Die Sinnfrage

Statement des GRIPS Theaters zur Veranstaltung „Theaterland wird abgebrannt“ am 3. Oktober 2003 im Schiller Theater Berlin

Angesichts der öffentlichen Sparpolitik stehen die Theaterleute unter Druck, ihre Arbeit zu rechtfertigen. Sie sollen ihre Existenzberechtigung, ihren gesellschaftlichen Sinn nachweisen.

 

Wir sind es derart gewohnt, unsere Arbeit rechtfertigen zu müssen, dass uns gar nicht einfällt, den Spieß einmal umzudrehen und zu fragen, was denn in dieser Gesellschaft sonst noch so alles getan wird und wie sinnvoll oder sinnlos das ist. Merkwürdiger Weise kommt nämlich niemand auf die Idee, die Existenzberechtigung von Unternehmen anzuzweifeln, die etwa Autotüreninnenverkleidungen herstellen und fieberhaft neue Materialien für immer neue Plastikteile entwickeln. Oder von Unternehmen, die andere Unternehmen dabei beraten, wie sie möglichst viele Leute entlassen und aus den übrigen ein Maximum an Leistung herauspressen können. Oder von Betrieben, die Tretminen und Granatwerfer herstellen. Es kommt auch niemand auf den Gedanken, z.B. der gesamten Werbebranche einmal die Sinnfrage zu stellen, obwohl durchaus fragwürdig ist, was die Menschen davon haben, wenn ihnen mit Hilfe von Pin-up-Girls Sachen angedreht werden, die sie bei unvernebeltem
Bewusstsein niemals kaufen würden.

Woran liegt das? Wie kommt es, dass überall dort, wo es um Kultur, Gesundheit, Bildung und menschliche Fürsorge geht, nur von Kosten und Lasten die Rede ist, während dort, wo unter Einsatz ungeheurer menschlicher und natürlicher Ressourcen ein Haufen Zivilisationsmüll und Zerstörung produziert wird, von Innovation, Investition, Wachstum, wirtschaftlicher Dynamik und dergleichen die Rede ist?

Die Beantwortung dieser Fragen führt in die Logik der Kapitalakkumulation, unter deren rationalem Gewand letztlich der blanke Irrsinn hindurchscheint.
Aber hier geht es jetzt nicht um Antworten, sondern darum, überhaupt erst einmal die richtigen Fragen zu stellen.

Was wir brauchen, um als Theaterleute aus der bloßen Verteidigung des Besitzstandes, aus der Selbstbespiegelung und dem Selbstmitleid herauszufinden, ist eine Konfrontation der Gesellschaft mit solchen Fragen.
 

Fabian Scheidler,
Dramaturgie