Ein Dank, der es in sich hat - Stephan Kimmigs Dankesrede anlässlich der FAUST-Preisverleihung

Stephan Kimmig erhielt den FAUST für seine Regieleistung bei „Kinder der Sonne" am Deutschen Theater Berlin. Seine Dankesrede drucken wir hier in ganzer Länge – einschließlichlich des zweiten Teils, den Kimmig aus Zeitgründen bei der Feier nicht vorgetragen hatte.

Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung! Wir, das sind die Schauspieler, das Team und das Theater. Seit diesem Sommer versucht man mal wieder das deutsche Stadttheater anzugreifen – es bekomme 90 Prozent des Geldes im Vergleich zur Freien Szene, bringt aber nur 10 Prozent der Innovations- leistung... Und dann wird auch wieder die Abschaffung von Ensemble und Repertoire propagiert: Man findet das alles einen alten Zopf; das Stadttheater müsse befreit werden von seinen scheinbar verkrusteten Strukturen, die ja auch gar kein kreativ-künstlerisches Arbeiten er- möglichen, also Innovation verhindern etc.

Dazu ein paar Sätze: Auf dem Gebiet der emotionalen Verortung von Text und Sprache und dem, was dazwischen liegt, das Rauschen und die Stille, leistet der Schauspieler heute an vielen Stadttheatern einen permanenten Innovationsbeitrag innerhalb dieses großen Raumes: Sprache-Emotion-Denken. Welches Tempo, welchen Rhythmus muss ich heute investieren, wenn man Bruch für Bruch, Schicht für Schicht, Detail für Detail in ungesicherte Denk- und Emotionsräume geht, – dabei nicht die Transparenz nach außen vergisst, auch in den roten Bereich hineinarbeitet, über die 100 Prozent geht, in den Bereich, wo's schmutzig und dreckig wird – vom Humor in die Melancholie, von der Depression an die Oberfläche springt. So sollen Denkräume der Ambivalenz entstehen, mit ihrem Chaos aus aggressiven Zerstörungsenergien, Sehnsucht, Wut und Lust. Und wie kann man das heute alles zeigen, ohne Kitsch, Pathos, Gefühlsschwurbelei, Künstlichkeit oder Kapitulation, also dem Gar-nix-mehr- zeigen? Und wie geht das, dieses Extrem-Scharfstellen des Spielers und des Spielens? Und damit kein Missverständnis entsteht; das muss jetzt nicht laut sein, das kann auch ganz leise vonstatten gehen, und dann brüllt eben die Stille. Man muss ja auch immer mitdenken, auf dem Theater sieht man die Entstehung eines Moments, und die Zerstörung des Moments, – man sieht den Aufstieg und Fall eines Augenblicks; also absolut verschärfte Bedingungen für den Theaterschauspieler. Bei uns in Deutschland sind die Ensembles der Stadttheater ein Ort, an dem die nötige Arbeit für das Spielen heute getätigt wird und der entscheidende Faktor für die Zuschauer- Bindung, das Zuschauerinteresse. Denn die Städter wollen ihre Schauspieler sehen und kennenlernen und mit ihnen Zeit verbringen.

Weiterlesen: Ein Dank, der es in sich hat - Stephan Kimmigs Dankesrede anlässlich der FAUST-Preisverleihung

Der„Faust“ 2011 – Der Tragödie erster Teil

Der „Faust" ist aus. Was bleibt, sind die Preisträger_innen und ihre üblichen (Dankes-)Reden und Glückwünsche. Positionierungen in kulturpolitischen Diskursen blieben dagegen die Ausnahme in der Veranstaltung zum Theaterpreis „Faust", den das Feuilleton gerne leicht verächtlich als „Oscar der deutschen Theaterwelt" tituliert. Draußen campte die Occupy Bewegung und drinnen verlieh man Edelmetall in Wagner-Kulisse. Die Chance, den Rahmen eines derartigen Treffens auch als Diskursplattform für kulturpolitische Fragestellungen zu begreifen, wurde wieder einmal verschenkt.

Dabei bot der Preis durchaus Anlässe, um über Theaterpolitik zu streiten. Die scheidenden Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die forderte, dass das Theater ästhetisch mehr wagen und lieber „grandios scheitern" als im „Mittelmaß enden" solle, könnte man zum Beispiel mit der Frage begegnen, wie das möglich sein soll, wenn die Theater gleichzeitig dauerhaft um ihre Gelder bangen müssen und jeder nicht verkaufte Platz die Freiräume für Experimente beschneidet.

