Spurensuche 8 in Bonn

Aus dem ganzen Land war das Theatervolk angereist, um an diesem einzigartigen Festival teilzunehmen, das alle zwei Jahre in einer anderen Stadt stattfindet und dieses Jahr bereits zum achten Mal ausgerichtet wurde. Die “Spurensuche” ist nicht nur Theaterfestival, sondern auch ein Austausch- und Arbeitstreffen: Man trifft sich, um gemeinsam Kindertheater anzusehen, sich darüber auszutauschen und um selbst tätig zu werden.

Veranstaltet wird das Festival von der ASSITEJ, der weltweit tätigen Organisation für Kinder- und Jugendtheater. Das Theater Marabu, ein professionelles freies Kinder- und Jugendtheater, sowie das Kulturzentrum Brotfabrik, das ebenfalls ein vielfältiges Programm im Bereich der Kinderkultur vorweisen kann, präsentierten das Festival gemeinsam.

Das Programm

In der Festivalwoche vom 28.Mai bis 3.Juni wurden insgesamt 11 Inszenierungen gezeigt. Die für die Gespräche entscheidenden Inszenierungen wurden aus Deutschland eingeladen, das Abendprogramm wurde durch Gruppen aus verschiedenen Nachbarländern und vom ausrichtenden Theater selbst gestaltet.
Für die fünf Inszenierungen aus Deutschland wurde bei der Auswahl das so genannte Patenprinzip angewendet: Ein Theater schlägt ein anderes Theater vor und eine Endredaktion stellt, nach Sichtung der vorgeschlagenen Stücke, das endgültige Programm zusammen.
Außerdem wurden zum diesjährigen Thema “Motivation” Vorträge zu verschiedenen Themenbereichen des Theaters gehalten, Ensemblegespräche und Ateliers waren weitere wichtige Programmpunkte.

Die geladenen Inszenierungen

Die Stücke der diesjährigen Auswahl umfassten ein breites Spektrum. Bei der Inszenierung “Aus dem Haus heraus” des “Helios Theaters” aus Hamm wurde auf der Grundlage von 180 Bausteinen eine Geschichte über das Drinnen und das Draußen und die Probleme, die durch Isolation entstehen können, entwickelt. Der Spieler Michael Lurse lud die Zuschauer zum Betrachten seiner kleinen Welt ein. Die Bausteine waren dabei in Form von Hochhäusern Symbol für die große Stadt außerhalb seiner Wohnung. Als eine kleine Figur bei ihm auftaucht, die, auch nachdem der Spieler sie eingesperrt hatte, nichts anderes als raus will, kommt die Stadt zu ihnen herein. Ein Großteil der Bausteine bahnt sich seinen Weg in die Wohnung und Geschichten von draußen finden ihren Weg in das Drinnen.
Begleitet wird diese Geschichte von dem Musiker Roman D. Metzner, der ebenfalls im Draußen isoliert auf seiner kleinen “Insel” Akkordeon spielt und so eine Art Soundtrack zu der scheinbar verzweifelten Lage des Protagonisten liefert.
Bemerkenswert schienen mir auch die beiden Inszenierungen, die jeweils in der Regie von Horst
Hawemann entstanden und dennoch sehr unterschiedlich erarbeitet und fertig gestellt wurden. Das “Weite Theater” aus Berlin hatte nach Jürg Schubigers gleichnamigem Buch “Als die Welt noch jung war” eine feine, mit phantastischrealistischen Geschichten gefüllte Vorstellung erarbeitet.

Eine Frau und ein Mann (gespielt von Irene Winter und Torsten Gesser) treffen sich. Die Frau sammelt die unterschiedlichsten Dinge, die in einer anderen Welt bereits eine Funktion hatten, aber nun abgelegt wurden. Mit Hilfe dieser gesammelten Gegenstände lassen beide Geschichten über den Anfang der Welt und über noch ungestellte Fragen entstehen. Sie werden feinfühlig und mit spielerischer Leichtigkeit erzählt, und die dafür verwendeten Bilder wirken keinesfalls illustrativ, sondern öffnen ihrerseits wieder neue Welten und verstärken die Freude am Zusehen. Da kommt es vor, dass ein Kuss zwischen Spieler und Puppe zu einem höchst sinnlichen Moment wird. Die Sprache der Textvorlage ist poetisch und klar zugleich, aber auch die inszenatorische Umsetzung ist sehr spannend und vielseitig gelungen.
Das “Theater Pfütze” aus Nürnberg dagegen wagte sich mit Horst Hawemann an den großen Parzival-Mythos. Ohne konkrete Textvorlage, über Improvisationen und kollektive Zusammenarbeit entstand diese Inszenierung, die zeigt, dass Theater ein großes Erlebnis sein kann und dass ein Mythos auf komische und gleichzeitig ernste Art umgesetzt werden kann. Parzival, der zu Beginn des Stückes einem Tollpatsch gleicht, aus Versehen einen Vogel erschießt und außer dem Ritterwunsch nicht viel mehr zu denken scheint, wird im weiteren Verlauf zu einem nachdenklichem, fast gebrochenem Helden, der erst auf der Suche nach dem Gral zu verstehen beginnt, dass im Leben auch andere Dinge außer dem eigenen Erfolg wichtig sind. Diese Wandlung wurde durch die dreifache Besetzung der Hauptrolle, für jeden Abschnitt der Geschichte gab es einen anderen Spieler, anschaulich verdeutlicht. Das Bühnenbild war aufwendig und doch schlicht. Eine Drehbühne, die von den Spielern angeschoben werden musste, stellte unter anderem die Tafelrunde dar. Der Vorhang wurde durch seine Wandelbarkeit fast zum Mitspieler, er wurde ganz oder halb geöffnet, oder gehängt und gab bei einer Kampfszene abwechselnd nur den Blick auf eine der beiden Seiten des Geschehens frei.
Zu einigen geladenen Stücken ließen sich Patenklassen finden, die sich bereits im Vorfeld im weitesten Sinne mit den Themen der Stücke befasst hatten und im Anschluss an die Vorstellung mit den Künstlern ins Gespräch kamen. So waren in den Vormittagsvorstellungen zusätzlich zum Fachpublikum Kinder anwesend, die dem Alter der Zielgruppe entsprachen.

