Mit Kultur im Rucksack durch den Kontinent

Bühne Europa: Wolfgang Schneider, Präsident des Kindertheaterverbandes, über neue Trends

Im Kinder- und Jugendtheater hat die europäische Einigung vor einem Vierteljahrhundert begonnen. „Es waren die wilden Achtziger, wo sich eine Explosion der Stile und Themen ergeben hat“, sagt Professor Wolfgang Schneider (52) aus Bischofsheim, der als Präsident des Weltkindertheaterverbandes Assitej die internationale Szene kennt.
Nach den neorealistischen Spielarten der Siebziger, als Autoren und Bühnen die Lebenswirklichkeit ihres jungen Publikums beleuchtet hatten, ergab sich im grenzüberschreitenden Zusammenspiel plötzlich eine enorme Vielfalt: Schweden erzählen im Stück „Schweres Gras“ von Gewalt in der Familie, Schwangerschaft in der Jugend und Selbstmord – für Kinder ab fünf. Niederländische Kollegen greifen den antiken Mythos ebenso auf wie absurdes Theater. Auch dänische und italienische Stücke finden sich seither so regelmäßig wie selbstverständlich auf deutschen Spielplänen.

Als Gründungsdirektor des deutschen Kinder- und Jugendtheaterzentrums in Frankfurt hat Schneider diese Entwicklung von 1989 bis 1997 begleitet. Die Neunziger haben nach seiner Einschätzung eine „Phase der Konsolidierung“ gebracht: „Es ist ja alles schon erfunden. Alle Geschichten sind schon erzählt, aber eben noch nicht auf alle möglichen Arten. Mittlerweile wird das im Repertoire gar nicht mehr so besonders wahrgenommen.“ Von einer Stagnation nach dem Aufbruch der Achtziger will Schneider, seit 2003 Mitglied des internationalen Theater-Instituts, denn auch nicht reden: „Nach dem Fall der Mauer kann man nicht erwarten, dass es sofort einen osteuropäischen Impuls gibt. Aber das vergangene Jahrzehnt war schon stark geprägt von der Zuwendung zum osteuropäischen Kindertheater.“

Dass ausländische Stücke übersetzt, fremde Stoffe aufgegriffen, Konzepte übertragen werden und Theatermacher in der Fremde arbeiten, sei längst Normalität. „Es geht nicht mehr nur um europäische Landschaften, es geht um europäische Phänomene: um Netzwerke.“ Das ist für Schneider der neue Trend. Schließlich ist er selbst ein großer Netzwerker – lokal wie global: nicht nur Weltkindertheaterpräsident, sondern auch seit 1975 Leiter des kommunalen Kinos Mainspitze, SPD-Kommunalpolitiker in Bischofsheim und Ehrenpräsident des Europäischen Netzwerks der Kunst-Organisation Eunetart, vor allem aber seit 1997 Gründungsdirektor des Instituts für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim.

Der promovierte Germanist weiß nicht nur, was Kultur bieten kann, er kennt auch die Kniffe, wie sie politisch ermöglicht wird. „Da hat Deutschland viel zu lernen gehabt von anderen Ländern“, sagt Schneider. Lange sei hierzulande Kindertheater nur unter dem Aspekt des Jugendschutzes gefördert worden: „Was haben wir für Stücke über Aids, Sucht, Gewalt?“ Da werde Kunst schnell zum Erfüllungsgehilfen der Sozialarbeit. „Wir müssen stärker den Bildungsaspekt herausstreichen: Kann das Theater per se so was wie ästhetische Bildung leisten? Da kommen immer mehr auf den Trichter.“ In den Niederlanden (Kunstenplan), Norwegen (Kultureller Schulrucksack), Frankreich (Mediation Culturelle) und England (Audience Development) sei das längst integraler Bestandteil der Kulturpolitik.

International im Trend liege auch die Zielgruppe der Zuschauer bis drei Jahre. „Early Arts“ heißt das in Großbritannien – Kunst mit Schnuller und Windeln. „Ich habe das in Frankreich, Italien und Dänemark gesehen“, sagt Schneider, kurz bevor er nach Bologna abreist, wo Vertreter von 25 Bühnen aus 15 Ländern zu einer Tagung über Theater für die Kleinsten zusammentreffen. Auch die Schule sei länderübergreifend in den Blick der Theater gerückt. Wenn die Kinder nicht zur Kunst kommen, kommt eben die Kunst zu den Kindern. Da gibt es dann die komplette „Medea“ in einer Schulstunde. Ein beliebtes Stück auf Bühnen wie in Klassenzimmern kommt auch aus Deutschland: „Klamms Krieg“, Kai Hensels Monodrama eines frustrierten Lehrers, ist in viele Sprachen übersetzt.

Den größten deutschen Beitrag für das internationale Kindertheater aber hat Deutschland mit dem emanzipatorischen Kindertheater der Siebziger geleistet: Stücke, die Mut machen, das Selbstbewusstsein der kleinen Zuschauer stärken. „Das war impulssetzend“, sagt Schneider. Nicht nur in Europa. „Das indische Kindertheater lebt nach wie vor von der Dramaturgie des Grips-Theaters“.

erschienen in: Darmstädter Echo - 13.3.2007