Von Tankstellen, Rucksäcken und fruchtbaren Clashs – Die ASSITEJ-Konferenz „Theater und Schule“

An einem Wochenende in der Münchner Schauburg stellten Wissenschaftler Projekte vor, mit denen Länder, Kommunen und einzelne Theater um das Publikum von morgen werben und den Lernort Schule ästhetisch zu befruchten hoffen. Zum Vorschein kamen: Eine verwirrende Vielfalt, knackige Fragen und ein immenser Kommunikationsbedarf.

Schüler spielen Theater, Künstler gehen an Schulen und in einzelnen Bundesländern legen Lehramts-Studenten im Fach „Darstellendes Spiel“ ihr Staatsexamen ab. Kinder mit größerer ästhetischer und sozialer Kompetenz, ein breites und waches Publikum für die Theater von morgen und Schulen, die Lernen ganzheitlich definieren, sind das Ziel dieser Bemühungen. Was aber, außer der Bestandssicherung ihres Arbeitsmarktes, bringen sie den Künstlern? Auf der Länderkonferenz „Theater und Schule“, die die Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche ASSITEJ am 22. und 23. Oktober 2010 in München veranstaltete, wurde diese Frage kaum gestellt.

Stefan Fischer-Fels, künstlerischer Leiter des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf, erzählte von 55 Stunden Kaffeetrinken im Dienste der Kunstvermittlung, Andrea Maria Erl, Leiterin des Nürnberger Theaters Mummpitz, von ihrem „Kulturrucksack“, der unter anderem obligatorische Theaterbesuche für Grundschulkinder enthält. Und Gastgeberin Dagmar Schmidt, die mit George Podt die Münchner Schauburg leitet, lächelte darüber insgeheim: Sie böten Kindern Kunst. Dann sehe man ja, ob die in der Schule eingezwängte Fantasie noch „tanzen“ könne. Das, sagt Schmidt, müsse reichen.

Ästhetisches Forschen in Kleinstgruppen

Doch vielerorts scheint es das nicht mehr zu tun. Eine Flut von Projekten namens TUSCH, TAtSch und Flux sorgt für Verwirrung. Jedes Bundesland macht sein Ding, manchmal jede Stadt. Jeder macht es anders. Und am Ende weiß keiner, was denn jetzt warum Sinn gemacht hat – oder warum nicht. Da genau hakte die Münchner Konferenz ein, die erstmals Wissenschaftler zusammentragen ließ, welche Kooperationsmodelle Theater, Bundesländer und Kommunen auf den Weg gebracht haben. Darunter hatte sich seltsamerweise auch der Neustart von Lars-Ole Walburg in Hannover gemischt, dem der Vortragende recht willkürlich den Begriff „öffentliche Didaktik“ überstülpte.

Überhaupt vermochte unter den Einzelprojekten lediglich die „Winterakademie“ des Berliner Theaters an der Parkaue auch kritische Diskutanten zu überzeugen. Hier wird den Schülern ästhetisches Forschen in Kleinstgruppen ermöglicht, bei dem sie je ein Künstler begleitet. Die Fragestellungen, so die zuständige Theaterpädagogin Karola Marsch, seien immer so gelagert, „dass wir ohne die Antwort der Gegenseite nicht auskommen.“ Die Ergebnisse dieses tätigen Frage-Antwort-Spiels würden zwar jeweils präsentiert, wichtig sei jedoch vor allem der Prozess. Prima daran: Alle Seiten lernen voneinander. Doch weil das Projekt in den Schulferien für Freiwillige stattfindet, denen man eine gewisse Bildungsnähe unterstellen kann, bleiben die Themen Schulentwicklung und „Bildung für alle!“ außen vor.

Viel Aufwand, geringe Reichweite

Dass der Aufwand in einem ungünstigen Verhältnis zur Reichweite steht, scheint jedoch ein allgemeines Problem zu sein. In Nordrhein-Westfalen, wo das Landesprogramm „Kultur und Schule“ seit 2006 Künstler aller Sparten an Schulen jeder Art bringt, wurden mit bislang 4.500 realisierten Projekten lediglich 3,4 Prozent der Kinder erreicht, erzählt Vanessa Reinwand, Professorin für Kulturelle Bildung in Hildesheim. Die teilnehmenden Künstler müssen sich pädagogisch fortbilden, werden mäßig bezahlt und die Projekte finden nachmittags oder als Arbeitsgruppe statt, was laut Reinwand insgesamt zu einer geringen Wertschätzung der künstlerischen Arbeit von Seiten der Schule führt.

Dagegen scheinen sich die Parteien bei TUSCH auf Augenhöhe zu begegnen. TUSCH, das feste Partnerschaften zwischen einem Theater und einer Schule für zwei Jahre stiftet, gibt es bereits in vielen deutschen Städten, darunter München, Magdeburg und Hamburg. Wie Wolfgang Sting, Professor für Theaterpädagogik und Darstellendes Spiel in Hamburg vom dortigen TUSCH berichtete, ebnen ausführliche Vorgespräche mit allen Akteuren der gegenseitigen Wertschätzung und der der Kultur den Weg. Stings knackige Fragen an das Projekt – Was soll’s? Wie geht’s? wo knallt’s? Was bringt’s? – erwiesen sich im Verlauf der Tagung immer wieder als sinnvoll. Denn stets treffen hier unterschiedliche Parteien und Interessenlagen aufeinander; und diese Unterschiede, dies stellte auch ASSITEJ-Präsident Wolfgang Schneider fest, seien „nicht nivellierbar“.

Zusammenstoß und Vermittlungsarbeit

„X-Schulen“, eine Partnerschaft des Theaters Hebbel am Ufer (HAU) mit einer benachbarten Gesamtschule im Rahmen von TUSCH Berlin, setzt geradezu auf den Clash, den interessanterweise auch einige der wenigen anwesenden Lehrer für fruchtbar hielten. 21 nicht weiter pädagogisch vorbereitete Künstler erarbeiteten mit circa 100 Schülern eine aus kurzen Performances bestehende Tour durch die Schule, die die Zuschauer vor interessante Fragen stellte: Ist dieser Lehrer ein Lehrer – oder ein Schüler, der einen Lehrer spielt?

Vom Konzept bis zu den verantwortlichen Personen erinnert „X-Schulen“ an die „Hauptschule der Freiheit“, die die Münchner Kammerspiele im Sommer 2009 realisierten. Matthias Günther, dort selbst Dramaturg und aufgewachsen in Hessen, erinnerte sich auf dem Podium in einer Spontan-Performance an seine eigene, offenbar bewegende Initiation in die Welt des Theaters: An dessen Duft und Geschmack, den man keinem nahe bringen dürfe, wenn es nicht lebenslang Nachschub gibt. Der Nachhaltigkeitsgedanke also einmal wieder, der wohl schwer umzusetzen sein dürfte, wenn an der falschen Stelle gespart wird. Was Sting für den Erfolg von TUSCH Hamburg als zentral hervorhob – die Existenz einer von ihm „Tankstelle“ genannte Vernetzungs- und Kommunikationszentrale, mit Platz, Ruhe und zugewandten Menschen – dies kann man nicht heftig genug einfordern. Auch bei der Kulturpolitik und anderen Geldgebern.

Sabine Leucht ist freie Journalistin und Theaterkritikerin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die taz und www.nachtkritik.de.

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Dezember 2010