Die Ensemblegespräche

Bei den von Christel Hoffmann und Albert Wendt konzipierten Gesprächen, ging es um die Auseinandersetzung mit dem, was gesehen wurde, und um das Formulieren von produktiver Kritik. Die Setzung der Regeln, die von Albert Wendt zu Beginn jeder Gesprächsrunde vorgetragen wurden, gab den Ton vor:
“Meine Damen und Herren,
verehrte Künstler des Freien Theaters!
Beginnen wir jede Diskussion mit einer Unterstellung.
Unterstellen wir unserem Gegenüber Wohlwollen.
Feiern wir das Gelungene.
Machen wir das Nicht-Gelungene produktiv.
Gehen wir im Streit – wenn es nötig ist – bis an die Grenzen.
Das (weißes Handtuch) ist die Grenze.
Wird das Handtuch geworfen, gibt es kein Nachhaken mehr,
kein Nachtreten und kein “sich noch mal besser erklären”.
Der Pate entscheidet (Handtuch wird übergeben).”
Es wurden Bilder und Eindrücke gesammelt, es wurde versucht, Gesehenes und auch Unverstandenes zu formulieren. Von den Paten erfuhren die Zuhörer mehr über die jeweilige Gruppe und die Motivation, die zum Vorschlag der Inszenierung geführt hatte. Die Gruppe selbst schilderte den entstehungsprozess. So erhielt man einen guten Gesamtüberblick. Bei der Benennung und Überprüfung der Spielvereinbarung wurde bei manchen Gesprächen herausgearbeitet, dass die Gruppe ein Angebot nicht durchhielt, oder überhaupt Brüche und Unklarheiten in der Inszenierung zu finden waren. Es wurde also auch Kritik geübt, dies geschah aber im Dialog und mit der Wahrung des Respekts, den Künstler sich untereinander und auch den Inszenierungen entgegenbringen sollten.
Noch nie habe ich in solcher Weise geordnete Ensemblegespräche erlebt.

Die Ateliers

Die in den Jahren zuvor als Werkstätten bezeichneten Arbeitsgruppen wurden von Christel Hoffmann konzeptionell überarbeitet und in Ateliers umbenannt. Der Unterschied bestand darin, dass der Schwerpunkt auf das gemeinsame Arbeiten gelegt und dadurch vom reinen Konsumieren Abstand genommen wurde. Alle Teilnehmer eines Ateliers sollten gemeinsam etwas erarbeiten, sich nicht nur vom Leiter lenken lassen, sondern auch selbst aktiv werden. Inhaltlich beschäftigten sich nur zwei Ateliers mit den Inszenierungen. Das Tanzatelier von Annett Israel und Livia Patrizia erarbeitete aus Elementen des Parzival-Mythos Bewegungsund Tanzformen, die sich mit Kampf und Kämpfen, aber auch Fragen nach der Identität beschäftigten. Das Regie-Atelier bei Tatjana Rese beschäftigte sich, ebenfalls auf der Grundlage des Parzival-Stoffes, mit den dramaturgischen und inszenatorischen roblemen bei der Erarbeitung. Außer dem Text der Nürnberger Inszenierung wurde zusätzlich das
Parzival-Drama von Eschenbach hinzugezogen.
In dem Atelier des in Italien tätigen Gyula Molnar probierten sich die Teilnehmer am Theater mit Objekten. So entstand eine kleine abwechslungsreiche Inszenierung. Im Rahmen des Abendprogramms gab Molnar eine Vorstellung seines von Ironie und Witz geprägten “Gagarin”, in der er den Theorien und Gerüchten um den ersten Mann im All nachging. In dem Regie-Atelier des Schweizers Enrico Beeler wurde u.a. untersucht, wie ein Text in Bewegung kommen kann.
Der schwedische Bühnenbildner Roland Söderberg erstellte gemeinsam mit der Gruppe ein Bühnenbild, das komplett aus Papier bestand.
Am Ende der Woche stand eine kurze Präsentation, bei der jedes Atelier einen Einblick in
die jeweilige Arbeit gab.