Weiterlesen: Der„Faust“ 2011 – Der Tragödie erster Teil

Den Kleinen nehmen...den Großen geben. Wie Hauptstandkulturfonds-Gelder an Millionen-Empfänger umgeleitet werden

Den Intendanten Jürgen Flimm muss der Vorwurf nicht treffen. Er braucht Geld für sein Opernhaus, und davon kann er nicht genug kriegen, zur Not besorgt er sich Zusätzliches vom Hauptstadtkulturfonds. Zwar sieht aus der Perspektive der anderen Berliner Subventionsempfänger schon die Summe von jährlich 42 Millionen Euro Fördergeld aus wie ein turmhoher Batzen Geld, zumal man vor dem Umzug ins Schiller-Theater noch Überschüsse anhäufen konnte. Aber die sind für schlechte Zeiten, nicht für ein Stück wie Nonos „Al gran sole carico d'amore". Das triumphierte in der Salzburger Felsenreitschule und der frühere Salzburger Festspielleiter will es nun auch in fünf Vorstellungen in Berlin präsentieren. Der richtige Ort dafür wäre das Kraftwerk Mitte. Dort gastierten gerade zwei Wochen lang die umwerfenden Tänzer von „Flying Bach" vor ausverkauften Tribünen. Sie verdienten damit Geld. Die Oper gibt vor allem welches aus, wenn sie dort einzieht. Das Kraftwerk für Opernbelange umzubauen, dafür will Flimm zusätzliche Mittel. Eine nachhaltig nutzbare Investition, betont Flimm.

215 000 Euro machen bei den 42 Millionen der Staatsoper den Eindruck von Portokosten. Lebensrettend wirken sie nur aus der Perspektive kleiner Theatercompagnien oder Kunstprojekte. Für die aber war der mit jährlich 10 Millionen Euro gefüllte Hauptstadtkulturfonds ursprünglich gedacht, für Projekte und Veranstaltungen – innovativ, relevant, strahlkräftig. Und für Kultur-Ereignisse, die sonst an der Hauptstadt vorbeizuziehen drohen. Auf keinen Fall sollten sie die Budgets der Staatsoper, der Deutschen Oper (39 Millionen Subventionen), des Preußischen Kulturbesitzes (138 Millionen Euro Fördergelder) und der Berliner Festspiele noch zusätzlich füllen, wenn was fehlt.

Weiterlesen: Den Kleinen nehmen...den Großen geben. Wie Hauptstandkulturfonds-Gelder an Millionen-Empfänger...

Geballter Faust - Glosse

Kürzlich in einer Münchner Inszenierung stellten sich die Figuren auf der Bühne einander vor: alles große Tenöre, Dirigenten, Regisseure. Schließlich deutete einer ins Publikum und fragte: "Und wer ist das?" Die Antwort: "Eine weltberühmte Zuschauerin."

Am Samstag in der Frankfurter Oper, bei der sechsten Verleihung des Theaterpreises Der Faust, den der Deutsche Bühnenverein mit der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergibt, gratulierte sich zur Abwechslung nicht nur die Branche. Sie zeichnete auch eine weltberühmte Zuschauerin aus - Erika Fischer-Lichte, Theaterwissenschaftlerin und Autorin von "Die Semiotik des Theaters". Darin beschreibt sie den Bühnenraum als hochtourig laufende Zeichenmaschine und den idealen Betrachter als Sherlock Holmes: Er entschlüsselt und horcht zugleich aufs Geheimnis.

Weiterlesen: Geballter Faust - Glosse

Die Kunst der Kompromisslosigkeit. Fragen an die Darstellende Kunst bei den Hessischen Theatergesprächen in Marburg

Das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim ist ein Ort, an dem sich Theorie und Praxis die Hand reichen. Deshalb initiierte Prof. Dr. Wolfgang Schneider zusammen mit dem Marburger Intendanten Matthias Faltz und dessen Chefdramaturgen Alexander Leiffheidt die Hessischen Theatergespräche im Landestheater Marburg. Nichts weniger als das Theater unserer Gegenwart stand zur Debatte, und es bemühten sich verschiedene Experten um Antworten.

Zum ersten Gespräch der ersten Spielzeit unter neuer Leitung trafen sich die Vertreter der freien Spielstätten im Landestheater mit dem frischgebackenen Intendanten, welcher selbst den Großteil seiner Karriere Teil der freien Theaterszene war. Auf dem Podium saßen Angelika Sieburg, Landesverband Freier Theater Hessen, Rolf Michenfelder, „german stage service" und Gero Braach, Kulturladen KFZ, in Marburg. Solche Konkurrenz belebt das Geschäft, möchte man meinen, doch die Marburger schätzen verlässliche Partnerschaften mehr als das Wildern im fremden Revier. Mehr Theater, vor allem mehr unterschiedliches Theater, nützt allen und das lässt sich nur erreichen wenn es gelingt, Theater und Gesellschaft zusammenzubringen. Jeder Kulturträger muss sich mit seinen Mitteln der Stadt anbieten, um gemeinsam gesellschaftlich-relevante Themen aufzugreifen, die über Bühnentheaterproduktionen hinausgehen, davon zeugt die feste Verankerung der Freien Kulturinstitutionen in der Marburger Bevölkerung.

Weiterlesen: Die Kunst der Kompromisslosigkeit. Fragen an die Darstellende Kunst bei den Hessischen...