders schwierig ist es für die wachsende Zahl der nicht fest an einem Theater engagierten Künstler geworden. Vor einigen Jahren konnten Freiberufler die Zeiten zwischen den Engagements relativ unkompliziert mit Zahlungen der staatlichen Arbeitslosenversicherung überbrücken. Das ist seit einer Reform der Sozialversicherungssysteme nicht mehr möglich. Anspruch auf Arbeitslosengeld hat nur, wer in zwei Kalenderjahren mindestens an 365 Tagen sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, also mindestens in der Hälfte der Zeit. Das gelingt nur wenigen freiberuflich tätigen Schauspielern. Das hat zur Folge, dass viele Freiberufler sich in prekären finanziellen Verhältnissen befinden und zwischen ihren Engagements von ihren Ersparnissen leben müssen.

Kleine Theater, kleine Gagen

Ähnlich bescheiden sind die Regiegagen an kleinen Bühnen. Beispielsweise am Theater Halberstadt bekommt ein Gastregisseur für eine große Opern- oder Schauspielproduktion 5.000 bis maximal 6.000 Euro, für sieben Wochen Probenzeit plus Vorbereitung. Für Reise- und Wohnkosten während der Proben kommen 500 bis 1.000 Euro dazu, ein sehr knapp bemessener Etat. Die Monatsgagen der fest angestellten Schauspieler in Halberstadt liegen zwischen 1.550 und 2.000 Euro, als Gäste engagierte Schauspieler bekommen für sieben Wochen Probenzeit eine bescheidene Pauschale von 1.500 Euro und für jede Vorstellung eine Abendgage von 150 bis 200 Euro. Von solchen Gagen eine Familie zu ernähren oder auch nur halbwegs abgesichert die eigene Existenz zu finanzieren, ist schwierig. Ein mittelgroßes, durchaus typisches Stadttheater wie das Theater Ulm zahlt ein wenig besser, aber auch nicht üppig. Dort verdienen fest engagierte Schauspieler zwischen 1.650 und 3.000 Euro, Regisseure bekommen für eine große Produktion eine Gage von 10.000 Euro. Für dieses Honorar muss ein Regisseur, der sich seriös auf eine Produktion vorbereitet, bei Probenzeiten von sechs bis acht Wochen und einer Vorbereitungszeit von zwei bis vier Wochen mindestens zweieinhalb Monate arbeiten. Sämtliche Reise- und Unterbringungskosten während der Probenzeit zahlt er selbst. Auch ein gut beschäftigter Regisseur, der in Theater wie Ulm arbeitet, verdient deutlich weniger als beispielsweise ein Lehrer.

Das obere Ende

Das andere, das obere Ende der Einkommensverhältnisse markieren die zehn, zwölf finanziell komfortabel ausgestatteten Spitzentheater in den Großstädten Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Dresden und Köln. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, schätzte 2007, dass die meisten der nicht Regie führenden Intendanten der großen deutschen Bühnen brutto zwischen 150.000 und 170.000 Euro im Jahr verdienen. Intendanten, die wie Peymann, Castorf, Dorn selbst inszenieren, verdienen noch ein wenig besser, aber 250.000 Euro brutto im Jahr dürfte auch bei diesen Stars die Obergrenze sein. Auf solche Traumgehälter kommen etwa ein, zwei Dutzend Spitzenverdiener der Branche, weniger als ein Promille der 39.000 an den Bühnen und Orchestern Beschäftigten. An den Münchner Kammerspielen, einem der deutschen Spitzentheater in einer der teuersten deutschen Städte, verdienen Schauspieler zwischen 1.750 und an der Spitze 6.000 Euro im Monat. Aber auch solche ansehnlichen Gagen sind nichts verglichen mit den Honoraren, die Schauspieler beim Film verdienen können. Als Faustregel gilt: Was ein gut beschäftigter Schauspieler im Theater im Monat verdient, verdient er beim Film an ein, zwei Drehtagen. Regisseure bekommen an den Münchner Kammerspielen zwischen 12.000 Euro und an der Spitze 40.000 Euro für eine Inszenierung. Ein erfolgreicher Regisseur wie der äußerst produktive Autor und Regisseur René Pollesch oder der Regisseur und künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, dürften auf ein Jahreseinkommen von rund 100.000 Euro kommen. Aber das sind die Stars, die Spitze im Theaterbetrieb. Für die meisten im Theater Beschäftigten sind eher Einkommensverhältnisse wie am Theater Ulm typisch.

Peter Laudenbach
ist Theaterkritiker u.a. bei der Süddeutschen Zeitung und Wirtschaftsjournalist beim Wirtschaftsmagazin brand eins.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion. Mai 2010.

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