Weitere Inszenierungen

Zur Eröffnung zeigte das “Theater Marabu” das Stück “Clara und ihr Vogel”. Die besondere Atmosphäre in einem aufblasbaren Zelt, vor dessen Betreten ein jeder seine Schuhe ablegen musste, stellte einen besonderen und sensiblen Startpunkt für das Festival dar. Zur Einleitung des Abendprogramms zeigte das “Agora Theater” seine Inszenierung “Die Kreuzritter”
Die Inszenierung “Täglich Seife” der “JungenBühneBonn” beschäftigte sich mit Fragen nach der Identität. Die Schüler und Studenten des Jugendclubs spielten für das Fachpublikum und gaben im Anschluss daran Einblicke in ihre aktive Theaterarbeit am “Theater Marabu”. Die Ikarusgeschichte wurde ebenfalls vom “Theater Marabu” in einer Form präsentiert, die den Zuschauer auch physisch mit einbezog. In einem Kreislabyrinth sitzend, wurde diese Geschichte über Vater und Sohn, über die scheinbare Ausweglosigkeit, die Freiheit versprechende Idee des Fliegens und schließlich über den Übermut sehr einfühlsam und nahe gehend erzählt, mit einfachen Mitteln und mit Einsatz von verschiedenen Erzählebenen.
Die “Vorstellung, in der hoffentlich nichts passiert” von der “Theatergroep Max.” zeigte zum krönenden
Abschluss neue, mutige Wege und Möglichkeiten für das Kindertheater auf, wie sie im Nachbarland Holland bereits länger praktiziert werden. Die in niederländischer Sprache gezeigte Inszenierung beschäftigte sich auf absurde Weise mit verschiedenen Theatermitteln und benannte so z.B. den "Konflikt”, den “folgenden Moment”, der allerdings nie auf die Bühne kam, da der “vorherige Moment” wiederholt auftrat.
Das Publikum wurde so auf sehr anspruchsvolle und lustige Weise unterhalten. Diese Inszenierung könnte für die deutsche Szene richtungweisend oder wenigstens ermutigend sein, da sie zeigt, wie sehr man künstlerisch hochwertiges Theater praktizieren kann, ohne dabei das spezifische Publikum aus den Augen zu verlieren.
Bedauerlich, dass zu den Abendvorstellungen keine ausdrücklichen Gespräche angeboten
wurden.

Gespräch über Veränderungen

Bei einem von der ASSITEJ angesetzten Gespräch über das Freie Theater in Deutschland schilderten Theatermacher die Situation in den verschiedenen Bundesländern. Die nötige Zusammenarbeit mit den Schulen (Stichwort kulturelle Bildung) wurde besonders deutlich, sie ist in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich vorangeschritten. Außerdem wurde die Kooperation freier Gruppen mit staatlichen Theatern angesprochen; auch hier sind Akzeptanz und Nutzung sehr unterschiedlich. Ein weiterer Punkt: durch neue Förderungsmöglichkeiten von Kultur mit Kindern und Jugendlichen werden theaterpädagogische Projekte zurzeit vielerorts initiiert. Die Frage ist dabei allerdings, wie professionell diese Projekte angeleitet werden. Außerdem wurde die Sorge laut, inwiefern neben all der Kultur mit Kindern sich die Kultur für und in diesem Fall speziell das Theater für Kinder seinen Stellenwert erhalten kann bzw. erkämpfen muss. Abschließend wurde festgehalten, dass beide Bereiche des Kindertheaters die Möglichkeit haben sollten, gleichwertig nebeneinander zu existieren.

Motivation, Respekt, Dialog

Diese drei Stichworte waren entscheidend für die diesjährige “Spurensuche”. Christel Hoffmann formulierte ihr Konzept in etwa so: Die Neukonzeption der Ateliers zielte auf den Dialog. Die Routine des Konsumierens sollte durchbrochen, stattdessen aber zum gemeinsamen Arbeiten motiviert werden. Die Ateliers stehen für ein Treffen unter Gleichen, die gemeinsam arbeiten und sich austauschen. Respekt soll sowohl den Künstlern als auch den Teilnehmern entgegengebracht werden. Respekt ist gerade in der Freien Szene sehr wichtig. Es geht nicht darum, persönliche Meinung loszuwerden, sondern um eine kritische Auseinandersetzung.
“Spurensuche 8” war ein gelungenes Festival, bei dem neue Umgangs- und Arbeitsformen ausprobiert wurden und sich, wie ich zu beurteilen wage, auch bewährt haben. In Hinblick auf die teilnehmenden Theater allerdings schien das Festival eher altbewährt. Die Integration neuer, junger Kindertheatergruppen sollte vielleicht in das Programm aufgenommen werden. So könnte auch der Dialog zwischen Jung und Alt auf verschiedensten Ebenen motiviert und für die Kindertheaterszene fruchtbar gemacht werden.