„Von Nichts kommt nichts“ – was macht die Krise mit dem Theater, das Theater mit der Krise? - Das Goethe-Institut zur Theaterszene und Trends

Im Moment, das zeigt ein Blick in die Spielzeithefte der Saison 2010/2011, stehen Autoren, Dramaturgen und Regisseure der globalen Krise abwartend gegenüber. Und das, obwohl sie Staatshaushalte zu ruinieren droht.

Heute wissen wir, was parallel geschah, als die Investmentbank Lehmann Brothers im Herbst 2008 wie ein ertrinkender Renditeschwimmer nach Luft japste. Dem Bankhaus waren mehrere Milliarden spekulierendes Finanzmaterial abhanden gekommen, es versuchte aber immer noch diese „Alles wird gut“-Atmosphäre zu verbreiten. Zu diesem Zeitpunkt deutete die Krise sich zart an, Elfriede Jelinek allerdings schrieb bereits an ihrem Text Die Kontrakte des Kaufmanns, während das sich gerade neu formierende Hamburger Thalia Theater sehr schnell zusammen mit dem Kölner Schauspiel entschied, den Textstrom über global flutende Finanzströme in der Inszenierung von Nicolas Stemann umgehend in den Spielplan zu nehmen.

Habenichtse

Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ in einer Fassung von Luk Perceval, Münchner Kammerspiele; Foto: Andreas PohlmannVerwunderlich war das insofern nicht, als Theatermenschen, vor allem wenn sie zu den Einsteigern im Job gehören, so wenig verdienen, dass sie in einer permanenten Finanzkrise leben. Wer also hätte besser von jenem Gemütszustand berichten können, den Elfriede Jelinek mit ihren Wortspielen evoziert. „Keine Erträge, von nichts kommt nichts, doch es kommt, das große Nichts, wo wir Habenichtse sitzen und an unsren Fingernägeln nagen.“

Das Theater hatte in der sprachgewaltigen Nobelpreisträgerin ein Sprachrohr gefunden und stürzte sich von Freiburg über Saarbrücken bis Göttingen und Berlin auf die Kontrakte. Das war allerdings nicht alles. Auch andere Bühnen widmeten sich schon zu einem frühen Zeitpunkt jenen klassischen Stoffen, die von den „Habenichtsen“ berichten, die Elfriede Jelinek mit spöttischen Wortgirlanden bedenkt: Dem kleinen Mann, der heute schon mal seine Rente verzockt, in Ödön von Horvaths Kasimir und Karoline aber noch ein abgebauter Chauffeur ist und in Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? Johannes Pinneberg heißt.

Ein Kreis schließt sich

Luc Percevals Adaption und Inszenierung des Romans an den Münchner Kammerspielen spannt einen Bogen zur Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren, während Dennis Kellys neues Stück Liebe und Geld wie ein Echo aus der Jetztzeit wirkt. Im Zentrum steht ein Mann, der beim Selbstmord seiner Frau nachhilft, um mit ihr auch die Schulden der Ehegemeinschaft loszuwerden. Das Stück wurde bereits an sieben Theatern inszeniert und kommt in der kommenden Saison in Oberhausen und Wuppertal auf die Bühne.

Ein Kreis schließt sich. Immerhin sind das genau die Städte im Ruhrgebiet, die im Zuge der sich verschärfenden Finanzkrise über die Schließung ihrer Theater nachdenken. Vor allem in Wuppertal wurde die zurückliegende Saison von Protesten gegen die Schließungspläne begleitet und man könnte annehmen, das Thema „Krise“ finde sich im neuen Spielplan pointiert wieder. Aber selbst im Vorwort des Spielzeitheftes ist der Ton dezent. Man spricht von „wirtschaftlich schweren Zeiten“, während sich im Spielplan außer Dennis Kellys Liebe und Geld und Rafael Spregelburds Dummheit, dem Stück zum Thema „Raffgier“, kein Widerhall auf die weiterhin angespannte Weltwirtschaftslage findet.

Mit dieser vornehmen Zurückhaltung steht Wuppertal nicht alleine. Im Moment sind die Theater eher auf der Suche nach Möglichkeiten der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Krise. Ansonsten leben sie nach dem Motto, das im Wuppertaler Spielzeitheft unter dem Bild eines Fischverkäufers steht: „Wer den Aal am Schwanz festhält, der behält gar nichts“.

Auf Nummer sicher

Das Spielzeitbuch des Mainzer Staatstheaters: „Krise als Chance“Man versteht, dass Dramaturgen, wollen sie das Thema „Krise“ packen, immer wieder darauf stoßen, dass Texte zum Thema nun mal nicht auf Bäumen wachsen. Also verhalten Theatermenschen sich wie die Krise selbst: Bedeckt, unauffällig und wortkarg. Entsprechend sind die Premierenankündigungen zur nächsten Saison. Die Theater gehen mit den gewohnten Klassikern zuerst einmal auf Nummer sicher und gestatten sich ansonsten zwei bis drei Spielplanpositionen mit inhaltlichen Bezügen zum Thema.

Das Mainzer Staatstheater ist da schon die Ausnahme, wenn es der neuen Spielzeit das Motto „Krise als Chance“ voranstellt und gleich zum Spielzeitauftakt mit der Uraufführung von Laura Fernández’ Gegengipfel die „sarkastische Antiglobalisierungs-Farce einer argentinischen Autorin“ vorstellt. Regisseur ist Philipp Löhle, dessen eigenes neues Stück Supernova Mitte der Spielzeit in Mannheim uraufgeführt wird. Da wird im Schwarzwald ein Goldrausch ausbrechen und es wieder einmal die Gier sein, die Menschen aus der Bahn wirft.

Mannheim und Mainz liegen mit jeweils drei Stücken zur Krise voll im Trend. Dasselbe gilt unter anderem für das Staatsschauspiel Dresden, das dem Münchner Beispiel folgt und Hans Falladas Kleiner Mann – was nun? auf die Bühne bringt. Später in der Saison folgt die Nach-Inszenierung von Elfriede Jelineks Die Kontrakte des Kaufmanns, die die Theater wohl noch einige Zeit beschäftigen werden.

Jürgen Berger

ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, TAZ und Theater heute. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und danach bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.

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August 2010