Drei Stunden mit dem Leiter des Jungen Schauspielhauses Hamburg

Mit seiner Eröffnung (und der gleichzeitigen Premiere von Ad de Bonts "Mutter Afrika" am 23. September 2005) als 2. Sparte des Hamburger Schauspielhauses wird Kinder und Jugendtheater erstmalig fest institutionalisiert. Klaus Schumacher, der 1992 das Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Universität Hildesheim absolvierte, übernahm die Leitung der Einrichtung in ihrer Geburtsstunde.

Das Junge Schauspielhaus ist jung. Mit seiner Eröffnung (und der gleichzeitigen Premiere von Ad de Bonts "Mutter Afrika" am 23. September 2005) als 2. Sparte des Hamburger Schauspielhauses wird Kinder und Jugendtheater erstmalig fest institutionalisiert. Klaus Schumacher, der 1992 das Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Universität Hildesheim absolvierte, übernahm die Leitung der Einrichtung in ihrer Geburtsstunde. Mit seiner Frau und den zwei Kindern wohnt er heute in Bremen. Schumacher leitete vier Jahre lang das moks-Ensemble und inszeniert auch immer wieder als freier Regisseur. Im Moment probt er am Schauspielhaus in Bremen "Sanft Und Grausam" von Martin Crimp.

Klaus Schumacher spricht den Begriff Karriere mit Widerwillen aus - doch malt sich sein Weg über Stuttgart, Hannover, Bremen und andere Städte ins traditionsschwere Hamburger Haus bunt wie spannend, ist voll von Bewegung. Und begann einst in Hildesheim. "Mein Studium war eine Entdeckungsreise - im ersten Semester habe ich Aktmalen, Bildhauerei, das Drehen von Videoclips und Filmen, Theater, Literaturgeschichte in den Einkaufskorb geschmissen - und all das sehr genossen. Das Studium der Kulturwissenschaften in Hildesheim ist extrem interdisziplinär und nicht sehr zielgerichtet. Man wird zum Herausfinden aufgefordert: Jetzt weiß ich, dass ich es selbst in die Hand nehmen und initiativ werden muss. Ich darf nie darauf warten, dass mich einer anruft. Denn: es ruft keiner an! Ich muss es selber tun und selber Projekte erfinden, gründen. Vielleicht kommt dann jemand auf die Idee zu sagen: mit dir möchte ich gern arbeiten“.

Nicht zu warten war für Schumacher eine wichtige Erkenntnis. Die Entscheidung für Hildesheim traf er zunächst aus Verlegenheit. „Ich wusste nicht richtig, was ich bin, was ich sein oder werden wollte, habe es aber dort schließlich herausgefunden. Wir haben Theater ASPIK gegründet und sehr ambitionierte Theater-Projekte gemacht. Da hat's gebrannt und ich habe gewusst: das steht für mich, das möchte ich machen“, sagt der künstlerische Leiter des Jungen Schauspielhauses heute.

Die ersten Jahre nach dem Studium stand das Theaterspielen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Regieaufgaben kamen hinzu. Sie sind bis heute ein wichtiger und erfolgreicher Arbeitsbereich. Später folgten Leitungsaufgaben. So kam 2000 aus Bremen das Angebot, die Leitung des Kinder- und Jugendtheaters zu übernehmen. Er nahm an und blieb vier Jahre in dieser Position. Eine Inszenierung in Stuttgart machte den Intendanten des Schauspielhauses Hamburg, Friedrich Schirmer, auf den ambitionierten Regisseur Schumacher aufmerksam. Die Entscheidung, nach Hamburg zu gehen hat Schumacher nicht bereut: „Es ist eine tolle Aufgabe, das Junge Schauspielhaus aufzubauen und wirklich das, was man sich als Künstler oder Theatermacher wünscht: mein Job hat viel mit mir zu tun.“ Von Karriere möchte er in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Das sei ein Begriff, der in Deutschland relativ negativ belegt ist. „Ich habe einfach das Glück, das zu tun, was ich am liebsten mache - nämlich Theater. Momentan befinde ich mich in einer luxuriösen Situation. Ich kann Stücke selbst schreiben und entwickeln, ein eigenes Programm machen und ein Team zusammenführen, das einen Weg mit mir geht. Allerdings kann sich das in ein paar Jahren wieder ändern“, so Schumacher. Er weiß, wie schnelllebig der Theaterbetrieb ist. Zu Beginn einer Inszenierung, weiß man auch nicht, was am Ende dabei rauskommt. Jede Inszenierung fängt bei Null an und hört sehr weit oben auf.

Im Moment läuft es für den Theatermacher in Hamburg sehr gut. Er kann ausverkaufte Vorstellungen verbuchen und wird von Erfolg verwöhnt. Anbei lobt er die Arbeit der Kulturjournalisten sowie seines Ensembles: „Das Junge Schauspielhaus erhält eine gute Öffentlichkeit über die Presse, die sich ernsthaft mit unserer Sparte beschäftigt, was im Kinder- und Jugendtheater nicht immer so war. Dies liegt auch an der wirklich ambitionierten Arbeit unseres Teams.“ Er nennt als Beispiel Taki Papaconstantinous Stück für Kinder ab 6 mit einer sehr außergewöhnlichen Bildqualität und -sprache. Den Schweizer Regisseur hatte er in Frankfurt kennen gelernt. Als Programmleiter ist Schumacher ständig auf der Suche nach Leuten, mit denen eine Zusammenarbeit in Frage kommt. Nach einem Treffen der beiden Theatermacher in Zürich wurde Papaconstantinou in die Hansestadt eingeladen und hat im Februar mit der Premiere der "Wilden Schwäne" nach Andersen in einer Fassung von Thomas Brasch im Malersaal seine erste Arbeit am Jungen Schauspielhaus vorgestellt. "Ich finde sehr wichtig, dass man nicht `Kinderquatsch mit Michael` macht. Das Theater ist und bleibt ein Kunstort und sollte nicht als Vehikel für pädagogische Zwecke genutzt werden. Wir wünschen uns diesen Ort als Erfahrungsraum.“

In der Kinder- und Jugendtheaterszene wird stets hart um Mittel gekämpft. Für sein kleines Ensemble in Bremen hatte Schumacher eine finanzielle Ausstattung, die bei drei Prozent des Gesamtetats lag. "Das war eklatant. 20 Prozent der Bevölkerung sind Kinder und Jugendliche. - und wir geben ihnen zwei oder drei Prozent, weil sie keine Lobby haben. Dies spiegelt unsere Wertschätzung für die Kinder und Jugendlichen in unserer Gesellschaft wider - was wir für unsere Kinder tun müssten, überlassen wir Werbefirmen und amerikanischen Produzenten“, so seine Sorge. In Hamburg liege die Wertschätzung da schon etwas höher. Für ihn persönlich zählt Qualität. Auch erkennt er ein Umdenken in diesem Bereich. „Gegenzuhalten finde ich so wichtig! Während der letzen 10, 15 Jahre hat sich im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters sehr viel getan  - doch das ist immer noch zu wenig.“ Sein Blick schweift gerne nach Hildesheim, wo auch dieser Theaterbreich fest im Universtätsbetrieb installiert ist und weiter ausgebaut wird. Schön, dass er gern Studierende einlädt und den Kontakt zu seiner Alma Mater aufrecht hält.